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Der letzte Krieg der Sowjets

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Die Parallelen sind verblüffend: Der Afghanistan-Feldzug Moskaus vor 15 Jahren sollte wie jetzt gegen Tschetschenien ein Spaziergang werden.

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Die Parallelen sind verblüffend: Der Afghanistan-Feldzug Moskaus vor 15 Jahren sollte wie jetzt gegen Tschetschenien ein Spaziergang werden.

Ursprünglich war der letzte Feldzug der Sowjetarmee lediglich auf höchstens drei Monate befristet und sollte eigentlich nie mehr als eine militärische „Polizeiaktion” sein und bis zum Frühjahr 1980 mit einer zufriedenstellenden politischen Lösung von Moskau abgeschlossen werden. Unlängst veröffentlichte , Moskauer Politbüro-Dokumente haien dies der Fachwelt bekanntge-lacht. Hier geht es nicht um die Imstande des sowjetischen Einmar-Uies in Afghanistan und den Fehl-Itscheid des von Leonid Breschnew eleiteten Politbüros der KPdSU, ■ sondern nur um die militärischen Aktionen und das Fiasko der einstigen Boten Armee.

Bereits 1978 hatte Moskau mit der Begierung von Kabul einen sowjetisch-afghanischen Vertrag über Freundschaft, gute Nachbarschaft und Zusammenarbeit abgeschlossen. In diesem Dokument behandelte der Artikel Nummer vier eine „entsprechende Maßnahme”, der beiden Seiten das Becht gab, im Interesse ihrer jeweiligen „Sicherheit, Unabhängigkeit und territorialen Integrität” Schritte zu unternehmen, die beiden Staaten Verpflichtungen vom besagten Vertrag zusicherten. Dieser Vertrag diente Moskau als rechtliche Grundlage, ab März 1979 eine Militäraktion in Afghanistan vorzubereiten. Man betrachtete die Lage dort als „labil”: Laut sowjetischer Auffassung war die prokommunistische Begierung in Kabul zunehmend unter den Druck der islamistischen Widerstandskämpfer geraten. Diese radikal abzuwehren, bedurfte es einer „ausländischen Hilfe”, des Eingreifens der Sowjetarmee.

Im Herbst 1979 wurde der Einmarsch militärisch vorbereitet. Man stellte dazu die 40. Armee mit verstärkten Sicherungs- und Versorgungseinheiten in Alarmbereitschaft. Die 40. Armee verfügte über vier Divisionen, fünf Brigaden, vier Begimenter. Dazu kamen noch vier Luftwaffeneinheiten in Begiments-stärke, drei Hubschrauber-Begimen-ter, zwei Nachschub- und Pionier-Brigaden und „einige andere (Spezi-al) Einheiten”. Außer den Verbänden der regulären Armee befanden sich auch Formationen des KGB und des Innenministeriums der UdSSB in Afghanistan, die nicht nur mit „besonderen Wachaufgaben” betraut waren.

Nach den damaligen Strukturen in der Sowjetarmee können wir davon ausgehen, daß in der ersten Phase der sojwetischen Militärintervention in Afghanistan etwa 80.000 Militärpersonen eingesetzt worden waren.

Die 40. Armee mit Sondertruppen sollte Kabul und die 21 afghanischen Provinzen überwachen („kontrollieren”) und mit Unterstützung der reorganisierten afghanischen Armee die Verbindungswege zu den diversen Provinzhauptstädten sichern. Von einer Beherrschung des gesamten Landes hat man vorerst abgesehen. Gestützt auf eine falsch eingeschätzte Ausgangslage nahm Moskau an, daß hierbei die einheimischen Militärkräfte genügen würden. Sie würden die hin und wieder von „ausländischen, imperialistischen Mächten unterstützten” bewaffneten Banden in den Bergen aufspüren und diese liquidieren. Keineswegs rechnete man im Moskauer Oberkommando der Sowjetarmee damit, daß der islamische Widerstand ab Frühling 1980 rapid zunehmen und sogar in die Offensive übergehen würde. Politisch gesehen schadete der Sowjetunion das Anschwellen des Flüchtlingsstroms aus Afghanistan in Richtung Iran und Pakistan, denn dies mobilisierte die dortigen kombattanten islamischen Kräfte und es kamen aus diversen islamischen Ländern immer mehr militärisch ausgebildete und religiös fanatische Freischärler nach Afghanistan, um den bewaffneten Kampf gegen die „gottlosen” Eindringlinge aufzunehmen.

Das Afghanistan-Abenteuer der Sowjets läßt sich rückblickend in vier Phasen aufteilen: in den Zeitraum Dezember 1979 bis Februar 1980: Einzug der 40. Armee; in den Zeitraum März 1980 bis April 1985: Die Sowjettruppen nehmen im Bündnis mit prosowjetischen Einheiten von

Kabul aktiv an Kriegshandlungen gegen die Aufständischen teil - Neu-strukturierung und Bewaffnung der Regierungstruppen, deren Zahl durch Zwangsrekrutierungen aus ländlichen Gebieten ständig erhöht wird; in den Zeitraum Mai 1985 bis Dezember 1986: Neue Taktik im Kampf gegen die Aufständischen.

In dieser Phase wurden die sowjetischen Bodentruppen geschont. Nach der Vietnam-Taktik der US-Streitkräfte 1970 bis 1975 werden die einheimischen Regierungstruppen durch sowjetische Luftwaffe-, Artillerie- und Pioniertruppen vermehrt unterstützt. Sondertruppen des Innenministeriums übernehmen die Sicherung der Nachschubwege von der Sowjetgrenze bis nach Kabul. In der sowjetischen Militärpresse wird vermehrt Propaganda für den Einsatz in Afghanistan gemacht. Man versucht, die jungen Rekruten politisch zu motivieren: Sie würden doch im fernen Afghanistan den „Frieden” schützen, denn die „westlichen Imperialisten” wollten das Bergland als Aufmarschgebiet gegen die UdSSR verwenden. Desertionen unter den Rekruten und die korrupte massive Freistellung der Söhne der oberen Kaderleute in der sowjetischen Parteileitung von dem gefährlichen Einsatz in Afghanistan schürten in der eigenen Bevölkerung Verzweiflung und Haß gegen die Obrigkeit. Im sowjetischen Oberkommando ging man dazu über, dem Anschein nach Truppen aus Afghanistan abzuziehen: lediglich sechs sowjetische Regimenter verlassen das Land. Diese Maßnahme wurde in der Linkspresse des Westens ausgiebig ausgeschlachtet. Man wollte den Eindruck erwecken, die Regierung in Kabul sei auf dem besten Weg, die politische und militärische Lage unter ihrer Regie zu meistern.

Dann kommt der Zeitraum Jänner 1987 bis Februar 1989: Anstellewei-terer militärischer Eskalation in Afghanistan will die Gorbatschow-Führung die bestehende Lage im Lande endlich politisch ordnen. Eine neue Politik, die Politik der „nationalen Versöhnung” wird propagiert: Die Afghanen sollen ihre Probleme (die Stammesfehden) selber lösen. Der Abzug der 40. Armee mit allen Sondereinheiten wird bei Verhandlungen im Westen in Aussicht gestellt. Moskau gab damit indirekt zu: Die Sowjets verfolgten eine falsche Politik. Sie wollten sich, ohne ihr Gesicht zu verlieren, aus dem Afghanistan-Abenteuer zurückziehen. Die umgestaltete Kabuler Regierung sollte jedoch dafür ihre Volksarmee mit sowjetischer Waffenhilfe weiter verstärken und die Kampfbereitschaft erhöhen. Im Politbüro der KPdSU waren einige Betonköpfe jedoch noch nicht überzeugt, daß ein Rückzug aus Afghanistan der „Sache des Weltfriedens” (lies: Sowjetimperialismus) dienlich sei.

Aber die Gorbatschow-Linie siegte. Der Rückzug begann. Die letzten regulären Militäreinheiten verließen Ende Februar 1989 auf dem Landweg Afghanistan. Dieses Abenteuer hatte die Kampfmoral der gesamten sowjetischen Streitkräfte schwer angeschlagen. War man doch zum Siegen nach Afghanistan geschickt worden: bis zu diesem Zeitpunkt galt die Rote Armee als die mächtigste der Welt. Und jetzt diese Schlappe in Afghanistan, noch dazu gegen „Zivilbanditen”.

Insgesamt haben während der zehnjährigen Afghanistan-Invasion nicht weniger als 620.000 Angehörige der Sowjetarmee Dienst geleistet. Darunter waren 525.000 Soldaten der regulären Streitkräfte, 90.000 der KGB-Truppen sowie 5.000 Angehörige des Innenministeriums. Dazu kamen noch 21.000 Arbeiter und Angestellte aus der UdSSR, die speziell für Militärbauten eingesetzt waren.

Die Gesamtverluste der Sowjets betrugen 14.453 Personen. Die Armee verlor 13.833 Mann, das KGB 572, das Innenministerium 28, andere Vertretungen sowjetischer Behörden 20 Menschen. 417 Militärangehörige werden als vermißt registriert. 191 konnten befreit werden, davon kehrten 97 in die UdSSR zurück, unter ihnen auch der heute politisch bekannte Flieger-General Ruzkoj, der nach seinem zweiten feindlichen Abschuß 1988 in Pakistan unversehrt notgelandet war. Die Zahl der Verwundeten der Sowjetarmee betrug 53.753 Personen. Auch die materiellen Verluste waren gigantisch. Das Abenteuer in Afghanistan endete in einem militärischen, politischen und nicht zuletzt moralischen Fiasko. Es untergrub den Ruf der Unbesiegbarkeit der Sowjetarmee. Den moralischen Rückschlag konnte auch die neue Kreml-Führung unter Michail Gorbatschow auf Dauer nicht auffangen. Der Plan, Afghanistan als künftige sowjetische Volksdemokratie aufzubauen, mußte aufgegeben und damit die dortigen Quislinge fallen gelassen werden. Sie wurden aber alle rechtzeitig außer Landes gebracht.

Das Afghanistan-Abenteuer Moskaus trug auch zum Zusammenbruch der offiziell im Dezember 1922 ins Leben gerufenen Sowjetunion bei.

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