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Das mazedonische Experiment

Von der Zitadelle am Wardar weht eine rote Fahne mit dem Stern der Partisanen über Mauern und Minarette der alten Türkenstadt Üsküb. Es ist die Nationalflagge ‘jenes Miniaturstaates, der am 2. Februar 1944 im Kloster des heiligen Prokop Petschinski von Kommunisten als Volksrepublik Mazedonien ausgerufen wurde. Ein untrennbarer Bestandteil der jugoslawischen Föderation, weist er nur die äußerlichen Merkmale eines souveränen Gebildes auf, denn ihm fehlen nicht nur eigene Währung und Armee, sondern auch ein Außenminister. Trotzdem haben ihn seine Schöpfer als einen maximalen Erfolg von jahrhundertelangen Kämpfen gepriesen, obwohl seine Existenz nicht mehr darstellt als einen Vorschuß auf den eigenen Staat. Immerhin nahmen die Mazedonier nicht ohne Befriedigung auch diese Lösung an, obwohl sie weit entfernt von der Proklamation ist, die ihre Revolutionäre, die legendäre Imro, um die Jahrhundertwende im kühnen Aufstand von Ilinden verkündeten und seither in zahllosen blutigen Akten gegen die Herrschaft der Osmanen und später der Serben bekräftigten. Als bulgarischer Stamm und religiös mit der bulgarischen Nationalkirche verbunden, deren Schutz sie 1870 durch einen Ferman des Sultans überantwortet wurden, haben sie nach dem unglücklichen Balkankrieg 1913 ihre Forderung nach Unabhängigkeit revidiert und sich für eine Angliederung an Bulgarien entschieden. Um dieses Ziel ging es auch im ersten und zweiten Weltkrieg, und lange Zeit hat sich die Politik am Balkan um diese magische Wardarachse gedreht, ehe sie in das heutige Stadium einer scheinbar schwerelosen Balance geriet. Denn nur ein scharfer Druck von oben konnte die in Bulgarier? noch lebenden mazedonischen Emigranten veranlassen, im Herbst 1946 ihren Verband aufzulösen, und ein schmerzlicher ‘Verzicht ist auch im Wortlaut der Resolution haftengeblieben.

Als wendige Realisten haben die Mazedonier nicht versäumt, das vom jugoslawischen Marschall Josip Broz-Tito gewährte autonome Statut bis an die gebotenen Grenzen ihrer Gewalt auszubauen und ihr Land zwischen Schargebirge und Odiridasee mit einem Leben zu erfüllen, dessen Taumel an die naturhafte Kraft der Pioniere im Urwald erinnert. Die Kommunisten vermochten es, mit den Superlativen ihrer Propaganda den schweren Schock der Menschen nach dem Abzug der bulgarischen Truppen 1945 in das erlösende Gefühl der Erleichterung umzumünzen und Leistungen herauszuholen, die vordem niemand für möglich gehalten hatte. Sie versprachen, das Antlitz Mazedoniens gründlich zu verändern, und niemals ist die Phrase vom Fortschritt leidenschaftlicher gebraucht worden. Mit beträchtlichen Zuschüssen aus der Belgrader Staatskasse entstand über Nacht ein Apparat für Regierung und Administration, von dem sich erst jetzt herausstellt, daß seine Träger noch ungeschult und den Aufgaben nicht gewachsen sind. Dieser Umstand war nun für Belgrad eine Gelegenheit, der Volksrepublik durch serbische und kroatische Fachleute zu helfen, wodurch sich der krasse Gegensatz zur „serbischen Militärclique” im Offiziersheim von Skoplje um viele Grade milderte, zumal Mazedonien im Belgrader Zentralparlament einen Vizepräsidenten und mehrere Abgeordnete, in der Föderativregierung einen stellvertretenden Premier und zwei Minister besitzt. Eine „Historische Staatskommission” ging zudem daran, auch die mazedonische Geschichte von delikaten Erinnerungen zu säubern und als Irrtum zu erklären, was bisher die Serben störte. Parallel läuft die Bemühung, den tief im Volke verwurzelten Nationalismus mit den Ideologien des leninistischen Marxismus zu infizieren und das Fundament zu schaffen, auf dem die Nationale Front als einzige politische Organisation für alle volk- lieben, rassischen und religiösen Bekenntnisse operiert. Ein in der sozialen Primitivität des Mittelalters lebendes Volk mit einer unkomplizierten ständischen Gliederung, ohne aristokratische, bourgeoise oder bürokratische Hierarchie, mit einer nahe dem Urzustand verbliebenen Wirtschaft, die noch im Vorjahr nur drei Prozent der Industrie Jugoslawiens aufwies, dessen Dörfer noch mit Kerze oder Petroleum beleuchtet sind und das seine Wasser- und Bodenschätze och niemals ausnützte, mit 120.000 ha noch unerschlossenem versumpftem oder verdorrtem Bode wurde nun vom Kommunismus veranlaßt, den jähen Schritt in unser Jahrhundert zu ton. Dies ist ein für Europa einmaliges, ein absolutes Experiment.

Nach der Ausrufung der Republik wurde eine „Kommission für mazedonische Sprache und Grammatik” ernannt, die im Amtsblatt die Regeln der Staatssprache publiziert. Als Vorlage dient der um Prilep und Bitolja gesprochene Dialekt, in. dem während des Krieges die Befehle, Aufrufe und Gedichte der Partisanen niedergeschrieben wurden, ein unfertiges Bulgarisch mit altslawischen Wortinseln. Von der Sprachschöpfung im Königreich drüben abgeschnitten, hatten sich serbische, türkische und griechische Ausdrücke für Gegenstände der Neuzeit eingeschlichen, und die Kommission konstruierte nun für viele Dinge entweder neue Worte oder akzeptierte solche aus dem Serbischen, wodurch sich erhebliche Abweichungen vom Bulgarischen ergeben. Durch eine eben vorgenommene Revision der Vokabeln ist dieser Separatismus noch verstärkt worden. Ihn mit dem Hinweis zu bagatellisieren, das Volk würde das Amtsblatt nicht zur Kenntnis nehmen, wäre eine Täuschung, weil die im Staatsverlag „Prosvetno Djelo” erscheinenden Lehrbücher sich der neuen Rechtschreibung bedienen und nicht nur die Jugend, sondern auch über 100.000 erwachsene Analphabeten danach unterrichtet werden. Außerdem hat der Mazedonier keine andere Zeitung als das Organ der Nationalen Front „Nowa Makedonia” (Neues Mazedonien), alle Schulen und vor allem die Universität mit ihren Fakultäten für Philosophie, Medizin, Land- und Forstwirtschaft, mit ihren über 700 Studenten, die fünfklassige Kunstakademie, die Musikhochschule, das höhere Pädagogium bedienen sich der neuen Sprache ebenso wie das Staatstheater, von dem dessen Direktor Kolo Čašule selbst sagt, es sei „die einzige Bühne, auf der die echte Schriftsprache des Mazedonischen gesprochen wird, denn sie erfüllt die verantwortliche Pflicht, diese zu reinigen, zu formen und zu entwickeln”. Dieses Theater, das nun auch zur Oper überging, bisher aber nur zwei mazedonische Dramen, „Tschorbadschi Teodoz” und „Begalka”, dagegen etliche Komödien zeigen konnte und sich sonst mit Übersetzungen behilft, ist deshalb nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein betont nationalistisches Instrument. Eben deshalb war man im benachbarten Bulgarien sehr verstimmt, daß es in Gorna Dschumaja im von den Mazedoniern als volksverwandt bezeich- neten Strumatal eine Filiale errichtet hat.

In dieser Sprache also spricht die kommunistische Lehre zu den Mazedoniern, wie sie sich in großzügiger Duldsamkeit offen auch der Muttersprache der Türken und skipetariscfeen Albaner bedient. Während Üsküb, die Altstadt von Skoplje am linken Wardarufer und in ihrer Verfallenheit ein erschütterndes Zeugnis für die Vergänglichkeit von Imperien, demoliert wird, um für „Neu-Skoplje” Raum zu geben, durften die Türken ins Sobranje einen Vizepräsidenten, Said Mustafa, und drei Abgeordnete entsenden, besitzen sie ein Gymnasium, siebzig Volksschulen und ein Wochenblatt „Bir-lik” (Einigkeit), werden sie vor Gesetz und Behörde völlig gleichberechtigt behandelt; trotzdem zerbricht unter dem Einfluß der neuen politischen Lehre und der Technisierung ihre konservative Gemeinschaft wie das Gemäuer von Üsküb, werden aus fanatischen Mohammedanern national gleichgültige Genossen. Noch huschen die meisten türkischen Frauen mij verhülltem Gesicht und in der faltenreichen,’bis zu den Knöcheln reichenden Pluderhose, der Demije, durch die Straßen, aber an den Häusern kleben schon die vom Regime erbetenen Aufrufe ihrer geistlichen Würdenträger, Schleier und Fez abzulegen. Den muselmanischen. Skipetaren geht es nicht anders, ihr Blatt „Flake e Flas- nimit” (Flamme und Brüderlichkeit) verbreitet den gleichen materialistischen Geist, wie es die Lehrer am skipetarischen Gymnasium, an den 131 Volksschulen und den Nebenklassen der gemischten Schulen tun müssen. Wie unter den Mazedoniern, so haben die Kommunisten auch in den Minderheiten alle Elemente ausgemerzt, die diesen Geist nicht anerkannten, und die Volksgerichte wickelten ihre Verschwörerprozesse in allen sieben landesüblichen Sprachen ab, in denen das gemeinsame Wort Politik immer seltener vorkommt.

Die Hauptakteure der Republik haben ihren Sitz im europäischen Teil von Skoplje, das für diesen Betrieb ernüchternd enge und baulich völlig reizlos ist. Das symbolische Oberhaupt, der Vorsitzende des Sobranje- präsidiums Bogoj Fotev, amtiert mit seinen Stellvertretern in einem ebenso dürftigen Gemach wie der Ministerpräsident Lazar Kolischewski, dessen Ministerkollegen in alle Winkel der Neustadt verstreut hausen. Deshalb dehnt sich Skoplje nun auch über den Wardar nach dem Norden aus, verdrängt die Türkenhäuser mit den asiatischen Baikonen und Brunnen, gewinnt Raum auch nach dem Osten, wo im Dreieck der von Nisch und Weles einmündenden Bahnen die Industrien entstehen. Dort ist die Anlage der größten jugoslawischen Zigaretten- und Nikotinfabrik mit einem Tabakforschungsinstitut, eine Leder- und Opankenfabrik, eine mechanische Werkstätte, ein Textilbetrieb fast vor der Vollendung, Parkgärten und ein Sportplatz, eine Badeanstalt und Vergnügungsstätten locken die Menschen an, und es scheint, als ob an diesem Beispiel die Kommunisten ihre Prophezeiung wahrmachen wollten, Mazedonien in ein Paradies zu verwandeln. Allein in diesem Jahre werden im Lande 1300 Gebäude, darunter über dreihundert dörfische Gemeinschaftshäuser, errichtet und die industrielle und Bergbauproduktion soll schon um 250 Prozent über der von 1939 liegen. An der Strumitza werden 20.000 ha Land fruchtbar gemacht, in Mawrowo am Drin und an zwei weiteren Orten erbaut man Hydrozentralen, neue Hochspannungsleitungen durchziehen die Republik von Norden nach Süden, und schon entwirft man die Pläne, um das 60 Meter betragende Gefälle zwischen den durch ein Gebirge getrennten Seen von Ochrida und Doiran nutzbar zu machen. Diese Projekte werden durch ein Massenaufgebot der Menschen auch an Sonn- und ‘“Feiertagen verwirklicht, und die Jugend ist mehr mit der Schaufel als mit der Feder beschäftigt. Und doch ist der Moment der Ermüdung schon nahe. Ende April erklärte der Vizepräsident der Belgrader Regierung, Edvard Kardelj: „Die Kontrollorgane Mazedoniens haben ermittelt, daß die republikanische Industrie überhaupt keine Maßnahmen zur zweckmäßigen Organisierung der Arbeit und Ausnützung der Maschinen unternahm. Es hat den Anschein, als ob einige Leiter es als erlaubt betrachten, daß manche Fabriken den Staat daran hindern, diese Dinge zu ändern.” Er rügte es, daß hier wie in anderen Republiken mit den Maschinen lässig und unrationell umgegangen werde, daß man die vorgeschriebenen Arbeitsnormen schablonenhaft anwende, den gerechten Lohn gefährde und sogar dafür agitiere, den Erzeugungsplan nicht zu überschreiten, aus Angst, er würde dann im nächsten Jahre erhöht werden. Das Experiment der Kommunisten in Mazedonien hat zweifellos optimistisch begonnen und doch ist sein Ausgang ungewiß.

Die gleiche Ungewißheit lastet auf der politischen Zukunft des Landes, in dem der nahe griechische Bürgerkrieg eine zunehmende Nervosität auslöst. Die Existenz der griechischen Partisanenregierung Markos hindert die mazedonischen Kommunisten daran, die neue Parole eines Großmazedoniens auszugeben, womit sie ihrer Propaganda einen neuen Aufschwung verleihen könnten. Denn es ist kein Geheimnis, daß es in Skoplje seit je einen Drang zur Ägäis, nach Saloniki gab, wo die Wardarachse endet. Ebenso vorsichtig verhält sich das System zu der Frage des bulgarischen Strumakreises, der im mazedonischen Sprachschatz schon den Namen „Pirin- Mazedonien” erhielt. Die Regierung in Skoplje respektiert strikt das Gebot Titos, die Außenpolitik zu negieren, obwohl diese eine echte Leidenschaft aller Südländer ist, die von der Wirtschaft nicht absorbiert werden kann. Deshalb ist die mazedonische Frage auch nach der Gründung der Volksrepublik offen geblieben. Sie wird einmal wieder zur Diskussion gestellt.

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