Alles verloren - und doch ein Held

Politische Biografien laufen leicht Gefahr, zu viele Geschehnisse wie in einem Brennglas auf eine Person zu konzentrieren. Für Michael Gorbatschow, der 80. Geburtstag begeht, gilt dieses Risiko nicht: Unbestritten hat er die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts stärker geprägt als jeder andere politische Führer seiner Zeit.

Um nicht missverstanden zu werden: Ein Ende der Sowjetunion und der Ost-Diktaturen war längerfristig unabwendbar. Aber ohne Gorbatschow wäre es sehr viel blutiger verlaufen. Es bleibt sein Verdienst, der Menschheit diese Opfer erspart zu haben.

Angesichts der historischen Wende in den knapp sieben Jahren "seiner“ Ära (1985-1991) tritt die persönliche Biografie zwangsläufig zurück. Nach außen eine klassische Parteikarriere: Jugendfunktionär, Agrarexperte, lokaler Parteichef, dann der Sprung ins Parlament, ins Zentralkomitee und ins Politbüro, dem höchsten Machtorgan der UdSSR. Und doch ist er mehr als ein Apparatschik, ist gebildet und fleißig. Und er hat Glück: Die Parteispitze frequentiert gerne die Sanatorien seiner Heimatstadt Stawropol. Das schafft Kontakte.

54 Jahre erst ist Gorbatschow, als ihn der Serientod von Breschnjew, Andropow und Tschernenko an die Spitze spült - unfassbar jung für die Kreml-Gerontokratie. Wie ein Sturmwind fegt er bald durch erstarrte Strukturen und Institutionen. Mit "Perestrojka“ und "Glasnost“ - Umbau und Offenheit - bekämpft er die sterile, bürokratische Diktatur; mit List, Überredung und halben Rückschritten erkauft er jeden kleinsten Fortschritt. Dabei verliert er die alte Partei, wie auch die enttäuschten Radikalreformer.

Aber Gorbatschow weiß um den untrennbaren Zusammenhang von innerer Reform und Wandel der Außenpolitik. Um wirtschaftlich zu überleben, muss die UdSSR den Rüstungswettlauf beenden, die Militärpräsenz in Osteuropa und der Dritten Welt reduzieren und Fenster zum Westen öffnen. Eine neue Ära beginnt: Der Ost-West-Konflikt taut auf, die Sowjet-Truppen verlassen Afghanistan, das Netz an Abrüstungsverhandlungen wird dichter. Jede Liberalisierung aber nährt Freiheitsträume - die Weichen für das Schicksalsjahr 1989 sind gestellt.

Was dann geschieht, hat sich Michael Gorbatschow nicht gewünscht - sein "europäisches Haus“ war anders konzipiert. In tragischer Verflechtung von Gewaltverzicht und Hilflosigkeit kann er - der zum "Friedensnobelpreisträger“ mutierte Kremlchef - dem Zerfall seines Systems nur noch zusehen: KP-Diktaturen stürzen, der Warschauer Pakt ist am Ende, der Eiserne Vorhang fällt - und das Sowjet-Großreich zerbricht. Sein später Versuch, die UdSSR zur Föderation umzuschmieden, scheitert. Sein freiwilliger Rücktritt 1991 ist Symbol des Scheiterns, aber auch seiner persönlichen Integrität.

Das Russland von Heute erinnert sich seiner mit einer Mischung aus Desinteresse und Verachtung. Ein Staatsmann von historischer Dimension bleibt er dennoch:

• Er hat die Zweiteilung der Welt beendet und die Menschheit aus den Fesseln schrecklicher Feindbilder befreit.

• Er hat die Freiheit für die Völker Osteuropas zugelassen und das Wunder der deutschen Einheit möglich gemacht.

• Er hat den Abbau atomarer Arsenale eingeleitet und an der Trockenlegung vieler Regionalkonflikte mitgewirkt.

Vielleicht lässt sich Gorbatschows Wirken so zusammenfassen: Er bleibt jener Mann, der sein Land und seine Macht verloren geben musste, aber die Welt verändert hat. Zum Besseren.

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