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Das Signal von Kingsdown

Gleich hinter den Lichtern von Calais taucht die Silhouette der Hügel auf. Vage erkennt man, wie sich die Klippen aus dem Meer erheben. Nach wenigen Minuten dreht die Fähre nach rechts ab, hinaus in den Kanal. Die einsame Küste rund um Cap Gris-Nez bleibt in einem tiefen Schwarz zurück, aus dem hier und da die Positionslichter von Schiffen hervorblinken.

Irgendwo an einem der verlassenen Strände könnte in dieser Nacht ein Schlauchboot mit ein paar Verzweifelten in See stechen und Kurs auf England nehmen. So wie die knapp 250 Menschen, die meisten aus dem Iran, die im Dezember versuchten, die 40 Kilometer in kleinen Booten zurückzulegen. Alleine zu Weihnachten wurden 40 Personen aus britischen Gewässern gerettet. Was Menschen dazu bringt, sich den 400 Schiffen auszusetzen, die täglich die Straße von Dover passieren, den Strömungen und eiskaltem Wasser? Die Antworten findet man zwischen den windschiefen Zelten, die auf einem Stück Brachland am Rand von Calais stehen. Vahid, ein schmächtiger Mann Ende 20, der seinen richtigen Namen nicht in einer Zeitung veröffentlicht wissen will, würde sofort auf ein Boot steigen. "Zwei, drei Mal sagten mir Leute:'Wenn du Geld hast, komm mit uns!'" 1000 oder 2000 Euro sollte die Überfahrt kosten. Vahid will mit Schleusern eigentlich nichts zu tun haben. Den Preis kann er sich ohnehin nicht leisten.

Geh nach Calais!

An diesem dunstigen Jännermorgen ist Vahid unterwegs ins Stadtzentrum. Er will zu einem Camp, einer Einrichtung im Hinterland, wo er duschen und seine Kleider waschen kann. Zum Bahnhof ist es eine halbe Stunde zu Fuß. Unterdessen erzählt er, dass er einst Fußballprofi werden wollte und in der Jugend eines iranischen Erstligisten kickte. Er hatte Angst, während seines Militärdiensts in eine unsichere Grenzregion geschickt zu werden. Also versteckte er sich, was ihn die Profi-Karriere kostete. Später wurde Vahid Christ und beschloss, das Land zu verlassen. Sein Bruder, der in London lebt, riet ihm einst: "Wenn du ein Problem hast, geh nach Calais. Von dort aus kannst du nach England kommen."

Das versucht er nun seit vier Monaten. Per LKW. "Aber das ist sehr gefährlich." An einer niedrigen Vorgartenmauer bleibt Vahid stehen. Er hockt sich darauf und imitiert die Position, in der er sich unter dem LKW auf die Achse hockte. Und dann, wie er sich bei einer scharfen Bremsung festklammern musste.

Die Chance, es auf diese Weise herüberzuschaffen, schwindet. Nicht nur wegen des Netzes aus Kontrollen, das immer enger wird, oder der Zäune, die rund um Hafen und Eurotunnel in die Höhe schießen. Eine wichtige Rolle spielen auch die Schleuser, die Vahid "Mafia" nennt und die von der ausweglosen Lage profitieren. "Man kann es nicht oft probieren", sagt er. "An den Rastplätzen ist es gefährlich: Da ist die Mafia, und sie haben Messer."

Vahid, der am persischen Golf aufwuchs, ist ein guter Schwimmer. Also fasst er eines Tages zu Beginn dieses Winters einen Plan. Er hat einen Platz ausfindig gemacht, fünf oder sechs Kilometer von seinem Zelt entfernt, an dem die Fähre nach England recht nah vorbeikommt. Er will durch das eiskalte Meer dorthin schwimmen und an Bord klettern. In jener Nacht steht Vahid am Ufer. Er sieht die Fähre kommen, und ihm wird klar, wie aussichtslos sein Unterfangen ist. Es sind solche Einsichten, die Hunderte Geflüchtete in diesen Wochen hinaus auf den Kanal treiben. Manche probieren es auch in einem Fisch-Kutter. So wie die 17 Personen, die in einer Novembernacht in Boulogne-sur-Mer mit einem gestohlenen Boot aufbrachen. Kurz vor Dover stoppte ein Patrouillenboot des britischen Grenzschutzes die L'Epervier, unter deren Passagieren drei Kinder waren. Boulogne liegt südlich von Calais und ist der größte Fischereihafen des Landes. Zu Silvester hinderte die französische Polizei dort 14 Migranten daran, den Motor eines Boots namens "Caprice des Temps" anzuwerfen.

Fünf Nächte später liegt der weiß-blaue Kutter an der Mole und schaukelt im Wind. Der Hafen ist verwaist, bis auf die späten Besucher des Casinos auf der anderen Seite und einige wenige wartende LKW von Fischfirmen. Die Decks der Kutter sind vom Ufer aus hell erleuchtet, doch unzugänglich wirken sie nicht. An Bord gelangen könnte man problemlos. Die Kontrollen, von der französische Regierung kurz nach Neujahr auch für Boulogne angekündigt, werden erst in ein paar Tagen beginnen.

Es geht gegen halb zwei, als die Szenerie sich belebt. Die ersten Fischer werden an der Mole abgesetzt. Ein Kleinbus nähert sich und hält am Wasser. Laurent Merlier und ein Teil seiner Mannschaft steigen aus und gehen gleich an Bord. Merlin ist der Besitzer eines Kutters wenige Meter hinter der "Caprice des Temps". Er sagt, Migranten, die nach Booten suchen, seien ein großes Thema in Boulogne. Einer seiner Fischer, der von der Mole Plastikkisten herunter aufs Deck reicht, erzählt, er habe oft nachts Migranten im Hafen gesehen. "In den letzten Wochen wurden zwei Boote gestohlen und acht aufgebrochen."

Auf der anderen Seite des Kanals schenkt man den Klagen der Fischer von Boulogne wenig Beachtung. Im Gegenteil. Nicht selten hört man hier den Vorwurf, sie arbeiteten mit den Migranten zusammen. Auch ein Mann, der sich als Dave vorstellt, ist dieser Meinung. Der rüstige Rentner hat sich an diesem Nachmittag zur Marina von Dover begeben. An den Stegen liegen Motorboote und Yachten und ein Lifeboat der Rettungsgesellschaft RNLB namens "City of London". Bevor der Innenminister die Flüchtlingsboote zum Ernstfall erklärte, musste die RN-LB oft zu Rettungseinsätzen raus.

Bleiben lassen oder zurückschicken?

Jetzt ist dafür die "HMS Mersey" zuständig, ein Patrouillenschiff der Marine. Was wiederum Dave hierherbringt, der einst bei der Royal Navy war. Dass dieses 80 Meter lange Gefährt nun vor Dover herumkreuzt, fasziniert ihn. "Hier", sagt er, und zieht sein Telefon hervor, auf dem er den Standort der "Mersey" verfolgt. "Sie ist gleich da draußen, nur wenige Meilen vor dem Hafen". Sein professionelles Interesse ist eine Sache, die politische Einschätzung der Lage eine ganz andere. Ein paar Meter weiter liegen zwei Boote der Border Force vor Anker, die ausfahren werden, wenn es dunkel ist. Das ist mehr als normalerweise in Dover, weiß Dave. Und doch, wie er findet, nicht genug. Die Migranten würde er am liebsten "alle zurückschicken".

Dave ist alles andere als ein Einzelfall. In zufälligen Begegnungen auf der Straße, auf den Titelseiten zumal der konservativen Zeitungen und vor allem in Kommentarspalten der Online-Medien: Überall treffen die Boote und ihre Insassen auf Ablehnung. Die latente Spannung rund um den Brexit trägt das ihre dazu bei. Wie sonst ist es möglich, dass nicht einmal 250 klandestine Einwanderer eine solch heftige Reaktion auslösen?

Das Bedrohungsszenario erschließt sich an einem ganz und gar friedlichen Ort. Kingsdown, ein Dorf mit knapp 2000 Bewohnern, liegt östlich von Dover, jenseits der White Cliffs, deren Umrisse rechterhand sich kurz vor Sonnenaufgang nur erahnen lassen. Was man wohl sieht: Das Meer liegt glatt da, winzige Wellen schlagen auf den Kieselstrand. Eine frühe Fähre, vom Festland kommend, gleitet in der Ferne in Richtung Hafen. Von Patrouilleschiffen ist zumindest vom Strand aus nichts zu sehen.

Kingsdown ist ein malerischer Ort mit kleinen Häusern, die an einen Paddington-Film erinnern. Als das Licht kommt, erkennt man die bunten Holzhütten, weiß, braun, beige und gelb-blau. Vor Kurzem waren sie in zahlreichen Zeitungen und den meisten Nachrichtensendungen zu sehen. Auf einem steinernen Mäuerchen davor kauerten sechs Männer, in Decken gehüllt, sich die Hände wärmend an einem heißen Getränk. Es war früh am Morgen, die Sonne gerade aufgegangen. Soeben waren sie mit einem Boot gelandet. Wer die Bilder sah, wusste: Strände wie diesen gibt es am Kanal unzählige. Und alle konstant zu überwachen, ist unmöglich.

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