Der amerikanische Dirigent - © Illustration: Rainer Messerklinger  (unter Verwendung eines Bildes von iStock / Jirsak)
International

Der amerikanische Dirigent des globalen Großmächtekonzerts

1945 1960 1980 2000 2020

Wie sehen sich die USA im Machtdreieck mit China und Russland? Und welche Rolle spielt Europa? Ein Gespräch mit dem US-Thinktank-Chef Richard Fontaine.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie sehen sich die USA im Machtdreieck mit China und Russland? Und welche Rolle spielt Europa? Ein Gespräch mit dem US-Thinktank-Chef Richard Fontaine.

In der Geschichte gab es keine Macht, deren Einfluss derart den ganzen Globus umschloss, wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA haben das in einem zweihundertjährigen Wimpernschlag der Menschheitsgeschichte vollzogen. Heute erstrecken sich von Lateinamerika bis nach Japan über tausend US-Armeebasen. Von 500.000 amerikanischen Soldaten waren 35 Prozent im Jahre 2010 in Übersee stationiert. Die USA sind zudem eine der innovativsten und größten Volkswirtschaften der Welt. Die gegenwärtig einzige Weltmacht bekommt allerdings aufstrebende Konkurrenz. Welche Strategie verfolgt sie für das 21. Jahrhundert?

Wien ist nicht nur die Metropole der Spione, sondern auch die Stadt mit der höchsten Diplomatendichte. Unter dem Glanz der Monumente und Architekturen der Habsburger befindet sich ein fein gesponnenes Netzwerk von ausländischen Geheimdiensten und globalen Institutionen. So kann man hier auch jede Menge interessanter Gesprächspartner und Informanten treffen. Einer von diesen ist Richard Fontaine, der Chef des Thinktanks CNAS (Center for a New American Security), welcher mit einem großzügigen Budget von acht Millionen Dollar ausgestattet ist. Aus dieser Denkfabrik heuert unter anderem die amerikanische Spitzenpolitik ihre Außenpolitik-Berater an. Fontaine war im Außenministerium tätig, beriet aber auch den 2018 verstorbenen einflussreichen Senator und ehemaligen (2008) Präsidentschaftskandidaten John McCain in außenpolitischen Fragen. Bei einem Abstecher Fontaines nach Wien lud man ihn ins Verteidigungsministerium ein, um mit einer kleinen Runde von österreichischen High-Officials über die amerikanische Außenpolitik zu diskutieren.

Russland langfristig kein Problem

Fontaine lässt mit seinem amerikanischen Selbstbewusstsein keinen Zweifel daran, dass die USA nach den zwei Weltkriegen die unangefochtene Weltmacht sind. Diese hat durch die NATO einen immens großen Einfluss in Europa und dadurch einen Fuß im Tor zum eurasischen Kontinent. Im 21. Jahrhundert haben sich jedoch die Prioritäten verschoben: Europa ist kein Problem mehr, sondern Verbündeter. Und der Terrorismus weicht China als größtes Sicherheitsrisiko. "Das ist in Amerika allen Parteien bewusst und deshalb herrscht hier auch großteils Einigkeit darüber." Angesprochen auf Russland, meint Fontaine, dass das eher ein Fall für die Europäer sei. "Russland ist für uns eine Shortterm-Challenge." Fontaine glaubt nicht mehr daran, dass sich die Russen ökonomisch erholen und zu einer ernsthaften Gefährdung amerikanischer Interessen werden könnten. Seit dem Ukraine-Konflikt hat sich Russlands Einfluss in Europa minimiert. Er wird sich aufgrund der geopolitischen Situation auch nicht vergrößern können. Die Hinwendung zu Asien ist für die Russen ebenfalls nicht einfach, weil dort "die Luft dünn" ist. Die Interdependenzen für die Russen seien groß, Russland scheint in Schach gehalten zu sein. Auf den Hinweis, dass Russland in Asien China ausbalancieren könnte, antwortet Fontaine, dass die Russen dafür nicht zu haben sein werden. Das müssten sie auch nicht: "Wir werden mit beiden klarkommen."

Fontaine ist über die europäische Geschichte besser informiert, als so mancher Europäer. "Was hat Bismarck einmal sinngemäß gesagt? Wenn es fünf Großmächte gibt, dann sieh zu, dass du bei den drei Größten bist." Das langfristige Ziel der USA ist, China auszubalancieren. Priorität bleibt daher die chinesische Herausforderung, das seinen Einfluss auszubreiten versucht. Von daher betrachtet man fast jede Aktion der Chinesen mit Skepsis -von der neuen Seidenstraße bis zu den militärischen Manövern im südchinesischen Meer. Jedenfalls vermitteln die USA den Eindruck, dass China die USA als größte Macht der Welt ablösen will.

Paralysiertes Europa

Auf Europa angesprochen, vermittelt Fontaine den Eindruck, er halte diesen Raum für paralysiert bzw. weitgehend eingeschränkt in seiner Handlungsfähigkeit ohne äußere Hilfe. Die Amerikaner sehen kritisch, dass die Europäer in Bezug auf ihre eigenen außen-und sicherheitspolitischen Interessen gegenüber Russland nicht hart genug sind. Auf die Frage nach einer möglichen außenpolitischen und militärischen Autonomie der Europäischen Union konnte sich Fontaine eine pointierte Antwort nicht verkneifen: "Glauben Sie mir, wir Amerikaner wären sehr froh darüber, wenn die EU uns ein wenig Bürde von unseren Schultern nehmen könnte. Die EU arbeitet nicht einmal an ihren eigenen Sicherheitsproblemen, die wir als solche wahrnehmen. So gut wie kaum eine militärische Operation erledigt Europa von sich aus. Viele Staaten bewegen ihre Truppen nicht, wenn die Amerikaner nicht dabei sind. In den letzten 50 Jahren ist so gut wie nichts ohne die Amerikaner weitergegangen. Eine Autonomie gegenüber den USA ist daher völlig lächerlich."

Den Europäern fehle es nicht nur an Ressourcen, an Einigkeit, sondern auch an einer erheblichen Portion Willen, um im 21. Jahrhundert mitzumischen, so Richard Fontaine.

Was für eine Rolle spielt dann Europa in der Strategie der Vereinigten Staaten? "Trotz allem werden wir nicht zulassen, dass sich Russlands Einflusssphäre erweitert. Die NATO-Erweiterung um die Ukraine und Georgien wird nicht passieren, weil Westeuropa das nicht will. Die Neutralität für die beiden Länder sowie Moldawien kommt ebenfalls nicht in Frage, weil sie damit in die Einflusssphäre der Russen gerieten. Lediglich zwei Länder sind unter russischer Einflusssphäre -und zwar Finnland und Österreich." Mit den Europäern verbinde die Amerikaner vieles, so Fontaine: allgemein weltanschaulich, aber auch konkret durch umfangreiche Kooperationen. "Wenn es irgendwo auf der Welt ein Problem gibt, dann rufen wir die Europäer als Erste zu Hilfe." Welche Länder konkret? "Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Dänemark und etwas später Deutschland, weil die Deutschen eine schlechte militärische Ausrüstung haben." Europa sei wichtig bei ökonomischen Krisen und bei der Russland-Frage. Mit keinem anderen Partner auf der Welt gebe es derart viel Kooperation.

Eine Rolle Europas im Spannungsfeld USA/Russland/China sieht Fontaine indes nicht. Zum einen gibt es in der europäischen Einigung zu wenig Bewegung, zum anderen erhöht man die Verteidigungsausgaben kaum. Und im Sinne des zuvor Gesagten fügt Fontaine hinzu: "Nähmen wir die Truppen aus Syrien raus, würden die EU-Länder Syrien im selben Augenblick verlassen. Nur wenn wir drinnen bleiben, bleiben auch sie." Den Europäern fehle es nicht nur an Ressourcen, an Einigkeit, sondern auch an einer erheblichen Portion Willen, um im 21. Jahrhundert mitzumischen.

Wohlfahrtsstaat statt Geopolitik

Fontaine lässt allerdings etwas ganz Zentrales in seinen Überlegungen aus. Die Strategie, die er präzise durchargumentiert, klingt plausibel. Doch müssen die Vereinigten Staaten dabei erst einmal selbst mitspielen. Den Einwurf, dass 2050 über 50 Prozent der Amerikaner keine europäischen sondern lateinamerikanische, afrikanische und asiatische Wurzeln haben werden, qualifiziert Fontaine als unbedeutend ab. Die Interessen änderten sich dadurch ja nicht. Doch hier dürfte er irren. Die Wahl Obamas war ein Indiz dafür, dass die Amerikaner bessere Schulen, ein besseres Sozial-und Gesundheitssystem haben wollen. Die Wahl Trumps -der außenpolitische Verpflichtungen ständig in Frage stellt -hat das bestätigt. Auch Personen wie die junge einflussreiche demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez stehen dafür, dass die Amerikaner sich anstelle globaler Großmachtpolitik einen besseren Wohlfahrtsstaat wünschen. Durch die demografischen Veränderungen wird sich auch das Verhältnis der USA zu den Europäern verändern: Europa wird für die Amerikaner immer weniger wichtig werden. Allerdings: "Auch unter Trump hat sich unsere Außenpolitik nicht sonderlich verändert. Sie dürfen beruhigt sein." Für Überraschungen sind die Amerikaner letztlich dann doch immer gut gewesen.

Der Autor ist freier Publizist und Herausgeber von www.kopfumkrone.at

Furche Zeitmaschine Vorschau