Tichanowskaja - © Foto: Getty Images / Misha Friedman
International

Belarus: „Das Regime wird fallen“

1945 1960 1980 2000 2020

Der regierungskritische Exil-Weißrusse Andrej Sannikau ist überzeugt, dass Diktator Lukaschenkos  Tage gezählt sind. Über die gekippte Stimmung im Land und die Chance auf einen Neubeginn.

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Der regierungskritische Exil-Weißrusse Andrej Sannikau ist überzeugt, dass Diktator Lukaschenkos  Tage gezählt sind. Über die gekippte Stimmung im Land und die Chance auf einen Neubeginn.

Anno 2010 war Andrej Sannikau bei der damaligen Präsidentenwahl in Belarus der Kandidat der Opposition. Noch am Wahlabend gab es damals in Minsk Ausschreitungen und Massenverhaftungen. Auch Sannikau wurde verhaftet, schließlich wegen der Organisation von Massenunruhen verurteilt und saß bis April 2012 im Gefängnis. Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung ging er nach Polen ins Exil – von wo aus er aber umfassend politisch aktiv blieb und nach wie vor ist.

DIE FURCHE: Rund um Wahlen gab es in Belarus in den vergangenen Jahren immer Protest. Auch 2010 wurden Demonstrationen brutal niedergeschlagen. Was ist diesmal anders?
Andrej Sannikau: Der Umfang ist ein ande­rer. Und der signifikante Unterschied ist, dass ­Lukaschenko in der Pandemie wirklich alle, das gesamte Volk, beleidigt hat. Er hat die Leute beschuldigt, zu sterben, hat keinerlei Maßnahmen ergriffen, er hat sich benommen, als wäre es ihm völlig egal, was die Leute von ihm denken, hat seinen luxuriösen Lebensstil zur Schau gestellt, begonnen, sich wie ein Wahnsinniger zu benehmen. Wie ein Irrer. Ich denke, seine Covid-Politik war ausschlaggebend. Die Menschen haben gesehen, dass sie von diesem Regime nur Schlechtes erwarten können. Sie haben ein Regime gesehen, das sie hasst. Ein Regime aber vor allem, das die Menschen nicht brauchen. Die Menschen haben sich selbst organisiert. Und Lukaschenko hat den Menschen nur demonstriert und vor Augen geführt, wie sehr er sie verachtet – die Menschen hassen ihn jetzt ebenfalls.

DIE FURCHE: In welchem Zustand befindet sich das Regime? In einem verzweifelten Rückzugsgefecht? Was tut es da gerade?
Sannikau: Es ist eine brutale Machtdemons-tration. Aber eine verzweifelte. Die Tage Lukaschenkos sind gezählt. Er hat nicht mehr die Kontrolle, muss aber beweisen, dass er Herr der
Lage ist – und er ist dabei zu weit gegangen.

DIE FURCHE: Ist das ein Punkt, an dem das ­Regime eigentlich nur mehr fallen kann?
Sannikau: Definitiv. Das Regime ist dazu verdammt – ganz egal, was passieren wird. Ganz egal, wie brutal sie die Demonstrationen niederschlagen, ganz egal, wie sehr sie herum-manövrieren. Dieses Regime ist dazu verdammt zu fallen. Man kann eine Zeitlang lügen. Man kann lange Zeit lügen. Man kann einige Leute belügen. Man kann Lügen an große Gruppen von Menschen als Tatsachen verkaufen. Aber man kann nicht alle zur selben Zeit belügen.

DIE FURCHE: Auf der anderen Seite stehen die Opposition und die Protestbewegung führungslos da. Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?
Sannikau: Nein, das ist kein Schwachpunkt. Ich bin erstaunt, in welchem Ausmaß die Menschen fähig sind, sich zu organisieren. Wie viele Formen des Protests sie finden. Wir hatten nie wirkliche Führer, die man wirklich als Figuren hätte bezeichnen können, die einen Wandel bringen. Auch diesmal nicht. Zichanouskaja ist für ihren Mann eingesprungen. Ihre Botschaft war immer, dass sie nur echte Wahlen sicherstellen wolle. Sie hat das Land verlassen, ihre Forderung ist geblieben.

DIE FURCHE: Aber hatte sie denn eine Wahl zu bleiben?
Sannikau: Sie hatte jede Wahl. Sie hat ihre Entscheidung getroffen. Sie ist jetzt eher eine Sache des KGB als des Protests. Sie war unter Arrest, als sie ihr Statement aufgenommen hat. Jetzt sagt sie, sie habe nicht unter Druck gestanden. Ich betrachte sie als jemanden, die nach wie vor unter Druck steht und erpresst wird.