Amsterdam - © Foto: Getty Images / SOPA Images / LightRocket / Nik Oiko

Ausgangssperren in Amsterdam

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Seit Ende Jänner gilt auch in den Niederlanden eine Sperrstunde. Streifzüge durch die unwahrscheinliche Stille Amsterdams – und Begegnungen mit den Menschen, die trotzdem noch draußen sind.

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Seit Ende Jänner gilt auch in den Niederlanden eine Sperrstunde. Streifzüge durch die unwahrscheinliche Stille Amsterdams – und Begegnungen mit den Menschen, die trotzdem noch draußen sind.

Schon wieder Dokumente! Stephan Fischer blättert sie ein wenig gelangweilt durch. „Arbeitgebererklärung, okay“, brummt er, „und dann noch die eigene Erklärung, weshalb Sie um diese Zeit draußen sein müssen.“ Fischer, ein Quartierpolizist im Zentrum von Amsterdam, findet all das „ein bisschen viel Aufwand“. Er steht an einer Brücke und kontrolliert jene, die trotz Ausgangssperre noch unterwegs sind, weil sie von der Arbeit kommen oder wegen eines medizinischen Notfalls.

Es ist gegen 22 Uhr, die Lage ist ruhig. Die Kontrollen liefen problemlos, die Leute hätten Verständnis und zu 99 Prozent auch ihre Formulare dabei. Trotzdem, dieser Zustand sollte nicht zu lange dauern. Fischer erzählt, dass seine Arbeit im Quartier auch Fälle häuslicher Gewalt betrifft: „Familiäre Spannungen nehmen zu. Die Gewaltexplosion der letzten Tage hat damit aber nichts zu tun.“

Die Gewaltexplosion hat die niederländische Sperrstunde, an der sie sich entzündete, weltweit in die Schlagzeilen gebracht. Es begann mit der skurrilen Allianz aus Coronagegnern, die ungenehmigt vor dem Rijksmuseum demonstrierten: gegen Sperrstunde und Lockdown, Regierung und Mainstreammedien. Wie eine Woche zuvor räumt die Polizei den Museumsplatz mit dem Wasserwerfer. In Eindhoven endete eine parallele Kundgebung in Straßenschlachten und Plünderungen. Es folgte Randale in anderen Städten.

Lebensader Lieferdienst

Selbst war Fischer nicht im Einsatz auf dem Museumsplatz, doch er kennt Kollegen, die dort Dienst hatten. Wie sieht er das, was dort passiert ist? Der Polizist denkt kurz nach. „Man muss unterscheiden: Bei dieser Kundgebung waren nicht nur Randalierer, sondern auch aufrechte Leute, die sich Sorgen machten, Gastronomen zum Beispiel. Als es dann um die Sperrstunde ging, waren es frustrierte Jugendliche.“

Die Einzigen, die Fischer und seine Kollegen unbehelligt passieren lassen, sind die Essensbesorger auf Mofas und Fahrrädern, die mit ihren klobigen bunten Kisten auf dem Gepäckträger beständig vorbeikommen, dick eingepackt, denn die Nacht ist feucht und unangenehm. „Waterkou“ nennt man das hier, „Wasserkälte“. Die Lieferbranche ist eine eindeutige Corona-Gewinnerin: Im letzten Jahr legte sie in den Niederlanden um 43 Prozent zu. Die Volkskrant nannte sie neulich „die Lebensader des Lockdowns“.

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