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Der Bumerang von Calais

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Im Herbst erklärten die französischen Behörden das Flüchtlingsproblem für beendet. Doch längst sind die Migranten zurück, eine neue Eskalation bahnt sich an.

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Im Herbst erklärten die französischen Behörden das Flüchtlingsproblem für beendet. Doch längst sind die Migranten zurück, eine neue Eskalation bahnt sich an.

Drei Gestalten schlendern über die verwaiste Place d'Armes. Ein paar Ecken weiter fragen sich die Bargäste in ihren Stühlen auf dem Gehsteig vielleicht, welchen Drink sie als nächstes bestellen könnten. Den drei Gestalten stellt sich eine andere Frage: taucht hier noch jemand auf, der ein wenig Geld hat für etwas zu essen? Oder sollen sie hungrig hinüber zur Brücke am Kanal laufen und sich schlafen legen?

Szenen wie diese sollte es hier eigentlich nicht mehr geben. Zumindest, seit die französischen Behörden letzten Herbst verkündeten, man hätte die Sache mit den Transitmigranten in Calais endlich gelöst. Zuvor hatten sie den "Jungle", das größte inoffiziellen Flüchtlingslager Europas, geräumt. Gut die Hälfte der mehr als 10.000 Bewohner war in "Willkommenszentren" im ganzen Land untergebracht worden, von wo aus sie einen Asylantrag in Frankreich stellen sollten.

Wie vorschnell das war, davon zeugen die drei Männer, die auf dem dunklen Platz stehen. Reza, ein Kurde aus dem Nordirak, ist klein und drahtig, sein Kopf fast kahl, die Züge markant. Abdul, etwa Mitte 20, ist ein afghanischer Paschtune, so wie seit jeher ein großer Teil derer, die von Calais aus nach England gelangen wollen. Der jüngste, Fitim, Jeans, T-Shirt und rote Turnschuhe, ist gerade 16. Am Tag zuvor kam er aus Albanien hier an. Sie sind drei von etwa 600 Migranten, die inzwischen wieder in der Stadt sind.

Die Rückkehrer

Wie das kommt? Abduls Fall steht für viele. Im Herbst 2016 kam er nach Calais, kurz bevor der "Jungle" geräumt wurde. Wie etwa 6000 andere Bewohner entschied er sich, den Winter in einem "Willkommenszentren" zu verbringen. Als es im Frühjahr schloss, kehrte er aus Toulouse zurück. In einen Vorort von Dunkerque fand er im Hütten-Lager von Médecins Sans Frontières Unterschlupf. Nach Streitigkeiten zwischen kurdischen und afghanischen Bewohnern brannte es im April ab. Rund tausend Personen verloren ihre Behausung.

So sind sie in die nächste Stadt gezogen, nach Calais und geblieben, ohne Unterkunft und Versorgung, in der Hoffnung irgendwann doch nach England zu kommen. Mit Hilfe eines LKW, das sei "sehr, sehr schwierig" geworden, versichern sie. In letzter Zeit sei es niemandem mehr gelungen. "Trotzdem versuchen wir es jeden Tag", so Reza. "Nachts gibt es zu viel Polizei!" Der Ort, den sie dafür ansteuern, ist nicht mehr der Hafen mit seinen fünf Meter hohen engmaschigen Zäunen samt Natodraht-Krone. Auch nicht die ähnlich gesicherte Autobahn beim früheren "Jungle". Stattdessen laufen sie anderthalb Stunden nach Marck, wenige Kilometer östlich von Calais. "Wenn die Fahrer dort vor der Überfahrt etwas einkaufen, versuchen wir an Bord zu kommen." Reza, Abdul und Fitim empfehlen sich in Richtung Brücke. Am nächsten Tag wollen sie früh aufbrechen.

Marck liegt nahe der Autobahn Richtung Hafen und Tunnel. Außerhalb des Städtchens befindet sich so etwas wie das logistische Zentrum des Ärmelkanal-Frachtverkehrs. Man wähnt sich auf einem Archipel von Lagerhäusern, Kreisverkehren und Parkplätzen, und neu aussehende Zäune durchziehen die Felder - ein sicheres Zeichen dafür, dass Marck einen Platz einnimmt auf der Karte der Transitmigration.

Am Feldsaum sieht man gebückte Silhouetten zu zweit oder dritt entlanghuschen, auf der Suche nach einem Gefährt. Auf dem zugehörigen, mit Elektrozaun gesicherten Parkplatz verbringt auch ein junger litauischer Fahrer, der sich als Eddy vorstellt, die Zeit bis zur Überfahrt. Er trägt einen dunklen Jogginganzug und hat adrett frisierte kurze Haare.

Angst macht ihm der Job nicht, den er erst seit einigen Monaten hat, obwohl er Teile davon einen "Albtraum" nennt. Selbst tagsüber, sagt er, versuchten Migranten, in oder unter seinen LKW zu kommen, oder in den Raum zwischen Spoiler und Kabine.

Tödlicher Vorfall

Besonders angespannt ist die Stimmung seit einem tödlichen Vorfall im Juni. Wieder einmal hatten Migranten nachts die Autobahn mit Ästen blockiert, ein verzweifelter, lebensgefährlicher Versuch, die LKW zum Bremsen zu zwingen. Beinahe vier Uhr war es, als der Fahrer eines polnischen Transporters einen Moment zu spät reagierte: er prallte auf den bremsenden Truck vor ihm, und sein Fahrzeug ging in Flammen auf.

Die drastischen Maßnahmen, zu denen Migranten greifen, spiegeln die Bedingungen in Calais wieder. So harsch die Verhältnisse im "Jungle" waren, bot dieser doch ein Minimum an Infrastruktur und Hilfe durch zahlreiche Freiwilligen. Im Frühjahr 2017 verbot Natacha Bouchart, Calais' republikanische Bürgermeisterin, Essen an Transitmigranten zu verteilen. Also taten die Hilfsorganisationen es im Verborgenen.

Natürlich weiß man das im Rathaus. Mal tolerierte man es, mal verjagte man die Migranten. Im Juni entschied ein Gericht in Lille, dass die Stadt den Migranten Wasser und Duschen zur Verfügung stellen muss. Die Bürgermeisterin will in Berufung gehen.

Unterdessen nimmt die Spannung in Calais zu. Ein Anzeichen dafür sind Gewaltausbrüche zwischen Migranten. Meist geht es um Konkurrenzkämpfe um das wenige, das es zu verteilen gibt: Zugang zu Rastplätzen oder LKW. Anfang Juli kam es zwischen Äthiopiern und Eritreern zu zwei Schlägereien. An einer nahmen lokalen Medien zu Folge 100 bis 200 Personen teil, die teils mit Stöcken aufeinander losgingen und sich mit Steinen bewarfen. Schauplatz: der Rand des Industriegebiets, hinter dem einst der "Jungle" war. Ein Wäldchen dort dient nun zahlreichen Migranten als provisorischer Unterschlupf.

Spuren der Gewalt

Auf dem Feld, das dem Wäldchen vorgelagert ist, kann man die Folgen der Gewalt noch sehen. Überall auf dem Boden sitzen einige Tage später kleine Gruppen meist afrikanischer Männer, auch ein paar Frauen sind dabei. Manche haben sich auf Felsbrocken niedergelassen, andere liegen unter niedrigen Bäumen, die Schatten spenden. Ein junger Mann ohne T-Shirt trägt einen Verband um die Taille, ein älterer einen am Fuß. Neben ihm auf dem Boden liegt eine Krücke. In mehreren Gesichtern und an Armen sieht man Verletzungen.

Wenig später fährt ein gelber Pick-up vor. Darin sitzen zwei Mitglieder der englischen Organisation "Help Refugees", die schon im "Jungle" aktiv war. Zuerst holen sie ein ganzes Knäuel an Verlängerungskabeln hervor und werfen einen Generator an. Sogleich liegt das altbekannte "Jungle"-Brummen über der Szenerie, und Mobiltelefone werden aufgeladen. Dann zieht einer der Helfer einen Schlauch von der Ladefläche. Aus einem massiven Wassertank füllen die Bewohner des Wäldchens ihre Flaschen, dann beginnt auf dem Feld ein Zähneputzen, Haarewaschen und Rasieren.

Kurzsichtige Taktiken

Der Medizinstudent Luke Bontrager, der hinten auf der Ladefläche sitzt und jetzt Zahnbürsten, Rasierschaum und Einmalrasierer austeilt, ist 22 Jahre alt und für zwei Monate aus Kansas gekommen. Von Calais hatte er noch nie zuvor gehört, doch als ein Bekannter von der Flüchtlingskrise in Griechenland erzählte, begann er sich zu informieren. So erfuhr er von der Situation am Ärmelkanal.

Täglich kommt Bontrager hier heraus, um Hygieneartikel auszugeben. Als Volunteer arbeitete er zuvor in der Dominikanischen Republik. Den alten "Jungle" hat er nie gesehen, doch macht er sich so seine Gedanken: "Da hörst du also, das Camp sei aufgelöst, und sie wollen die Sache aus der Stadt halten. Aber nur, weil sie einen Ort zerstören, wo Menschen leben, heißt das nicht, dass sie das Problem gelöst haben."

Räumung, Vertreibung und Rückkehr, das ist nun schon anderthalb Jahrzehnte der tragische, groteske Kreislauf am Kanal. In diesen Tagen zeigt sich das nirgendwo so deutlich wie in einem Gewerbegebiet, am Rande der Stadt beim Stadion gelegen. Rund um eine Autobahnauffahrt, nur drei Kilometer vom früheren "Jungle" entfernt, spielen sich altbekannte Szenen ab.

In der Dämmerung laufen kleine Gruppen Migranten an den Zubringern entlang, manche bleiben im Hintergrund, andere setzen sich plötzlich in Richtung geparkter oder langsam passierender LKW in Bewegung. Von Mannschaftswagen aus jagen ihnen Polizisten hinterher. Ständig verlagert sich das Geschehen, wogt hinein ins Gewerbegebiet und sogleich wieder hinaus. Zwei Stunden später, als die Dunkelheit sich gelegt hat, ist das Bild unverändert. Blaulicht flackert über die Autobahn. Eine weitere Nacht in Calais hat begonnen.

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