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Der größte Zwerg der Welt sieht rot

Paris hart. Rangun weich. Die Woche der vertauschten Rollen. Eine unbarmherzige Militärregierung gab nach. Burmas Nobelpreisträgerin von 1990, Aung San Suu Kyi, die vor sechs Jahren von den Militärs unter Hausarrest gestellt wurde und, von allen Kontakten abgeschnitten, einen glänzenden Wahlsieg errang, darf sich wieder frei bewegen.

Ihre ersten Äußerungen waren maßvoll. Warum solle, meinte sie, nicht in Burma glücken, was in Südafrika gelang. Schließlich seien die ethnischen Verschiedenheiten hier geringer. Alle müßten sich nun Zurückhaltung auferlegen und in einen Friedensprozeß eintreten. Die Regierung, aber auch die Opposition.

Am Tag, an dem die Nachricht vom Ende der über Suu Kyi verhängten Isolation um die Erde ging, waren die Medien voll von Empörung über die Wiederaufnahme der französischen Atomtests auf dem Mururoa-Atoll.

Mururoa ist keine Olplatt-form, aber Frankreich ist auch nicht die Shell. Frankreich geht nicht so leicht in die Knie. Es ließ sich von den Protesten zahlreicher Regierungen (darunter die österreichische) nicht beindrucken. Immerhin wurde das Greenpeace-Schiff, die „Rainbow Warrior II”, diesmal nicht gesprengt, sondern nur geentert.

Und dann Srebrenica. Der serbische Einmarsch in die „Sicherheitszone” der UNO und gleich darauf in die nächste. Und ein Jacques Chirac, der offen sagte, das könne man nicht hinnehmen. Und der damit die Welt beschämte.

Und bei allen, die auch meinten, das könne man nicht hinnehmen, Gutpunkte sammelte. Und ein Weniges vom Mururoa-Imageschaden ausbügelte. Und dabei gar nicht hoffen durfte (oder fürchten mußte?), es könnte ernst werden mit dem militärischen Vorgehen. Denn daß diesen Job die Franzosen allein nicht bezahlen würden, stellte er klar. Und daß die anderen Mitspieler keine Einigkeit erzielen können oder wollen, aber auch keinem Vorprescher den Erfolg gönnen, ist auch klar.

Warum Mururoa? Wegen der Aufträge für die Wirtschaft? Weil wenige Franzosen atomkritisch eingestellt sind und viele auf Politiker abfahren, die der Welt zeigen, daß Frankreich nicht in die Knie geht? Oder gar eine Gefälligkeit für die USA, die auch gern wieder Atomtests machen wollen? Oder vbn allem etwas? Dies wird es wohl sein.

Nicht nur in Sachen Bosnien hat Chirac Im^gepunkte gesammelt, auch mit seiner jüngsten Entschuldigung wegen der französischen Nazi-Kollaboration. Zugleich hat er damit Mitterrand einen Nasenstüber versetzt.

Es steht also zwar zu befürchten, daß wir nie erfahren werden, wie ernst es Chirac in Sachen Bosnien wirklich meinte, dafür hat Frankreich wieder einmal schön Großmacht gespielt. Keine wirklich große, aber immerhin. Mag auch der kleinste Biese der Welt vom größten Zwerg der Welt um Haupteslänge überragt werden, so ist der Unterschied doch gering. Kleinster Riese oder größter Zwerg, Frankreich zeigt es der Welt.

Leider haben alle Industriestaaten eine Achillesferse. Sie führen keine Kriege mehr. Jedenfalls keine militärischen. Auch vor diplomatischen Protesten fürchten sie sich kaum. Und die öffentliche Meinung zwickt sie schon gar nicht. Dies aber nur, solange die Meinung Meinung bleibt und sich nicht zu Taten steigert, die über das Verbrennen einer Fahne oder das Bewerfen von Diplomaten mit Eiern hinausgehen.

Der Boykott von Produkten ist eine gefürchtete Waffe gegen ökologisches, humanitäres oder sonstiges Fehlverhalten von Staaten, aber auch von Firmen. Der Weltkonzern Shell bekam sie vor kurzem in Deutschland zu spüren. Noch nicht einmal mit voller Wucht, aber die Vorahnung dessen, was nach der Versenkung der Bohrplattform zu gewärtigen war, reichte.

Obwohl die Plattform in einem Meeresgebiet versinken sollte, in dem an der Oberfläche der Golfstrom warmes Wasser nach Norden befördert und dessen langsame Tiefenströme nur teilweise erforscht sind, wäre der ökologische Schaden im Vergleich mit den ökologischen Risiken weiterer unterseeischer Atomversuche wohl gering gewesen.

Ganz kalkulierbar sind solche Schäden nie. Ebensowenig wie der wirtschaftliche Schaden, den die weltweite Empörung vieler Menschen den Exporten eines Landes oder den Geschäften eines Konzerns zuzufügen vermag.

In der Umfrage einer deutsehen Wochenzeitung befürworteten über 50 Prozent der Befragten den Boykott französischer Waren wegen Mururoa. Osterreichische Umfragen brachten ähnliche Resultate.

Natürlich ist Frankreich nicht die Shell. Benzin kann man an jeder Tankstelle kaufen. Aber Bordeaux, Beaujolais, Camembert, Cognac, Champagner, französisches Parfüm? Die Zahl der Menschen, denen der Verzicht auf diese Bestandteile gehobenen Genießertums schwer fiele, soll dem Vernehmen nach gar nicht so gering sein.

Andererseits sind aber Menschen zu schwersten Opfern bereit, wenn es um ihre Ideale geht, wie das bekannte Phänomen der Kriegsbegeisterung beweist. Es ist nicht auszuschließen, daß ihre Opferbereitschaft sogar den Verzicht auf Cartier, Baimain, Dior und Michelin umfaßt.

Vielleicht wollte Chirac, der alte Fuchs, dem vorbeugen und in diesem Sinne nicht zuletzt etwas für Citroen, Calvados und Cognac tun, als er sich gegen die Serben stark machte. Ein großes Risiko schien er damit nicht einzugehen. Die Gleichgültigkeit und Inkonsequenz seiner Verbündeten sowie des UNO-Sicherheitsrates ist ja schier grenzenlos. Von der seit 1939 legendären plötzlichen Härte eines bis zum äußersten provozierten England ist in Bosnien bislang nichts zu merken.

Trotzdem bleiben Chiracs Großmachtspiele mit einem Restrisiko behaftet. Wenn es nämlich für das, was in Bosnien.geschieht, überhaupt einen Grad von Unerträglichkeit gibt, ist er fast oder ganz erreicht. Die Einigung der Zwerge und Biesen auf ernsthaftes Eingreifen mag unwahrscheinlich sein, doch auch die UNO hat ein Image und kann an dessen restloser Zerstörung nicht interessiert sein. Handelt sie danach, liegt Chiracs Wort auf der Waagschale.

Handelt sie aber wieder nicht, ist es gut möglich, daß die Konsumenten wieder mehr an Mururoa denken. Und daß sich tatsächlich Umweltbewußtsein als stärker erweist als die Liebe zu Cognac, Beaujolais und Roquefort. Wenn eine Sache soviel wert ist, wie man ihr zu opfern bereit ist, wäre dies für den Umweltgedanken schon ein großer Sieg.

Chirac aber wird man dann vorwerfen, die reale Weltmacht von Frankreichs Ar-magnac und Brie, seiner unvergleichlichen Parfüms, seiner Mode und seines begehrten Beaujolais, für das zweifelhafte Statussymbol einiger Menschen wie Korallen schädigender Explosionen unter dem Boden des Pazifischen Ozeans aufs Spiel gesetzt zu haben.

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