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Das Leben im chinesischen Traum

Die ORF-Korrespondenten schildern in einem neuen Buch beeindruckende Erlebnisse aus ihremArbeitsleben. Jörg Winter geht Chinas Kauf- und Immobilienwahn nach - ein Auszug.

Plötzlich taucht sie am Horizont auf. Nach vielen Stunden Autofahrt von Peking. Sie liegt mitten in der mongolischen Steppe, am Rande der Wüste Gobi. Die Millionenstadt Ordos. Erbaut in nur wenigen Jahren. Mit einem einzigen Schönheitsfehler: Es wohnt kaum jemand dort. Ordos ist eine Geisterstadt.Nicht die einzige, aber sicher die bekannteste Chinas. Wie viele Menschen hier wohnen, weiß niemand genau. Vielleicht 30 000, erzählt man bei unserem Besuch. Für 700 000 Menschen hat man bereits Wohnungen gebaut, in nur wenigen Jahren hätte Ordos deutlich mehr als eine Million Bewohner zählen sollen.Wie es derzeit aussieht, eine Utopie: Der Besucher fühlt sich recht verloren hier. Die vierspurigen Prachtboulevards sind menschenleer. Vor dem Regierungsgebäude, am Rande eines gigantischen Platzes, der irgendwie an eine moderne Version aus Sowjetzeiten erinnert, thront eine Statue von Dschingis Khan, dem mongolischen Kriegsherrn. Sie dient als Fotokulisse für die wenigen Touristen, die sich hierher verirren.

Ein leeres Design

Es gibt ein Opernhaus, ein Theater, eine Bibliothek. Alles in modernem, zeitgenössischem Design. Es sind beeindruckende Bauwerke, wie das Museum von Ordos, das auf einem Sockel aus hellem Kalkstein steht. Entworfen hat es Chinas Stararchitekt Ma Yansong. Das Geld wächst hier zwar nicht auf den Bäumen, aber es steckt wörtlich im Boden. Vor einem Jahrzehnt hat man in der Inneren Mongolei, einer Provinz ganz im Norden Chinas, riesige Kohle- und Erdgasvorkommen entdeckt. Auch rund um Ordos. Eine Kaste von Millionären ist entstanden, die sich in kurzer Zeit enorm bereichert hat. Gemeinsam mit den Behörden hat man die Retortenstadt aus dem Boden gestampft. Und auch wenn dort kaum jemand wohnt, die meisten Wohnungen sind verkauft, die Immobilienpreise kräftig gestiegen.

In einer leeren Geschäftsstraße suchen wir nach Interviewpartnern - ziemlich mühsam, weil kaum jemand hier ist. Wir treffen vor allem Bauarbeiter, die Häuser errichten, in denen auch nach Fertigstellung, wie in den anderen Stadtteilen, wahrscheinlich für lange Zeit niemand wohnen wird. Es zieht uns durch die offene Tür in ein Geschäftslokal. Das Erdgeschoß ist mit Antiquitäten und Weinregalen voll geräumt. Im ersten Stock wird ein Club eingerichtet, im Stock darüber befindet sich der VIP-Bereich. Hinter der leeren Kochinsel aus Chrom-Stahl, die auf einem Sockel in der Raummitte thront, steht der Küchenchef. Er habe ihn aus Japan einfliegen lassen, erzählt uns Herr Gao, der Eigentümer des Lokals, nicht ohne Stolz. Unternehmer Gao erfüllt sich hier seinen Lebenstraum und bezeichnet sich als Weinpionier, der für erlesene Gäste, wie er sagt, ein Refugium aufziehen will. Bloß, wir bekommen niemanden zu Gesicht. Auf die Frage, woher seine exklusive Klientel denn kommen soll, antwortet Herr Gao vage mit Abmachungen, die er mit wichtigen Personen und Organisationen getroffen habe. Unerschütterlicher chinesischer Optimismus? Wieso stellt Chinas zentral gelenkte Bauwirtschaft Millionen neuer Wohnungen irgendwo ins Gelände, warum werden Städte aus dem Boden gestampft, in denen sich die meisten Chinesen Wohnungen gar nicht leisten können? Die Suche nach Antworten ist schwierig. Eine mögliche Antwort, die wir gefunden haben: Der Erfolg der Provinzregierungen wurde in Peking lange Zeit an der Höhe des lokalen Wirtschaftswachstums gemessen. Zieht man derartige Geisterstädte hoch, dann lassen sich die Wachstumsvorgaben eben relativ leicht erfüllen. Je pompöser, desto besser. Doch braucht es dazu auch willige Investoren. Chinas Neureiche, die Kohle- und Gasbarone aus der Inneren Mongolei, brauchen Anlagemöglichkeiten. Geld ins Ausland zu schaffen, ist auf legalem Weg kaum möglich, für Bankeinlagen gibt es nur enttäuschende Zinsen.

Und so bleiben Immobilien als eine vielversprechende Anlagemöglichkeit, was wahnwitzige und nicht selten skurrile Bauprojekte vorantreibt. Das vielleicht verrückteste Projekt besuchen wir gut eine Autostunde von Shenzhen entfernt, in der südchinesischen Industrieprovinz Guangdong. Hier hat der Bergwerks- und Stahlkonzern Minmetals eine Kopie der oberösterreichischen Weltkulturerbegemeinde Hallstatt aus dem Boden gestampft. Die Christuskirche ist ebenso zu bestaunen wie die Nachbildung des Hotels "Grüner Baum“. Auch den Hallstätter Marktplatz hat man kopiert samt Dreifaltigkeitssäule. Eingebettet in chinesische Einheitsarchitektur, umgeben von Fabrikhallen, Wohnblöcken und Baustellen, wirkt Hallstatt 2.0 wie ein Klon aus einer anderen Welt. Statt rauem Gebirgsklima schlägt dem Besucher subtropische Feuchte ins Gesicht. Palmen und ein kleiner See zieren das Dorf, das in den nächsten Jahren zu einer Luxuswohnanlage ausgebaut werden soll. Die Wohnungen hier sind für die lokale Bevölkerung unerschwinglich.

Anlagen für Milliardäre

Für Chinas Wohlhabende jedoch nicht. In Peking haben Kohlebarone aus der Inneren Mongolei oder der Provinz Shanxi in den vergangenen Jahren ganze Wohnblocks an Luxusappartements aufgekauft. Oft schauen sich die Käufer die erworbenen Wohnungen gar nicht an. "Sie kaufen gleich Dutzende und vermieten sie auch nicht“, erzählt uns eine Maklerin, die ungenannt bleiben will. Die Käufer wetten auf immer weiter steigende Wohnungspreise. Umgerechnet 7000 Euro und mehr pro Quadratmeter sind für Wohnungen in den besten Lagen Pekings zu berappen. Die Arbeiter auf den Baustellen verdienen oft gerade einmal 350 Euro pro Monat. Ein Zweijahreslohn kauft also einen guten Quadratmeter Luxuswohnung.

In den Nachtclubs rund um das Arbeiterstadion tanzen und trinken die Söhne und Töchter der Neureichen. Der Wagenpark vor den Clubs verrät, dass Geld hier keine Rolle spielt. Die Geschichte eines Bekannten passt gut ins Bild. Er hat in Peking mitgeholfen, einen Luxusautoclub aufzuziehen, und plaudert über die Clubmitglieder. Etwa über den jungen Sohn eines reichen Unternehmers, der einen vormals staatlichen Betrieb übernommen und umgekrempelt und damit angeblich Hunderte Millionen Yuan verdient hat. Mein Bekannter geht mit dem Jungspross auf Shopping-Tour in Peking. Der junge Mann ist auf der Suche nach einem neuen Auto, geht zielstrebig in ein Ferrari-Geschäft und besiegelt den Kauf innerhalb weniger Minuten. Sozialismus auf Chinesisch.

Mit eigenen Augen

ORF-Korrespondenten berichten,

Roland Adrowitzer (Hg.), Styria 2012.

316 Seite, Hardcover, e 29,99

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