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Alte Fehler russischer Politik

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Tschetschenien steht für die ungelöste Nationalitätenfrage der ehemaligen Sowjetunion. Hier manifestierte sich erstmals und dauerhaft dieses Problem.

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Tschetschenien steht für die ungelöste Nationalitätenfrage der ehemaligen Sowjetunion. Hier manifestierte sich erstmals und dauerhaft dieses Problem.

Tschetschenien, das Land im Kaukasus, unweit vom Kaspi-sehen Meer, wurde vor 140 Jahren von der Zarenarmee erobert. 1944 hatte auch Stalin mit den Tschetschenen Schwierigkeiten, denn ein Teil der Bevölkerung hatte 1942 die Deutsche Wehrmacht als Befreier begrüßt. Stalins Rache blieb am Ende des Krieges nicht aus.

Während des Auflösungsprozesses der Sowjetunion und mitten in den politischen Wirren in Georgien und Aserbeidschan tauchte aus dem Baltikum ein General der Sowjetarmee auf: Generalmajor Dudajew, ein Tschetschene. Er übernahm die politische Führung seiner Heimat und proklamierte im Spätherbst 1991 die Unabhängigkeit Tschetscheniens. Bussische Unterhändler gingen mit leeren Händen aus.

Auch nachdem sich die UdSSB im Dezember 1991 aufgelöst hatte und die Union der GUS entstanden war, wollte man in Grosny, der tschetschenischen Hauptstadt, nichts von einer Russischen Föderativen Republik wissen. Dudajew und seine Männer fühlten sich als Tschetschenen als Rürger eines von Moskau unabhängigen Staates.

Der Stolz Rußlands war damit getroffen. Im Kreml wollte man nun diese Unabhängigkeitserklärung der Tschetschenen nicht mehr hinnehmen. Die bisherigen Macht- und Gebietsverluste Moskaus beeinträchtigten ohnehin das seelische Gleichgewicht der Militärs, aber auch dasjenige breiter Schichten der Bevölkerung.

Man muß in Betracht ziehen, daß die Russen Ende 1991 ein Imperium verloren hatten, wofür sie im ganzen 20. Jahrhundert gekämpft und unzählige Entbehrungen auf sich genommen hatten. Und nun sollten sie auch Gebietsverluste der Russischen Föderativen Republik hinnehmen?

Präsident Jelzin schickte, ohne Genehmigung des Parlaments, die ihm auch später verweigert wurde, Armee-Einheiten nach Grosny. Und wieder wurden die bisherigen Fehler der russischen Politik, einschließlich der Militärpolitik, wiederholt.

Dort, wo man mit Polizei-Kräften oder mit SpeziaLEinheiten des Innenministeriums (OMON) blitzschnell, aber behutsam hätte operieren können, hatte Moskau, nach Sowjetmanier, seine F'aust gezeigt. Die nach Tschetschenien am 11. Dezember 1994 in Marsch gesetzten Truppen, vorerst zwei Divisionen, waren aber auf eine regelrechte Kampfhandlung nicht vorbereitet. Offiziere und Soldaten, meist Rekruten, hegten die Überzeugung, es genüge, geballte Macht zu zeigen, die Tschetschenen würden sofort nachgeben. Sie verkannten sowohl die politische Lage im Kaukasus als auch die nationalen Eigenschaften dieses kleinen, aber sehr kämpferischen Volkes.

Die Truppen der Russischen Föderativen Republik waren weder für Straßenkämpfe ausgebildet noch für ihren Einsatz politisch motiviert. Sie wurden in einer modernen Stadt (mit Eisenbeton-Häusern) „aktiv”, in der ihre Gegner nicht nur Methoden der „Stadtguerilla” gegen sie anwendeten, sondern in der die Interventionsarmee auch auf eine feindlich gesinnte Bevölkerung traf.

Man hätte, aus Moskauer Sicht, nur mit Truppen des Innenministeriums vorgehen müssen. Diese waren aber mit der permanenten Re-organisation des KGB 1992 aufgelöst, die Kader entlassen, die Militärlager geplündert worden. Nur ein kleiner Teil blieb zurück. Viel zu wenig, um ihn geschlossen und beweglich gegen die Aufständischen in Grosny einsetzen zu können. Es kam wie es kommen mußte. Trotz zahlenmäßiger Stärke und reichhaltiger technischer Ausrüstung konnten die russischen Soldaten in Grosny nur langsam Fuß fassen. Erst drei Wochen nach Beginn der militärischen Operation konnte die Stadt, halb Ruine, eingenommen werden - einschließlich General Dudajews Hauptquartier. Aber der Krieg ging weiter. Der Widerstand wurde nun in die Stadt Ramut verlegt. Die Russen waren tagsüber Herren in Grosny, aber in der Nacht mußten sie sich vor den Guerilleros in acht nehmen. Moskau rührten die Verlustzahlen der eigenen Truppen und der Bevölkerung nicht. Nach westlichen Quellen beliefen sie sich vom Dezember 1994 bis April 1995 auf mehr als 10.000 Menschen. Präsident Jelzin schickte russische Kommissare nach Grosny und versuchte mit Kollaborateuren eine „volksnahe tschetschenische Regierung” aufzustellen. Wie Stalin 1940 im Baltikum verfahren war, oder Chruschtschow mit dem Judas Janos Kädär 1956 in Ungarn.

Auch das wirkte nicht. General Dudajew setzte sich nun außerhalb Grosnys zur Wehr. Neue Divisionen wurden aufgeboten und in Richtung Ramut geschickt. Die Stadt fiel erst am 18. April in die Hände der Russen. Dudajew setzte sich in die Rerge ab und organisierte den weiteren Widerstand. Jelzin mußte Zeit gewinnen. Am 9. Mai, für die Zeit der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland, ließ er in Tschetschenien eine einseitige Feuerpause verordnen. Nach offiziellen Moskauer Angaben sind indessen in Tschetschenien zum Stichtag 1. Juni 1995 etwa 588 Soldaten und Offiziere gefallen und mehr als 3.000 verwundet worden.

Als die einseitige Feuerpause nicht die gewünschte Wirkung auf die einheimische Bevölkerung zeigte, wurden die Truppen in Tschetschenien erneut für Offensivhandlungen aufgeboten. Kampf-Helikopter-Geschwader durchkämmten die Berge nach Dudajews Leuten. Bussische Soldaten stießen • mit Schützenpanzerwagen in die Berge vor. Afghanistan ließ grüßen. Die von Bußland eingesetzte „Regierung” in Grosny blieb auf sich allein gestellt. Die Zivilbevölkerung nahm nur mit Unwillen ihre Tätigkeit zur Kenntnis.

Dann schlugen die Tschetschenen zu. Am 14. Juni wurde ein Krankenhaus von Rudjonnowsk von Guerilleros Dudajews überfallen; etwa tausend Menschen wurden als Geiseln genommen. Moskau horchte auf. Budjonnowsk liegt in Südrußland, ist also nicht tschetschenisches Gebiet. Man fürchtete ernstlich, daß Dudajew den Guerilla-Krieg mit solchen und ähnlichen Methoden auch in Moskau selbst fortsetzen könnte. Die Erstürmung des Krankenhauses von Rudjonnowsk und die Befreiung der Geiseln kostete auf beiden Seiten etwa 120 Tote. Danach bot Jelzin Dudajew Friedensgespräche an. Während in den Bergen Tschetscheniens noch lokale Kämpfe geführt wurden, kam es in Grosny Ende Juli zu einer hochkarätig besetzten Konferenz.

Der russische Standpunkt ist klar, in gewisser Hinsicht auch begreiflich. Die Bussische Föderative Republik kann sich nicht erlauben, daß autonome Gebiete innerhalb der Föderation ihre Unabhängigkeit erklären.

Wenn man Tschetschenien ziehen läßt, können ähnliche „Konflikte” sofort an anderen Orten aufbrechen, leben doch etwa 70 bis 80 Nationalitäten und Völker auf dem .Gebiet von Rußland. Deswegen fordert auch die russische Militärführung, geschlossen hinter Verteidigungsminister Gratschow, die baldige Liquidierung des Tschetschenien-Problems - wenn nicht militärisch, dann politisch. Moskau ist daher auch bereit, Dudajews Regierung mehr Autonomie zu gewähren. Dazu müßte sie aber erst ihre Waffen der russischen Armee abliefern. Dann könnten Wahlen für eine neue Republik-Führung stattfinden, wobei Moskau - so hofft man im Kreml - natürlich seine Getreuen unterstützen würde.

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