Sansibar - © Fotos: Günter Spreitzhofer
International

Das Ende der Party?

1945 1960 1980 2000 2020

Sansibar gilt als das Paradies für westliche Urlauber. Doch der Tourismus hat nur wenigen Glück gebracht. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in bitterer Armut und hadert mit der westlichen Kultur – und Freddie Mercury.

1945 1960 1980 2000 2020

Sansibar gilt als das Paradies für westliche Urlauber. Doch der Tourismus hat nur wenigen Glück gebracht. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in bitterer Armut und hadert mit der westlichen Kultur – und Freddie Mercury.

Im Nationalmuseum der Hauptstadt von Sansibar, Zanzibar City, gleich neben der „Aga Khan Foun dation“ im alten Hospital, hängen dunkle Ölbilder von Kaiser Franz Joseph und einer sehr jungen Sissy: Zeugen verjährter Freundschaften und Bündnisse im alten Ostafrika, wo Sklavenhandel bis 1907 zum Geschäft gehörte und niemand sich daran stieß. Die blutige Revolution von 1964 brachte zwar die arabische Elite um Hab und Gut und verhalf dem „afrikanischen Sozialismus“ zur Hochblüte, doch viel mehr als graffitibeschmierte Plattenbauten rund um den orientalischen Stadtkern von „Stonetown“, dem historischen Zentrum der Stadt, ist nicht geblieben. Diese „Steinstadt“, ein dunkel-morbides Labyrinth enger Gässchen, ist seit 2000 UNESCO-Weltkulturerbe und könnte diesen Status bald wieder verlieren.

Dutzende Souvenirshops ringen um die Touristen, die sich über Tausendundeinen Irrweg zum Nachtmarkt an der Promenade durchkämpfen, vorbei an Scharen von Keilern für billige Gästezimmer, Gewürztouren und angebliche Massai-Bilder, die alle gleich aussehen. Derzeit sind es wieder etwa 300.000 Urlauber jährlich, die den früheren arabischen Handelsknoten zum Zugpferd des tansanischen Tourismus machen und einen Bauboom mit Folgen auslösen: Das neue Luxushotel Park Hyatt am Rand der Altstadt etwa zerstört die denkmalgeschützte Skyline, sogar ein teilweiser Rückbau des Hauses wird gefordert. Bröckelnder Zauber Der bröckelnde Charme der Stadt ist die größere Bedrohung und kein Zufall. Die urbane Verwahrlosung ist ein Erbe der sozialistischen Epoche, als Erinnerungen an den Sultan von Sansibar rasch verschwinden sollten. Abdul Sheriff, früherer Direktor des Nationalmuseums und emeritierter Professor für Geschichte, ist jedenfalls skeptisch zum Erhalt des UNESCO-Status: „85 Prozent der Altstadt sind unwiederbringlich verloren.“

So ist ausgerechnet eines der Wahrzeichen, das majestätische Haus der Wunder, bis auf Weiteres geschlossen – wegen akuter Einsturzgefahr: Der frühere Sultanspalast aus dem Jahr 1883, das erste Gebäude mit Elektrizität südlich der Sahara und Symbol des frühen Fortschritts, wurde zum Mahnmal des Niedergangs. Die Märcheninsel kränkelt, trotz internationaler Unterstützung. Landeskenner wie Erich F. Meffert, ein renommierter Architekt und ehemaliger deutscher Honorarkonsul, benennen die tieferen Ursachen für die Misere Sansibars: „Ignoranz, Arroganz, Inkompetenz und Korruption sind fleißig am Werke, das architektonische Erbe Sansibars zu unterminieren und am Ende zu zerstören.“ Seit zwei Jahrzehnten ist Tourismus die Haupteinnahmequelle der Insel, ein pittoresker Mix aus Palmen, Meer und arabischem Flair. Investoren aus aller Welt, vor allem Italien, waren flugs zur Stelle, rasch waren die attraktiven Grundstücke am Meer in der Hand einiger großer Konsortien, sodass selbst für die Bewohner Sansibars der Zugang zur See schwierig wurde.

Das Durchschnittseinkommen liegt weiterhin unter einem US-Dollar pro Tag, über die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, die mittlere Lebenserwartung beträgt 54 Jahre. Man schätzt, dass etwa zwölf Prozent der Kinder unter akuter Mangelernährung leiden. Von den Scampi-Wraps in Beachclubs wie Upendo und Season’s Lodge können sie nur träumen. Laut Action Aid, einer international agierenden NGO mit Zentrale in Südafrika, nützt der Tourismus nur ausländischen Investoren und einer Handvoll Einheimischer – die Kluft zwischen Arm und Reich sei seither weiter gestiegen, vor allem in Enklaven westlicher Lebensweise, mit Kite-Surfing und Tauchen inmitten armseliger Fischerdörfchen wie Jambiani, Paje und Michamvi, drüben an den Stränden der Ostküste.

Negative Grundstimmung

Einige Investoren mögen Schulen und Apotheken in den Dörfern rundum finanziert haben, die negative Grundstimmung jedoch blieb: Die Bauern und die Fischer konnten ihre Produkte zu höheren Preisen als bisher verkaufen, was für Unmut unter allen anderen sorgte, die die neuen Preise genauso berappen mussten.

Dass mehr und mehr auswärtige Saisonarbeitskräfte in das junge, touristische Wunderland strömten, behagte auch nicht jedermann – Gruppen rotgewandeter Massai vom Festland, die einen Lebensunterhalt als touristische Fotomodelle und Wächter von Resorthotels dem Hirtenleben in den Steppen Ostafrikas vorziehen, sind hier ebenso exotische Fremdkörper wie knapp bekleidete Italienerinnen. „Bitte an Stadtstränden nicht sonnenbaden“, mahnen zahlreiche Gästehäuser in Aushängen an den Rezeptionen in „Stonetown“ ein, aus Rücksicht auf Gläubige. Sansibar ist eine Männergesellschaft. 98 Prozent der Bevölkerung sind muslimisch und mit der vergleichsweise liberalen Regierungslinie des großen Bruders Tanganjika (Festland-Tansania) nicht immer ein
verstanden.

Das Durchschnittseinkommen liegt unter einem US-Dollar pro Tag, die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.

Seit April 2004 gelten rigide Strafen für gleichgeschlechtliche Partnerschaften – 25 Jahre Haft für Männer, sieben für Frauen, um das Land „vor zunehmender Akzeptanz eines besorgniserregenden Verhaltens“ zu schützen, das immer mehr homosexuelle Touristen mitbrächten. Im muslimischen Fastenmonat Ramadan wurde Touristen 2004 erstmals das Essen und Trinken in der Öffentlichkeit untersagt, für Frauen gar ein Minirockverbot erlassen – ausgenommen waren lediglich Innenbereiche von Tourismusanlagen, was die touristische Gettobildung weiter verschärfte. Freddie, die Ikone Farrokh Bulsara, besser bekannt als Freddie Mercury, Sänger der Rockband Queen, hätte heute jedenfalls kein leichtes Leben hier.

1946 auf Sansibar geboren, musste der Sohn einer wohlhabenden parsischen Familie mit acht Jahren vor nationalistischen Rebellen von der Insel nach Indien fliehen, von dort ging er später nach England. Als er 1991 an den Folgen seiner Aids-Erkrankung stirbt, ister nicht nur einer der berühmtesten Popstars seiner Zeit, sondern auch eine Ikone für Schwule weltweit. HIV und Homosexualität sind auf Sansibar Tabuthemen; erst im September 2017 kam es zu Razzien mit Massenverhaftungen im Anschluss an einen als einschlägig erachteten internationalen Kongress. Entsprechend umstritten ist der berühmteste Sohn der Insel hier, wo – dem Mainstream zum Trotz – gezielt mit westlicher Popkultur kokettiert wird: im Mercury’s etwa, einer Bar in der Nähe des Fähranlegers, wo jede Ecke des Innenraums mit Bildern und Relikten des Namensgebers geschmückt ist und unaufhörlich QueenSongs aus den Lautsprechern dringen.

Man trägt Shorts und trinkt Bier hier, zu viel Bier für einige, auch so manche Einheimische – ein Argument mehr für fundamentalistische Gruppierungen, die die Bekämpfung von Übergriffen westlicher Dekadenz auf traditionelle sansibarische Lebensweisen zum politischen Credo gemacht haben. Sheik Soraga gilt als rechte Hand des Muftis und Oberaufseher für Religionsfragen auf Sansibar. Ihm obliegt es, Gebetsversammlungen zu genehmigen oder zu untersagen und im Auftrag der halbautonomen Regierung der Insel für ein kooperatives Miteinander der Religionen zu sorgen.

Fundamentalismus hat hier keine lange Tradition: Der Sultan von Sansibar etwa griff den ersten christlichen Missionaren im 19. Jahrhundert beim Bau einer Kirche finanziell unter die Arme. Arabische Einflüsse Die islamische Bewegung UAMSHO erkennt Soragas Autorität nicht an. „Mit denen gab es immer nur Ärger“, sagte der Scheich, bevor er 2013 Opfer eines Säureangriffs wurde, der ihn für den Rest seines Lebens entstellen wird. Kurz vor dem Angriff hatte sich Soraga dezidiert gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der radikalen Gruppe ausgesprochen und zugleich der Schaffung eines islamischen Gottesstaates auf der Insel eine Absage erteilt. Schuld an allem, so Sheik Soraga, seien die vielen jungen Sansibaris, die mit Stipendien der Regierung und religiöser Stiftungen in SaudiArabien und im Iran studieren. „It’s a kind of magic“, der Coversong des zwölften Studioalbums der britischen Rockgruppe Queen, erschien 1986, bevor xenophobe und homophobe Agitationen Politik und Gesellschaft der Inselwelt nachhaltig veränderten. „Magic Sansibar“, heißt es in Prospekten. Dieser Glanz ist gefährdeter denn je, nicht nur wegen maroder Bausubstanz: Über der Wunderwelt am Palmenstrand sind Schatten aufgezogen.

Sansibar Karte - © Grafik: Rainer Messerklinger (Quelle: Wikipedia)
© Grafik: Rainer Messerklinger (Quelle: Wikipedia)

Der Archipel im Indischen Ozean besteht aus den beiden Nachbarinseln Unguja (früher ebenfalls Sansibar genannt) und Pemba, ist etwa 2650 km2 groß und mit rund 1,2 Mio Menschen äußerst dicht besiedelt. Das einstige omanische Sultanat Sansibar bildet seit nunmehr vierundvierzig Jahren gemeinsam mit dem damaligen Tanganjika eine Unionsrepublik – das neu daraus entstandene Tansania (26. April 1964) war seit 1884 zunächst eine deutsche Kolonie und danach bis zur Unabhängigkeit (10. Jänner 1963) britisches Protektorat. In den letzten Jahren kam es zunehmend zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um den Status Sansibars. Zum einen fordert der Großteil der Bevölkerung Sansibars die Unabhängigkeit der bisher halbautonomen Insel, die über ein eigenes Parlament und eine Regierung verfügt. Zum anderen geht der Konflikt zunehmend mit einem religiösen Zerwürfnis zwischen Christen und der fast ausschließlich muslimischen Bevölkerung Sansibars einher. Seit den Wahlen 2010 dominieren – in Form der Regierungskoalition – die Vertreter der Einheit des Landes in beiden Großparteien. Nach der erstmaligen Koalition der Einheitspartei Chama Cha Mapinduzi (CCM), die seit der Staatsbildung 1964 die Regierung Tansanias bildet, mit der Civic United Front (CUF) ist die islamische Bewegung UAMSHO (dt: „Erwachen“) als oppositionelles Sammelbecken 2012 politisch erstmals aktiv in Erscheinung getreten. Sie gilt als radikaler Befürworter einer Sezession und Einführung des Islamischen Rechts. Sheikh Farid Hadi Ahmed, UAMSHO-Anführer und Hassprediger, begann unverblümt Forderungen nach einem Dresscode für Ausländer, nach Restriktionen für den Konsum von Alkohol sowie die Etablierung eines vom Festland unabhängigen Staates Sansibar zu propagieren. Brandstiftungen an Kirchen und Attentate auf Priester, Touristen und gemäßigte Muslime sind seither salonfähig geworden.

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