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Christ und Europaarmee

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Die Debatte um die europäische Armee erscheint vielen Beobachtern als ein Streit um Vorrechte und Vorteile, um Rang- und Dienstgrade; einer jener alten Streitigkeiten des alten Europa, das sich nicht einigen kann, auch nicht in Augenblicken ernster gemeinsamer Gefahr. Stimmen nicht die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Deutschland gerade auch in diesem Punkte zu diesem Bilde? So also scheint alles seinen alten Lauf zu nehmen. Feinde bleiben Feinde, Gegner Gegner, Ressentiments von gestern lassen sich auch durch gemeinsame Uniformen nicht überkleiden.

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Die Debatte um die europäische Armee erscheint vielen Beobachtern als ein Streit um Vorrechte und Vorteile, um Rang- und Dienstgrade; einer jener alten Streitigkeiten des alten Europa, das sich nicht einigen kann, auch nicht in Augenblicken ernster gemeinsamer Gefahr. Stimmen nicht die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Deutschland gerade auch in diesem Punkte zu diesem Bilde? So also scheint alles seinen alten Lauf zu nehmen. Feinde bleiben Feinde, Gegner Gegner, Ressentiments von gestern lassen sich auch durch gemeinsame Uniformen nicht überkleiden.

Dem aufmerksamen Zeitgenossen stellt sich jedoch eine ganze andere Erscheinung vor. Ihn läßt zunächst bereits der Vorwurf aufhorchen, der von einem gewissen Osten und einem gewissen Westen zugleich diesem europäischen Experiment entgegengehalten wird: hier handle es sich um eine papistische Konzeption (manche sagen noch deutlicher: „Verschwörung") gegen die Freiheit der Welt, eine Konspiration aller reaktionären Kräfte in Europa zur Unterdrückung der Demokratie, in einem polizeistaatlichen Interessenverband, und all das unter dem Dache Roms. Eine bösartige „heilige Allianz" neuester Bauart, bestimmt, wie die vor 150 Jahren, zur Unterdrückung der Völker, zur Niederwerfung aller „demokratischen", freiheitlichen Bewegungen. Vor allem sei, so wiederholen diese Kommentatoren von rechts und links, Ost upd West, und aus einer gewissen „Mitte", alles Augenmerk darauf zu legen, daß christlich- demokratische Staatsmänner hier zum erstenmal offen als Feldherrn auftreten, nicht unähnlich jenen der katholischen Liga, der Schutz- und Trutzbündnisse des Dreißigjährigen Krieges.

Hier, an diesem entscheidenden Vorwurf, hat die Aufdeckung dieser für uns alle gefährlichen falschen Optik einzusetzen. Wie stimmen zu dieser totalen und totalitären „katholischen" Konspiration die Tatsachen? Diese sprechen eine andere Sprache. Sie melden, daß gerade in den bewußt christlichsten Kreisen des MRP in Frankreich die Widerstände gegen eine Europa-Armee in der gegenwärtig projektierten Form unüberwindlich stark sind; sie melden ähnliche Stellungnahmen auch aus Holland, Belgien und Italien und zeigen, daß gerade die wachsten Kreise des deutschen Katholizismus, bei aller grundsätzlichen Bereitschaft zu einer gemeineuropäisphen Verteidigungsaktion, schwere Bedenken gegen ihre gegenwärtige Konstituierung haben, überall handelt es sich hier um junge Kräfte, geformt im inneren und äußeren Widerstand, im Erleben des Tptalstaates, der Besatzung, nicht zuletzt der neuen christlichen Geistigkeit und Theologie (Lorson S. J.).

Wer sich also hier die Mühe nimmt, genauer zuzusehen, entdeckt in den „alten Streitigkeiten" des „alten Europa" etwas ganz arideres, etwas sehr Neues: die erstmalige Aktivierung des christlichen Gewissens im politischen Raume, und zwar nicht nur in Ansehen und Ansehung der eigenen Person, des eigenen „heiligen" Vaterlandes, sondern sehr wohl auch des „anderen", des europäischen Nächsten, des Nachbarvolkes, für dessen spirituelles und geschichtliches Schicksal Mitverantwortung übernommen wird im Ringen um Geist, Gestalt und Form der künftigen europäischen Verteidigungsgemeinschaft.

Wer noch immer nicht verstehen sollte, wieviel Neues und Positives in diesen „Streitigkeiten" steckt, denke einen Augenblick daran zurück, an vergangene Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, in denen reflexionslos, in bisweilen großartiger, aber oft auch gefährlicher Naivität „christliche" Völker das Schwert für ihre, und das hieß ihnen „heilige Sache" zogen; sehr oft, fast stets gegeneinander. Diese Naivität ist uns heute einfach nicht mehr erlaubt. Im Zeitalter der Wasserstoffbombe, aber auch einer ganz neuen christlichen Weltverantwortung, einer Geistigkeit, die „katholisch" nicht im Sinne egoistischer Positionen, sondern als Verbindlichkeit und Kommunion mit allen anderen Brüdern und Brudervölkern erlebt, wächst die Frage einer „europäischen Armee" zu einem gigantischen Komplex von Gewissensfragen heran. Man erkennt hier, so man wach ist: jeder kleinste Irrtum, jeder geringste Schritt ab vom rechten Wege kann namenloses Unheil heraufbeschwören, kann die Christenheit selbst stärker zerteilen, verwirren und schädigen als alle kurzatmigen, schnellen Entscheidungen. So notwendig schnelle Truppen in einer modernen Schlacht sein mögen, so notwendig sind in Ruhe, Überlegung und immer neuer Prüfung erwogene Entschlüsse über eine Wiederaufrüstung Deutschlands und eine europäische Armee.

Wir bringen im folgenden einen in dem Zürcher katholischen Informationsblatt „Orientierung" veröffentlichten Aufsatz, den diese beachtliche Dokumentation selbst nur als „Diskussionsbeitrag zu einem sehr vielschichtigen Problemkreis" angesehen wissen will. Die Niederlage des westdeutschen Bundeskanzlers bei der letzten Abstimmung im Bonner Bundestag sollte auch in diesem Sinne beachtet werden: sie lenkt das Augenmerk auf das innere Ringen um die schwerste Gewissensentscheidung, die christliche Politiker heute auf sich nehmen müssen — eine Entscheidung, die ihnen keine Parteidisziplin, keine Angst vor dem Osten und keine Hoffnung auf den Westen vorzeitig und einseitig aufdrängen darf. Sie wird das Musterbeispiel für viele weitere Entscheidungen sein, ein Signal, und mehr als das, eine Weichenstellung auf der Straße bergauf oder bergab.

Nachstehend der Wortlaut des von Hans Schwann gezeichneten Aufsatzes in der „Orientierung“ Nr. 21/XVI vom 15. November 1952 mit dem Titel „Die europäische Armee":

„Ihre endgültige Gestalt und Organisation interessiert uns an dieser Stelle nicht. Von Wichtigkeit scheint uns dagegen der

Gewissenskonflikt, der all den leidenschaftlichen Gesprächen in .und zwischen den Nationen zugrunde liegt. Diese Auseinandersetzungen gehen über das militärische und politische Gebiet hinaus. Sie greifen bis in das Religiöse hinein. Erscheinen doch schon Artikel und Studien von ernsten Männern, die zu beweisen versuchen, daß diese Armee mehr oder weniger die Erfindung ' jener katholischen Staatsmänner sei, die heute in den wichtigsten Ländern Europas regieren; jener Länder, die im Mittelalter das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bildeten, das der Vatikan im geistig-politischen Sinne wieder erstehen sehen möchte. Mit anderen Worten: Die katholische Vorherrschaft in diesem Europa solle gesichert werden. Ein protestantischer Verfasser, Prof. Bernard Lavergne von der Sorbonne, betitelt eine

Studie über diese Europäische Armee ,L’Armée dite Européenne ou La Revanche d’Hitler', in der solche Gedankengänge ebenfalls ausgedrückt werden. Wir möchten dabei gleich bemerken, daß der Verfasser, mit dem wir seit vielen Jahren befreundet sind, ein ernster, wirklich europäisch gesinnter Mann ist, den wir wegen seines Mutes, seiner Aufrichtigkeit, seines unbeeinflußten Denkens sehr schätzen. Trotzdem würden wir seine Arbeit nicht erwähnen, wenn deren Grundgedanken in weniger reiner Form nicht immer häufiger an das Licht der Öffentlichkeit treten würden.

Doch zuerst einige sachliche Feststellungen: Man sagt, daß der Gedanke einer Europäischen Armee von Frankreich gekommen sei. Gewiß, und zwar in demselben Maße wie die Träne, die eine zerschnittene

Zwiebel verursacht. Die zwei Kolosse Amerika und Sowjetrußland standen sich nach dem Kriege gegenüber: das eine unbewaffnet, das andere so ausgerüstet, daß die Eroberung Europas für Sowjetrußland ein militärischer' Spaziergang gewesen wäre. Zu dieser Gefahr kam auf geistig-politischem Gebiet ein immer schärfer werdender Gegensatz zwischen West und Ost. Die Wiederaufrüstung des Westens und die Atlantikfront waren die unausbleibliche Folge. Sowjetrußland störte sie nicht, einmal aus inneren Gründen, wie der Notwendigkeit des Wiederaufbaus seiner .unzähligen Ruinen, des andern aber auch, weil nach seiner marxistischen Auffassung der Zusammenbruch des kapitalistischen Systems und mit ihm der kapitalistischen Imperialismen unvermeidlich war. Die Folge dieser Auffassung war der ,Kalte Krieg', der dazu beitragen sollte, diesen Zusammenbruch durch die Zerrüttung der kapitalistischen Wirtschaft zu beschleunigen. Dieser Kalte Krieg hatte den Vorteil, den eigenen Wiederaufbau ohne Gefahr vollenden und einen Waffengang mit seinen Trümmern und seinem erneuten Elend vermeiden zu können.

Demgegenüber erklärte Amerika, daß jeder Angriff auf seine im besiegten Deutschland stehenden Truppen' ein solcher auf Amerika selbst sei und den Krieg zur Folge habe. Dadurch wurde Europa für den Augenblick gesichert, gleichzeitig aber stellte sich die Frage der deutschen Wiederbewaffnung ganz von selbst. Konnte man doch von keinem Volk erwarten, daß es im Eventualfälle die Grenzen Deutschlands verteidige, während das deutsche Volk dabei mit verschränkten Armen zusähe. Es stellte sich also die Gewissensfrage, ob und wie die Siegermächte das .bedingungslos kapitulierende Deutschland', das nie mehr eine Waffe in die Hand bekommen sollte und dessen Rüstungsbetriebe aus diesem Grunde auch zertrümmert wurden, wieder bewaffnen sollten. Die Antwort auf diese Frage wurde um so dringender, als jeder Versuch, zu einer gegenseitigen, international kontrollierten Abrüstung zu kommen, an dem ,Njet‘ der Russen scheiterte. Die Verteidigung von Deutschland aus forderte daher militärisch wie moralisch — deutsche Soldaten.

Dieser moralischen Forderung stand jedoch eine andere moralische gegenüber. Oder hatte man unrecht, als man vor allem und jedem — Amerika an der Spitze — bestimmte, daß ein Volk, das seinen verantwortungslosen, unmoralischen und teilweise grausamen Führern bis zum furchtbaren Ende widerstandslos folgte, nicht mehr Gelegenheit erhalten sollte, Europa noch einmal in ein Trümmerfeld zu verwandeln? War nicht zwischen dieser und der obigen zweiten moralischen Begründung ein unüberbrückbarer Gegensatz? Welche Antwort man auch immer geben mag, Tatsache ist. daß dieser Zwiespalt seitdem durch die ganze Politik der Weststaaten geht und daß eine Synthese nur durch die Aufhebung des französisch-deutschen Gegensatzes gefunden werden kann.

Man wird zugeben müssen, daß diese Entwicklung nichts mit einer vatikanischen Politik oder dem Katholizismus zu tun hat. Aber auch die Tatsache, daß die Regierun- e gen der europäischen Hauptstaaten heute in der Mehrzahl von Katholiken geführt werden, geht auf dieselben Ursachen zurück. Die gewaltige Macht der antichristlichen und antireligiösen kommunistischen Diktatur, das furchtbare Leiden und Elend, die entsetzliche Not, das ungeheure Trümmerfeld der europäischen Weststaaten, durch die die Kriegsfurie brauste, hatten das fast eruptive Hervorbrechen des religiösen Gewissens zur unausbleiblichen Folge. Die christlich getaufte Zivilisation Europas mit ihrem Begriff der Freiheit, vor allem der Freiheit der Persönlichkeit, war die einzige sammelnde Kraft, die der antichristlichen entgegentreten konnte. Das Erscheinen der großen politischen Parteien auf christlicher Grundlage war die fast unbewußte Antwort auf die drohende Gestalt annehmenden Gefahren. Daß dabei die Katholiken vorherrschten, war nicht nur das Ergebnis ihrer Zahl, sondern die Tatsache, daß sie längst vor den Kriegen politisch in einer Partei organisiert waren und daher alle Voraussetzungen für die Sammlung sämtlicher christlicher Kräfte mit sich brachten.

Die zwingende Form, in der sich nun aber die Wiederaufrüstung stellte, trug den erwähnten moralischen Zwiespalt auch in die Christenheit. Er wurde um so größer, als das religiöse Erlebnis sich nicht stark genug erwies, um sich auch auf die anderen Lebensgebiete auszudehnen, Abgründe zu überbrücken und die geistig-religiöse Grundlage aller nationalen Interessen zu erkennen. Die Planung der Europäischen Armee wurde in dieser Hinsicht zu einem Test. Abgesehen von den rein militärischpolitischen Erwägungen der einzelnen 'dadurch interessierten Nationen, hatten auch die Christen, und hier insbesondere die Katholiken Frankreichs wie Deutschlands, dafür völlig entgegengesetzte Argumente.

Während die französische christliche Partei — M. R. P. — alles vermied, um den nationalen Gedanken mit seinen Notwendigkeiten in das Nationalistische verengen zu lassen, lehnte sich die deutsche christliche Bruderpartei — -von den hellsichtigeren Führern, an ihrer Spitze Bundeskanzler Adenauer, abgesehen — zu einem immer größer werdenden Teil an jene nationalistischen Kreise an, die nicht wenig zu dem allgemeinen furchtbaren Unglück des letzten Krieges beigetragen hatten. Gewiß: Bundeskanzler Adenauer vermochte bisher diese Entwicklung zu bremsen und die Einheit zu wahren. ..

Nichts zeigt deutlicher als diese wenigen Hinweise, daß es sich hier nicht um einen politischen Katholizismus noch um eine aufeinander abgestimmte katholische, also universelle, Politik handelt. Im Gegenteil: Immer wieder stoßen wir auf die moralische Zwiespältigkeit. Damit' aber tritt der spezifisch christliche Getu i s s e n sk o nf lik t immer mehr in Erscheinung und ergreift heute nicht nur einige erleuchtete und weitblickende Geister, sondern auch viele einfache, gläubige Menschen, die sich immer dringender und ängstlicher fragen: Ist es denn wirklich unabänderlich, daß das Christentum und die Christenheit immer mehr auseinanderzufallen drohen? Ist es nicht ein Verrat am Christentum und der von ihm getauften europäischen Zivilisation, die Sammlung aller konstruktiven, freiheitsliebenden Kräfte an dem Streit um Probleme scheitern zu lassen, die heute gegenüber der großen Macht der antichristlichen und antireligiösen Kräfte dritten und noch geringeren Ranges sind?

Sicher: Sobald man den Problemen an die Wurzel geht (die immer moralischer, wenn nicht religiöser Natur ist), wird man auch verstehen müssen, daß die Lehre, die das französische Volk aus zwei kurz hinter- elnanderfolgenden Weltkriegen zieht, grundverschieden von der deutschen sein muß. Es st ein Fehler, wenn man annimmt, daß der immer stärker werdende Widerstand Frankreichs gegen die Europäische Armee in der bisher erfolgten Konzeption nur aus dem Gefühl der Angst vor dem mächtigen Nachbarn oder aus rein materiellen Interessen oder Prestigegründen fließt. Die französische Regierung, welche auch immer es war, brauchte nicht übermäßig viele Propaganda- mittkl, um ihrem Volk die Notwendigkeit einer französisch-deutschen Annäherung und Versöhnung klarzumachen. Diese sind für Frankreich ein ganz selbstverständlich zu erstrebendes Ziel. Gegen was es sich aber auf das entschiedenste auflehnt, ist, daß die natürliche demographische und kriegspotentielle Überlegenheit Deutschlands sich zu einer Vorherrschaft in Europa erweitert, und der .bedingungslos Besiegte’ zum endgültigen Sieger über Europa wird. Es ist aus allen diesen Gründen ziemlich sicher damit zu rechnen, daß Frankreich die Europäische Armee in der bisherigen Konzeption ablehnt, was dagegen nicht bedeutet, daß deren Prinzip verleugnet wird.“

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