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"Das Land hat für den Frieden gestimmt"

1945 1960 1980 2000 2020

Nach den Wahlen in Kolumbien herrscht Aufbruchsstimmung. Der mühsame Friedensprozess mit den Rebellen von der FARC sollte zu einem Abschluss kommen. Vera Grabe, selbst einst im bewaffneten Widerstand, heute Senatorin im Parlament, ist zuversichtlich.

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Nach den Wahlen in Kolumbien herrscht Aufbruchsstimmung. Der mühsame Friedensprozess mit den Rebellen von der FARC sollte zu einem Abschluss kommen. Vera Grabe, selbst einst im bewaffneten Widerstand, heute Senatorin im Parlament, ist zuversichtlich.

era Grabe, 62, war Mitbegründerin und Comandante der Guerillabewegung M19. Nach dem Friedensabkommen mit der Regierung im Jahr 1990 wurde sie in den Kongress gewählt, zuerst als Abgeordnete, dann als Senatorin. Jetzt leitet sie die mit Friedenserziehung und Konflikttransformation befasste NGO Observatorio para la Paz in Bogotá. Grabe war im Mai auf Einladung des Herbert C. Kelman Instituts, des vidc und der Informationsgruppe Lateinamerika (IGLA) in Wien.

DIE FURCHE: Letzten Sonntag wurde Präsident Juan Manuel Santos mit knapp über 50 Prozent der gültigen Stimmen in einer Stichwahl wiedergewählt. Ein äußerst knappes Ergebnis. Ist das Land politisch polarisiert?

Vera Grabe: Mehr als 900.000 Stimmen Unterschied ist kein so knappes Ergebnis. Die Wahl war polarisiert, und es gibt radikale Gruppen. Aber das Ergebnis zeigt, dass das Land nicht so polarisiert ist, wie es sich einige erhoffen, denn viele haben gerade für den Frieden gestimmt, weil wir eben diese Polarisierung nicht mehr wollen.

DIE FURCHE: Zuluaga, der Kandidat des rechten Ex-Präsidenten Álvaro Uribe, hat ursprünglich eine militärische Lösung versprochen. Warum ist die harte Hand für so viele noch immer attraktiv?

Grabe: Der Frieden hat gewonnen! Und nicht die militärische Lösung. Zuluaga ist Uribe, und der steht für das Konzept der "demokratischen Sicherheit", die angeblich Ruhe in das Land gebracht hat. Im Wahlkampf wurde behauptet, dass ein Friedensprozess mit den FARC das Land dem "Casto-Chavismo" ausliefern würde. Also eine Rückkehr zum kalten Krieg. Aber bemerkenswert ist, dass der Friede in diesen letzten Wochen so viele Kräfte mobilisiert hat.

DIE FURCHE: Santos hat dank der Unterstützung der Linken gewonnen. Muss er in seiner zweiten Regierungszeit jetzt mehr Rücksicht auf diese Kräfte nehmen? Auch in der Wirtschaftspolitik?

Grabe: Nicht nur dank der Linken, nicht nur dank der Parteien, viele Bürger, die in der ersten Runde zu Hause geblieben sind, haben jetzt gewählt: Intellektuelle, Künstler, Unternehmer, Leute, die viel Einfluss auf die öffentliche Meinung haben ... und das zählt auch. Alle haben für den Frieden gestimmt und auch klargestellt, dass das der entscheidende Punkt ist. Natürlich muss Santos jetzt viele Rücksichten nehmen, aber es geht hier um ein Thema: Frieden.

DIE FURCHE: Was kann man jetzt für den Friedensdialog erwarten?

Grabe: Dass der Prozess weitergeht und dann wohl auch abgeschlossen ist. Aber rückwärts geht es nicht mehr.

DIE FURCHE: In Kolumbien wurden schon viele Friedensdialoge initiiert. Die wenigsten waren erfolgreich. Warum sollte das diesmal anders sein?

Grabe: Es war nicht alles erfolglos. Es stimmt schon: manche Dialoge haben den Konflikt letzten Endes verschärft. Aber in den 1990er-Jahren gab es auch Dialogprozesse, die zu einem Teilfrieden und wichtigen Veränderungen geführt haben. Es geht also, wenn der Wille da ist. Und diesmal glaube ich, schon allein, dass sich FARC und Regierung an einen Tisch gesetzt haben, ist ein gutes Zeichen.

DIE FURCHE: Beim Friedensabkommen mit M19 vor 24 Jahren wurde eine Demokratisierung des Landes erreicht. Nicht verändert hat sich die ungerechte Wirtschaftsordnung und die Konzentration des Reichtums. Wird das bevorstehende Abkommen mit den FARC diese Wirtschaftsordnung angreifen?

Grabe: Veränderungen wird es bei der Landfrage geben und wohl auch politische Veränderungen. Aber die Regierung hat ganz klar gesagt, das Wirtschaftsmodell steht nicht zur Disposition. Daraus ergibt sich natürlich eine Spannung. Denn natürlich wollen die FARC da auch etwas bewegen. Das Thema liegt zwar auf dem Tisch, aber die Reformen kommen nicht automatisch. Ein weiteres wichtiges Thema ist der Bergbau, den die Regierung als "Lokomotive der Wirtschaft" sieht.

DIE FURCHE: Diese Wirtschaftslokomotive ist eigentlich rückwärtsgewandt, weil sie sich auf fossile Brennstoffe stützt. Ist das eine zukunftsfähige Strategie?

Grabe: Natürlich ist das kompliziert. Sowohl wegen der Umweltfolgen als auch wegen der sozialen Kosten. Wenn solche Projekte nicht von Sozialprogrammen begleitet werden, bringt das neue Probleme. Aber von der Zivilgesellschaft aus gibt es viele Bewegungen, die sich dagegen richten. Es gibt Proteste, die das auch stoppen können.

DIE FURCHE: Gibt es ein alternatives Wirtschaftskonzept, das mit den Ressourcen, die Kolumbien hat, ein zukunftsfähiges Modell anbieten würde?

Grabe: Es gibt Diskussionen, Kritik und Ideen, wie man nachhaltig wirtschaften kann, aber keine Modelle. Es ist schwierig, heute komplette Modelle zu entwerfen.

DIE FURCHE: Dem erfolgreichen Dialog mit M19 folgten blutige Jahre. In drei Jahren wurden vier Präsidentschaftskandidaten ermordet. Warum soll das jetzt anders sein?

Grabe: Der Krieg ist auch blutig. Und der Liberale Luis Carlos Galán und Bernardo Jaramillo von der Unión Patriótica wurden vor dem Frieden ermordet. Es wird immer nur die Gewalt gesehen und nicht, was sich verändert. In unserem Fall hat es Opfer gegeben, mehr bei EPL als bei M19. Aber das ist nicht das Einzige, was man sehen kann. Es gibt natürlich für die Führerschaft der FARC ein Sicherheitsproblem. Sie sind bedroht und in der Bevölkerung nicht beliebt. Das war bei uns anders. Carlos Pizarro hatte Leibwächter und wurde trotzdem ermordet.

DIE FURCHE: Was war für Sie der entscheidende Moment, wo Sie gesehen haben, der bewaffnete Kampf hat sich erschöpft, jetzt müssen wir eine politische Lösung suchen?

Grabe: Bei uns war das die Einsicht ab 1986. Wir hatten unter Carlos Pizarro den Kampf vertieft. Aber dann haben wir erkannt, dass das nichts mehr gebracht hat. Die Sympathie für uns nahm ab. Wir hatten geglaubt, dass viele Freiwillige in die Berge ziehen würden, um bei uns mitzumachen. Aber das Gegenteil war der Fall. Es entstanden Bewegungen für das Leben, für den Frieden. Und die Leute gaben uns zu verstehen, dass sie zwar unsere Ideen teilten aber unsere Methoden nicht mehr unterstützten. Die Zivilbevölkerung, die wir eigentlich beschützen wollten, war ständig Angriffen ausgesetzt. Es war ganz wichtig, auf diese Stimme der Zivilbevölkerung zu hören. Es ging nicht mehr um Sieg oder Niederlage, sondern darum, die Stimmung im Land zu erkennen.

DIE FURCHE: Álvaro Uribe hat auf die militärische Lösung gesetzt und ist heute noch beliebt. Welche Motivation hat die heutige Regierung, auf Verhandlungen zu setzen? Und welche Motivation haben die FARC?

Grabe: Regierung und FARC haben eingesehen, dass es keine militärische Entscheidung geben kann. Die FARC hat in den letzten Jahren viele Schläge einstecken müssen und genießt wenig Legitimität. Die Regierung braucht auch Frieden, um ihre wirtschaftlichen Pläne umzusetzen. Es hat sich im Land auch viel getan. Obwohl der Friede unter Uribe nicht populär war, haben wir nicht aufgehört, dafür zu arbeiten. Und als Santos begann, von Frieden zu reden, hat man gemerkt, dass es plötzlich viel Unterstützung gab. Es sind beide Tendenzen da.

Nach der Wahl

Hoffnungsträger Santos

Kolumbiens wiedergewählter Staatschef Juan Manuel Santos will in seiner zweiten Amtsperiode dem 50 Jahre andauernden Konflikt mit linksgerichteten Guerillagruppen ein Ende setzen. Mit diesem Ziel hat er im Schlussspurt seiner Wahlkampagne auch bei der linken Wählerschaft punkten können, die bisher nur in diesem einzigen Punkt mit ihm übereinstimmte.

Denn vor vier Jahren war er noch als ausgewiesen konservativer Kandidat angetreten, nämlich als Zögling seines rechten Mentors und Vorgängers Alvaro Uribe. In Bogota, wo seit zwanzig Jahren linke Bürgermeister regieren, konnte Santos seinen Stimmenanteil in den zwanzig Tagen von einer Wahlrunde zur anderen von 440.000 auf 1,3 Millionen Stimmen verdreifachen. Santos gewann landesweit die Wahl mit einem Vorsprung von 910.000 Stimmen vor seinen rechten Rivalen Oscar Ivan Zuluaga, dem aktuell von Uribe geförderten Kandidaten.Santos schaffte außerdem, die Wählerschaft zu mobilisieren.Die Kolumbianer haben schon mehrere Verhandlungen mit der Guerilla erlebt, die alle bisher gescheitert waren. (dpa/red)

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