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Der Krieg ist der größte ARBEITGEBER

1945 1960 1980 2000 2020

An dem Bürgerkrieg im Jemen verdienen nur Rüstungskonzerne. Nach dem Waffenstillstand wird der Konflikt mit großer Härte weitergeführt. Auch Österreich war -indirekt -Lieferant von Gewehren.

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An dem Bürgerkrieg im Jemen verdienen nur Rüstungskonzerne. Nach dem Waffenstillstand wird der Konflikt mit großer Härte weitergeführt. Auch Österreich war -indirekt -Lieferant von Gewehren.

Für eine Journalistin ist die Arbeit im Jemen sehr gut. Das findet jedenfalls Safa Al-Ahmad, Journalistin und Filmemacherin aus Saudi-Arabien. Anders als in ihrem Heimatland dürfe sie im Jemen Autofahren und müsse sich nicht verschleiern. Als Frau habe sie außerdem Zugang zu Männern und Frauen. Leider ist momentan der Luftraum gesperrt, die Grenze geschlossen und auch der Seeweg so gut wie unpassierbar. Saudi Arabien bombardiert seit mehr als einem Jahr die von Huthis eingenommene Hauptstadt Sanaa und andere Stellungen der Rebellen. Was sich oberflächlich als Stellvertreterkrieg zwischen Saudi Arabien und Iran, ausgetragen auf dem blutigen Boden des Jemen zwischen schiitischen Huthis und sunnitischer Mehrheit darstellt, ist in Wahrheit ein ungemein komplexer Konflikt mit unklaren Frontlinien. Daran konnte auch ein Ende Oktober geschlossener Waffenstillstand nichts ändern, der nach wenigen Tagen wieder in Gemetzel und Bombardements umschlug.

Der 74jährige Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh, der nach Unruhen während des Arabischen Frühlings 2011 nach 33-jähriger Herrschaft zurücktrat, hat sich mit den Huthis verbündet. Sein Nachfolger Abdrabbuh Mansur Hadi, der im März 2015 eigentlich zurückgetreten ist, trotzdem aber noch immer als Staatschef agiert, wird von einer saudi-arabisch angeführten Allianz unterstützt. Noch vor wenigen Jahren galt Saleh als bester Freund des Westens und wurde von den USA im Rahmen des "Krieges gegen den Terror" mit vielen Millionen US-Dollar gefüttert. Jetzt steht er plötzlich auf der anderen Seite. Der Krieg kennt keine Freunde. Es gehe nur um die Macht, nicht um Ideologie oder Religion, meinte die jemenitische Politologin Elham Manea kürzlich auf einer Veranstaltung des Wiener Instituts für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit (vidc) in Wien.

Das glückliche Arabien

Die Römer nannten das Gebiet Arabia Felix, was nicht als "glückliches", sondern als "fruchtbares" Arabien übersetzt werden muss. Denn im Kontrast zu den von Wüsten und schroffen Gebirgen geprägten Regionen im Zentrum und Norden der arabischen Halbinsel war der Süden für den Ackerbau geeignet. Ein Feldzug von Kaiser Augustus, der das Reich der sagenhaften Königin von Saba unterwerfen sollte, scheiterte aber kläglich. Die römischen Soldaten waren den Strapazen, der Trockenheit und dem sich unter den Truppen ausbreitenden Skorbut nicht gewachsen. Über den Jemen führte die sogenannte Weihrauchstraße und lange Zeit kontrollierten die Herrscher dort den Handel mit Zimt und Gewürzen. Großbritannien besetzte im 19. Jahrhundert die Hafenstadt Aden samt Umland, weil sie auf halbem Weg zur Kronkolonie Indien als zentraler Umschlagplatz diente.

Aden hat noch immer seinen eigenen Charakter. Doch ist die Stadt heute von verschiedenen Gruppen fundamentalistischer Islamisten besetzt. Aden ist eine geteilte Stadt, die teilweise von separatistischen Milizen, teilweise vom IS und von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) kontrolliert wird. Die Milizen hatten sich bewaffnet, als die Huthis 2015 die Stadt vorübergehend einnahmen. Präsident Hadi, der sich nach dem Fall der Hauptstadt Sanaa dorthin geflüchtet hatte, floh nach Saudi-Arabien.

Als die Saudis die Huthis aus der Stadt gebombt hatten, kam er im September 2015 wieder zurück. "So erstaunlich es ist, weder Saudi-Arabien noch die Huthis machen nennenswerte Gebietseroberungen", sagt die Jemen-Kennerin Manea. Gleichzeitig sei das menschliche Leid unvorstellbar. Der Bombenangriff auf eine Trauerfeier mit mehr als 140 Toten und über 500 Verletzten am 9. Oktober machte Schlagzeilen. Saudi-Arabien und die USA, deren Bomben da abgeworfen wurden, bedauerten.

Humanitäre Katastrophe

Über die dauerhafte humanitäre Katastrophe hört man aber wenig. Die UNO-Menschenrechtskommission schätzte die Zahl der getöteten Zivilisten seit Beginn der Luftangriffe auf 3799. Menschenrechtsgruppen sprechen von mindestens 9000 Todesopfern seit Beginn des Bürgerkrieges 2014. Mehr als drei Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Nach denselben Quellen gehen 60 Prozent der zivilen Toten auf das Konto der Saudi-Allianz. 475 Zivilisten sollen von mit Saleh verbündeten Rebellen getötet worden sein. 113 Tötungen werden den islamistischen Gruppen zugeschrieben. 21 Millionen Menschen sind laut Vereinten Nationen auf Hilfslieferungen angewiesen, 7,6 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen. 3,4 Millionen Kinder gehen nicht in die Schule. Der Jemen hat 25,5 Millionen Einwohner.

In den meisten Provinzen kämpft man mit der Energievesorgung. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von 1200 ausländischen Beschäftigten im Gesundheitswesen, die das Land seit Beginn der Kampfhandlungen verlassen haben. Für die Kriegsopfer ist das besonders tragisch, da das Land kaum einheimische Chirurgen hat. Täglich sterben Menschen, weil sie keinen Sauerstoff bekommen.

Seit April 2015 tobt eine Schlacht um die Stadt Taizz, auf halbem Weg zwischen Sanaa und Aden. Die 600.000-Einwohner-Stadt galt in Friedenszeiten als intellektuelle und kulturelle Hauptstadt. "Jetzt ist die Stadt voll mit Waffen", sagt Safa Al-Ahmad. Mit den Obersten Abdullah al-Saihan aus Saudi-Arabien und Mohammed Ali al-Kitbi aus den Emiraten hat die Allianz dort im Dezember durch einen Raketenangriff der Huthis die bisher höchstrangigen Offiziere verloren. Trotz eines lokalen Waffenstillstands im vergangenen April wird noch immer sporadisch gekämpft. Die meisten Produktionsstätten liegen in Schutt und Asche, öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen. Zehntausende sind aus der Stadt geflohen. Studenten haben die Unis verlassen, um sich den Milizen anzuschließen.

Kriegstagelöhner

Der Jemen ist kein rohstoffreiches Land. Es gehe also bei diesem Konflikt nicht um Erdöl oder andere Ressourcen. Von strategischer Bedeutung sei nur die Kontrolle der Hafenstadt Aden, meint Safa Al-Ahmad. Sie glaubt nicht, dass eine neuerliche Teilung des Staates die Lösung sei: "Die Separatisten haben den Menschen im Süden einen Traum verkauft, wären aber nicht in der Lage, einen Staat zu verwalten." Das würde neue Instabilität bringen. Ein Ende des Krieges sieht sie erst, wenn Saudi-Arabien aufhöre, seine Verbündeten zu finanzieren. Die Wirtschaft liegt am Boden. Al-Ahmad: "Jetzt ist der Krieg die Wirtschaft. Wer nicht in einer Miliz kämpft, hat kein Einkommen. Und die meisten werden von Tag zu Tag bezahlt".

Auch Österreich ist in den Krieg im Jemen verwickelt. Das Land ist mit Steyr-Sturmgewehren geradezu überschwemmt. Aus den Seriennummern, die von verschiedenenen Medien dokumentiert wurden, kann man schließen, dass es sich um Gewehre aus einer Lieferung handelt, die in den 1980er-Jahren an Saudi-Arabien gegangen ist. Völlig legal. Das EU-Parlament forderte daher ein Waffenembargo gegen Saudi-Arabien. "Kein EU-Land soll künftig Waffen nach Saudi-Arabien exportieren. Das muss auch für Österreich gelten", verlangte EU-Parlamentarier Eugen Freund (SPÖ). Der Pressesprecher der Firma Steyr, Markus Schindler, bestätigte vergangenen Februar in einer schriftlichen Erklärung an Die Presse, dass "Anfang der 1980er-Jahre eine größere Stückzahl von Steyr-Mannlicher-AUG-Sturmgewehren an Saudi-Arabien geliefert wurde. Steyr-Mannlicher war damals noch ein staatliches Unternehmen im mittelbaren Besitz der Republik Österreich."

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