Digital In Arbeit

Das ewige Volk

Jüdische Existenz war durch die Jahrhunderte stets gefährdet und ist es bis heute geblieben. Aber gerade darin erweist sich ihre Stärke.

Ahasver", der "ewige Jude", ist ein antisemitischer Topos. Der Name Ahasver ist eigentlich kein jüdischer Name. Achaschwerosch heißt der persische König Artaxerxes im Buch Ester. Die Ahasver-Tradition erschien anonym 1612 in Leyden und Bautzen und setzte sich seither in der judenfeindlichen Literatur durch. Nach dieser Tradition war es ein jüdischer Schuster, der dem das Kreuz tragenden Jesus das Ausrasten vor seinem Geschäft verwehrte. Darauf sagte ihm Jesus: "Ich will hier stehen und ruhen, du aber sollst gehen, bis ich wiederkomme." Daraus entstand das Motiv vom ständig wandernden, nie seine Ruhe findenden Juden. Doch hier soll das Thema unter einem anderen Gesichtspunkt abgehandelt werden: Es geht um "Am olam", das "ewige Volk". Das Judentum ist auch in seinem eigenen Selbstverständnis Gottes Zeugenvolk in der Geschichte, das am Ende der Geschichte, in der messianischen Zeit, die Bestätigung für sein Durchhalten in der Geschichte erhalten wird.

In diesem Sinn war schon das babylonische Exil im 6. Jh. v. Chr., also der Anfang der Gola (ich ziehe diesen Begriff gegenüber "Diaspora" vor), ein Identität stiftender Faktor. Etwa aus der Zeit des Exils stammt die sogenannte Priesterschrift, die jene biblischen Gesetze besonders hervorstreicht, die für die Erhaltung des Judentums in der Gola von entscheidender Bedeutung wurden, durch die das Judentum über alle Länder der Gola hinweg zu einer religiösen Einheit wurde. Das sind nun der Sabbat (Gen 2,2), die Speisegesetze, kein Fleisch in seinem Blut zu essen (Gen 9,4) und last not least die Beschneidung der acht Tage alten Knaben (Gen 17,11f). Wer dies befolgte, war Mitglied einer jüdischen Gemeinde, gleichgültig wo sich eine solche befand. So wurden die grundlegenden Voraussetzungen für eine Gola-Existenz geschaffen, für ein Neuverständnis des Volkes Israel als eine Fülle von Kultusgemeinden. Allerdings implizierte dies auch eine ideologische Auseinandersetzung mit der heidnischen Umgebung, deren Götter zu Götzen abgewertet wurden. Jüdische Identität wurde ein Bewusstseinsinhalt im Unterschied zur religiösen Werteskala derjeweiligen Umgebung. So wurden in ihrem Selbstverständnis aus den Dienern des einzig wahren Gottes die einzig wahren Diener Gottes.

Die Beeinflussung durch den Hellenismus seit dem 3. Jh. v. Chr. bedeutete einerseits eine Gefahr für die jüdische Identität, andererseits lieferte der Hellenismus auch jene Denkstrukturen, die dem Judentum das religiöse und intellektuelle Überleben ermöglichten. Das Judentum sagte grundsätzlich ja zum intellektuellen Synkretismus, aber die Anwendung synkretistischer Vorstellungen auf den Gottesbegriff blieb undenkbar. Antiochos IV. versuchte dies im Jahre 168 v. Ch. durchzusetzen, aber seine Götterstatue im Tempelareal von Jerusalem provozierte den Makkabäer-Aufstand.

"Gerechte Strafe"

Die Römer erachteten sich nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. als Sieger, prägten Münzen mit der Aufschrift "Judaea Capta" und gründeten den fiscus judaicus, an den die bisherige Tempelsteuer von einem halben Scheqel abgeliefert werden musste. Für die Christen war die Zerstörung Jerusalems und des Tempels die gerechte Strafe Gottes für den Unglauben der Juden an die Messianität Jesu und das äußere Zeichen dafür, dass der Bund Gottes mit Israel nunmehr auf die Christen übergegangen sei. Die Juden aber verstanden dies im Gegenteil als Folge der Nichtbeachtung oder Geringschätzung der eigenen Identität: "wegen unserer zahlreichen Sünden". Daher musste sich das Judentum sowohl mit dem antiken Heidentum und der Gnosis als auch mit dem Christentum apologetisch auseinandersetzen.

Voraussetzung für die spätere Emanzipation und Assimilation des Judentums war die Aufklärung. Von allem Anfang an war die Beheimatung der Juden in der Kultur ihres Lebensraumes identisch mit der Entheimatung aus ihren traditionellen Lebensformen. Heinrich Heine nannte daher die Taufe das "Entreebillett in die europäische Kultur".

In Osteuropa, wo sich die Aufklärung erst seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts - nicht unbeeinflusst durch die Romantik - durchsetzte, erhielt sie in Form der Haskala eine ausgesprochen nationalpolitische Komponente, während sie im Westen für viele Juden den Weg zur bürgerlichen akademisch-humanistischen Bildung öffnete. Mit anderen Worten: Im Osten führte die Aufklärung als Haskala zu einer Stärkung der jüdischen Identität, im Westen hingegen zu einer Schwächung. Die Schwächung der jüdischen Identität durch schrittweise Auflösung der restriktiven antijüdischen Bestimmungen war auch das beabsichtigte Ziel der Regierenden, die eine Emanzipation der Juden befürworteten. Auch das Toleranzpatent Kaiser Josefs II. vom Jänner 1792 war von der gleichen Absicht bestimmt: Die Juden sollten entsprechend dem Verständnis der Mehrheitsbevölkerung deren nützliche Glieder werden.

Die Juden, die bereit waren, viel von ihrer Identität aufzugeben, um den Anschluss an ihre kulturelle Umwelt zu gewinnen, wurden besonders hart vom Antisemitismus getroffen, der mit der jüdischen Emanzipation im 19. Jahrhundert nicht ab- sondern zunahm. So wurde, so grotesk es klingen mag, der Antisemitismus zu einem wichtigen Faktor der Stärkung der jüdischen Identität. Gab es auch intellektuelle Juden wie Karl Kraus, die für Assimilation bis zur vollen Aufgabe der eigenen Identität eintraten, so gab es doch auch einen immer stärker werdenden Chor von Stimmen, die im Nationalbewusstsein einen neuen Weg zur Stärkung der jüdischen Identität suchten und fanden.

Ein Verfechter eines jüdischen Diasporanationalismus in Wien war Nathan Birnbaum, der ab 1885 die Zeitschrift Selbstemanzipation herausgab. Darin bezeichnete er immer wieder die Assimilation als Selbstbetrug, und 1890 finden sich auch schon die Worte "zionistisch" bzw. "Zionismus". 1893 schrieb er einen diesbezüglichen Essay über "Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande als Mittel zur Lösung der Judenfrage".

Bereits 1882 wurde von ihm und einigen anderen jüdischen Studenten die erste Farben tragende schlagende jüdische Studentenverbindung "Kadimah" gegründet. Die Kadimah und weitere jüdische Studentenverbindungen in der Habsburgermonarchie boten jüdischen Studenten, die nicht mehr bei den nationalen, ehemals liberalen Verbindungen zugelassen wurden, eine akademische Heimat und förderten gleichzeitig ihr nationales Selbstbewusstsein. In den Statuten der Kadimah heißt es: "Bekämpfung der Assimilation - Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins durch Verbreitung jüdischer Geschichte und Literatur und Errichtung jüdischer Kolonien in Palästina". Somit war der Zionismus neben den aus Quellen der Haskala stammenden kulturpolitischen Elementen auch eine Antwort auf die missglückte tatsächliche Emanzipation. Der Antisemitismus war zweifelsohne der entscheidende Faktor, der auch Theodor Herzl zum Zionisten machte.

Schlechtes Gewissen

Ein weiteres Element, das für das heutige Judentum bestimmend ist, ist die Solidarität mit den Opfern der Schoa. Das schlechte Gewissen der Welt nach den Verbrechen des Nationalsozialismus führte am 15. Mai 1948 zur Gründung des Staates Israel aufgrund eines Beschlusses der Vereinten Nationen vom 29. November 1947. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass die Araber Palästinas von allem Anfang an durch terroristische Akte bemüht waren, die Durchführung dieses UNO-Beschlusses zu verhindern. Das muss mitbedacht werden, wenn man über die derzeitige Situation in Palästina spricht.

Die Zionisten zogen nach Israel, um das jüdische Problem in Europa zu lösen. Dadurch entstand das neue Problem zwischen Juden und Arabern. Der Zionismus als politische Bewegung entstand zu einer Zeit, da das koloniale Weltbild noch eine Selbstverständlichkeit war. Israel aber musste und muss sich durchsetzen zur Zeit der Entkolonialisierung. Jüdische Existenz war gefährdet und blieb gefährdet, aber gerade durch die Gefährdung erweist sich ihre Stärke. Was die Antisemiten mit dem "Ewigen Juden" meinten, verstehen die Juden als "Am olam", als ewiges Volk bis hin zur messianischen Erfüllung.

Der Autor ist emeritierter Professor für Judaistik an der Universität Wien.

FURCHE-Navigator Vorschau