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Aus einer Bewegung wurde eine Partei

Paris, im Mai

Seit der Befreiung Frankreichs 1944 war es das erstemal, daß die Volksrepublikaner (MRP) im Mai 1956 einen Parteikongreß abhielten, ohne selbst an der Regierung beteiligt zu sein. An Stelle des Dialoges zwischen den Ministern, die verantwortlich für ihr Ressort und dadurch verpflichtet sind, Rücksichten auf die politischen Partner zu nehmen, und die auf eine Doktrin pochenden Mitglieder, trat die allgemeine Frage nach der Zukunft einer Bewegung, die in maßgebender Weise das Gesicht der Vierten Republik geprägt hat. Derzeit ist das MRP die viertstärkste, jedoch auch die homogenste Parlamentsfraktion. Der Schreiber dieser Zeilen, der an den meisten Kongressen der französischen christlichen Demokraten teilnehmen konnte, war besonders beeindruckt von der ruhigen Sachlichkeit, mit der die vitalen Probleme des Landes erörtert wurden.

Das MRP vom Jahre 1956 gleicht nicht in allen Ausdrucksformen jener revolutionären Kraft der ersten Nachkriegszeit. Die Volksrepublikaner sind eher eine politische Partei geworden und der Traum von der .Bewegung“ dürfte beendet sein. An Stelle der Wünsche und der revolutionären Illusionen aus dem Spannungsfeld der Resistance erwachsen, werden jetzt die Tatsachen von christlicher Sicht aus beurteilt.

Der Kongreß von Montrouge war ohne Zweifel ein Ereignis, dem in der derzeitigen politischen Konjunktur eine besondere Bedeutung zukommt. Nicht umsonst haben die Zeitungen seitenlage Berichte den Diskussionen gewidmet, wo früher nur Schweigen oder lässige Kommentare üblich waren. Die Volksrepublikaner haben die Gaullistische wie die Mendesistische Welle überstanden. Sie wurden in ihrer Substanz nicht getroffen, obwohl sie wertvolle Positionen südlich der Loire aufgeben mußten. Das katholische Elsaß wird immer mehr ihre Hauptstütze, und es entspricht dieser Tendenz, daß Pierre P f I i m-1 i n, Rechtsanwalt aus Straßburg, als Parteipräsident gewählt wurde. Damit tritt eine der stärkstprofilierten Persönlichkeiten unter den jüngeren Politikern des MRP hervor. Er gilt als ausgezeichneter Finanz- und Wirtschaftsfachmann und wurde sehr oft als der Mendes-France der Volksrepublikaner bezeichnet. Kühl in der Beurteilung der Situationen und der Menschen ist er ein blendender Redner und erweckt durch eine geschlossene Persönlichkeit Vertrauen und Zuversicht.

Dieser Parteikongreß endete nicht in Ausein-•ndersetzungen mit dramatischen Höhepunkten. n der sich die verschiedenen Tendenzen bekämpfen, sondern war sich darüber einig, daß die Bedrohungen, die das Republikanische Regime in Frage stellen, immer nachhaltiger geworden sind. Die Extreme haben nicht abgerüstet, sondern versuchen mit allen Mitteln eine Schwächung der demokratischen Institutionen zu erzielen.

Es zeigt sich immer deutlicher, daß die von den Linksparteien 1946 erzwungene Verfassung der Krebsschaden ist, an dem das Land leidet. Die Wähler haften damals das erste Projekt der Verfassung zurückgewiesen, und nur mit Vorbehalten stimmte die MRP dem Verbesserungsvorschlag zu, der jedoch der Exekutive jede Möglichkeit nimmt, wirklich zu regieren. Zufallsmehrheiten, falsche Dosierungen bei entscheidenden Abstimmungen, persönliche Ressentiments schwächten den Elan jeder Regierung seit 1945, und eine in sich gespaltene Kammer interpretiert Gesetz- und Regierungsvorlagen mehr nach den Ergebnissen einer im Augenblick zusammengekleisterten Mehrheit als unter dem Gesichtspunkt der in die Zukunft weisenden Reformen. Die Blutleere der Regierungen läßt den Wunsch nach dem starken Mann und einer dem amerikanischen System ähnlichen Verfassung nicht mehr verstummen. Selbst die öffentliche Meinung beschäftigt sich mit dem Problem und verlangt Grundlagen, die das soziale und wirtschaftliche Leben nicht ständig in Frage stellen.

Auch das MRP, besonders der Präsident der Parlamentsfr.-'ktion, Robert L e c o u r t, hat seit Jahren eine Aenderung in der Arbeit des Parlamentes und Zusatzanträge über eine Verfassungsreform vorgeschlagen. Diese sind jedoch nicht so umfassend, wie sie von jenen Kreisen zur Diskussion gestellt werden, die in einer Art Bonapartismus eine Zauberformel zu finden mei-, nen. Auf dem Hintersrund schwerer außenpolitischer Spannungen, des Verlustes eines großen Teiles des Ueberseereiches und eines Krieges, der bereits hunderttausende Soldaten mobilisiert hat, taucht jene Persönlichkeit wieder auf, die

IN UNSEREM SCHAUFENSTER

(in der Passage) finden Sie:

Johannes Schasching

Katholische Soziallehre und modernes Apostolot

184 Seiten, kartoniert, S 3S—

Di Schrift will ein Wegweiser für das soziale Apostolat in der modernen Arbeitswelt sein. Wir alle wissen, wie wichtig der missionarische Einsatz an dieser Front heute ist. Von -der katholischen Soziallehre her werden nach einer Analyse des Milieus der verschiedenen Arbeitsfelder die Beziehungen des Apostels zur gesellschaftlichen Umwelt und deren Ordnungskräften entfaltet. Da- 1 durch soU- dem Seelsorger und dem; Aktii, visiert die Möglichkeit der besseren Erkennt- . nis der sozialen Wirklichkeit von heute gegeben werden.

Norbert Greinacher

Soziologie der Pfarrei

310 Seiten, Leinen, S 142.80

Auf vielqestalfige Weise wird heute versucht, die Seelsorge den Verhältnissen unserer Zeit anzupassen. Dies kann aber nur dann in fruchtbarer Weise geschehen, wenn die Situation unserer heufiqer Gesellschaft erforscht und erkannt wird. Oer Verfasser konnte auf Grund seiner Erfahrung wagen, diese Soziologie zu schreiben, die zu einer gründlichen religionssoziologischen Untersuchung der Pfarre hinführen will.

Kmmerich Coreth

Grundfragen des menschlichen Daseins

144 Seiten, kartoniert, S 38.—

Der Ordinarius für Philosophie an der Universität Innsbruck zeigt hier, dah alles menschliche Denken, Fragen und Forschen seine höchste Möglichkeit in der Erkenntnis Gottes erreicht. Positivismus und Rationalismus haben diese Potenz des Menschen nur verschüttet, daher muh sie erneut durch eine metaphysische Anthronoloaie ans Licht treten.' Wie dieser Aufstieg des Denkens zu Gott sich vollzieht, wird In grohen Züqen dargelegt. Die letzten Kapitel beschäffiaen sich mit Fragestellungen der modernen Philosophie zur Religion und zur Offenbarung.

Die soziale Frage im Blickfeld der Irrwege von gestern — der Sozialkämpfe von heute — der Weltentscheidungen von morgen.

6. Aullage, 742 Seilen, Leinen, S 180.—

Eine Darstellung der sozialen Frage von den Anfängen der Neuzeit bis herauf zu den gegenwärtigen weltweiten Auseinandersetzungen um die Lösung disves Menschheitsproblems. In zwei Teilen des Buches werden die Entwicklungsphasen des Kapitalismus und Sozialismus dargestellt und ihre philosophisch-weltanschaulichen Grundlagen, ihr Wirfschafts-, Gesellschafts-, Staats- und Kulfur-bild. Der Hauptteil gilt jedoch den christlichen Sozialprinzipien in der christliehen Sozialreform. Hier werden ganz konkret die) Mittel zur Ueberwindung der Sozialkrise der Gegenwart auf Grund einer tiefen Kenntnis des Nafurrechts und der christlichen Gesellschaftsordnung erörtert sich selbst als Mischung von Jeanne d'Arc und Clemenceau sieht: Charles d Gaulle. Seit dem Zusammenbruch seiner Partei, des RPF, ist es still um den ehrgeizigen General geworden, der sich nur mit der Abfassung seiner Memoiren beschäftigte. Man glaubte, in ihm nur noch ein lebendes Monument zu sehen, dessen Größe in den historischen Raum hineinragt.

Am Höhepunkt der algerischen Krise wird sein Name im Zusammenhang mit der Einrichtung einer Präsidentschaftsregierung immer häufiger genannt. Er empfängt Politiker, Generalresidenten und Minister. Der Sozialist Lacoste, der Radikale Mendes-France suchen bei ihm Rat und verlangen seine moralisch Kaution. Wie weit persönliche Ambitionen mitspielen, ein echtes Sendungsbewußtsein oder der tatsächliche Wunsch für heterogenste politische Kräfte, das Amalgam zu bilden, um in der dramatischen Situation die Einheit der Nation herzustellen, ist vorläufig noch undurchsichtig. Ob die politischen Parteien einer Präsidialregierung mit weitreichenden Vollmachten zustimmen? Die Gegnerschaft der Gewerkschaften ist darüber hinaus viel zu stark, um diesen Wunsch nicht zu einem höchst gefährlichen Abenteuer werden zu lassen. Das MRP sprach sich jedenfalls entschlossen dagegen aus. Doch die Volksrepublikaner sind noch viel mehr durch die Schatten der Volksfront beunruhigt. Zum ersten Male wurde der Kampf gegen den Kommunismus als Hauptziel der Partei deklariert und mit eindeutiger Schärfe der Marxismus in allen seinen Schattierungen verurteilt. Freilich, das MR.P gedenkt auch weiterhin eine „soziale“ Partei zu bleiben. Der Ruf, eine Rückkehr zu den Quellen der :chTistlich-sozialeri Doktrinen zu inaugurierend wollte nicht verstummen. Seit Jahren war die Partei in eine Alliance mit Kräften gezwungen, deren sozialer Immobilismus für die Malaise in den Massen der französischen Arbeiter verantwortlich zu machen ist. Doch sozial zu handeln und zu denken, bedeutet nicht nur „links“ zu stehen, sondern die Formulierung versucht, die politische mit der sozialen Demokratie in Einklang zu bringen, um damit die menschlichen Rechte des Individuums zu gewährleisten. Mit Unbehagen, ja mit aufrichtiger Angst, wird der Flirt zwischen Teilen der Sozialisten und den Kommunisten registriert. Die Kommunistische Partei hat alles getan, um der Regierung Guy Mollet nicht zu große Schwierigkeiten zu bereiten. Sie stimmte in der sozialen Gesetzgebung (drei Wochen bezahlter Urlaub, allgemeine Altersversorgung aller Staatsbürger) mit der Regierung und bejahte die damit verbundenen, , ne.tien Steuerlasten- Sejbst in .der Algerienfrage kann man eine deutliche Zurückhaltung, feststellen.: Die Auflösung der Komfn-form, die Reise der sozialistischen Parlamentarier nach Rußland, Prolog des Staatsbesuches von Mollet und Pineau in Moskau, gewisse Thesen der Außenpolitik Pineaus sind Elemente, die von der KP geschickt ausgenützt werden, um der SFIO eine spätere Ehe anziehend zu machen. Nach wie vor allerdings zeigt die sozialistische Parteileitung taube Ohren, und die Schalmeienklänge bewegten bisher weder Mollet noch seinen starken Mann Lacoste, der eine Algerienpolitik, würdig großer konservativer Prokonsuln, treibt. Doch die Parteianhänger, denen man Frieden in Algerien versprochen hat, werden unruhig. Der notwendige Masseneinsatz der Armee ist mit dem auf Pazifismus ausgehenden Doktrinen der Sozialisten nicht in Einklang zu bringen.

Um jede engere Bindung der beiden Linksparteien zu verhindern, hat das MRP im allgemeinen die Regierung unterstützt, selbst in Fragen, die ihrem Konzept nicht gleichlaufen. Der seit Jahren durch das Gesetz Barenger unterbrochene Kontakt zur SFIO erscheint als die einzige Grundlage, um eine neue Mehrheit zu definieren, welche die Kommunisten und Poujadisten ausschließt. Vergessen wir nicht, Guy Mollet stützt sich nur auf eine Minderheit. Sollten das MRP oder die Kommunisten dagegen stimmen, würde die Regierung automatisch gestürzt werden. Diese Regierung wird um so mehr von ihnen ausgehöhlt, als auch die Radikale Partei nicht mehr als absolut zuverlässig gilt. Nach dem Rücktritt von Mendes-France sind alle Möglichkeiten offen. Die Fronde der alten Radikalen hat sich immer mehr versteift und wird Mollet zwingen, sich nach einer neuen Alliance umzusehen.

Die Christlichen Demokraten bestehen — auch das zeigte der Parteitag von Montrouge deutlich — weiterhin auf einer Fortführung der Europäischen Integration. Die Wunde über den Sturz der EVG schwärt noch immer unter den Volksrepublikanern, doch die Elemente einer Europäischen Politik wurden durch Robert Schuman konstruktiv beleuchtet, die Ziele verschwinden nicht mehr im Nebel einer unklaren Mystik, sondern sind konkret und nennen sich Euratom und gemeinsamer Markt.

Das MRP ist nicht in das Stadium selbstzerfleischender Autokritik eingetreten, doch es besinnt sich deutlich • auf seine Aufgabe, sieht die Gefahren, die nach Ansicht ihrer maßgebenden Sprecher „größer sind als je zuvor“, und ist gewillt, in der Ruhe der Opposition die Zusammenfassung der französischen Mitte vorzubereiten. Das ist eine Voraussetzung dafür, daß die Demokratie zwischen Volksfront und Präsicjent-schaftskandidatur eine Bestätigung findet und ihre Werte nicht in der Requisitenkammer der politisch zu verdammenden Begriffe ver--schwindet.

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