Yaacoub - © Foto: Privat

Arabischer Frühling: „Es wird keine neuen Proteste mehr geben“

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Was ist vom Arabischen Frühling geblieben? Weniger Demokratiewunsch und weniger Bürgertum als davor, meint ein ägyptischer Regimekritiker. Dafür sei die Angst stark gestiegen.

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Was ist vom Arabischen Frühling geblieben? Weniger Demokratiewunsch und weniger Bürgertum als davor, meint ein ägyptischer Regimekritiker. Dafür sei die Angst stark gestiegen.

Vor zehn Jahren führten Massenproteste in Ägypten zum Rücktritt von Langzeitpräsident Hosni Mubarak. Wir haben mit Ramy Yaacoub, Gründer des Tahrir Institute for Middle East Policy, über die (gescheiterte) Revolution, die Angst vor Muslimbrüdern und Oppositionsparteien in Ägypten gesprochen.

DIE FURCHE: Wie bewerten Sie die Lage in Ägypten zehn Jahre nach Beginn des Arabischen Frühlings?
Ramy Yaacoub: In Ägypten ist die Revolution gescheitert. Wie in anderen arabischen Ländern herrscht heute eine weitaus drückendere Angst als vor den Massenprotesten. Wenn wir uns die letzten fünf Jahre der Mubarak-Ära ansehen, öffnete sich das Land damals ein bisschen, und es gab Raum, um frei zu sprechen. Diese Freiheiten sind wieder verlorengegangen.

DIE FURCHE: Mit Blick auf die Revolutionen in Europa, brauchte es immer eine starke Mittelschicht, um nachhaltige Veränderungen der politischen und sozialen Machtverhältnisse zu erzielen. Welche Rolle spielte sie bei den Protesten von 2011?
Yaacoub: Ägyptens Mittelschicht hat bereits unter Mubarak abgebaut. Aber sie war immer noch stark genug, um zu unterstützen, was 2011 geschah. Denn eine wesentliche Triebkraft der Bewegung waren junge, gut ausgebildete und politisierte Leute aus der Mittelschicht. Das war sehr hilfreich, aber nicht genug für einen nachhaltigen Wandel. Diese Mittelschicht ist seither verfallen, etwa 50 Prozent sind sozial abgerutscht oder verarmt. Das ist schrecklich, weil ohne diese Gruppe kann es keine Revolution und keinen sozialen oder politischen Wandel geben.

DIE FURCHE: Während des Arabischen Frühlings haben vielerorts Islamisten und Dschihadisten die Oberhand gewonnen. Dadurch konnten sich die Regime als Bollwerk gegen Terrorismus und ultrakonservativen Islam präsentieren. Ist das die Tragödie des Arabischen Frühlings?
Yaacoub: Der Arabische Frühling hat diese Bewegungen nicht hervorgebracht, sie waren immer schon Teil der Gesellschaften. Die Muslimbrüder haben sich in Ägypten durch Wohlfahrtsprojekte beliebt gemacht. Als die Zeit kam, waren sie die einzige Gruppe, die bereits organisiert war. Jede säkulare Opposition war ja von der Regierung unterdrückt worden. Die Muslimbrüder stellten daher die einzige realistische Alternative zum Regime dar, die auch Wahlen gewinnen konnten. Das ist eine Strategie vieler Regierungen im Nahen Osten; Organisationen des politischen Islams als einzige Opposition zuzulassen. Die Regime können sich dadurch als jene Macht präsentieren, die die Bevölkerung vor der drohenden Herrschaft eines archaischen Islam schützt. Die einzige Möglichkeit, die Islamisten zurückzudrängen, wäre, eine pluralistische Gesellschaft zuzulassen. Aber genau das wollen autoritäre Regime nicht.

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