Digital In Arbeit

Der Schmelztiegel Zentralasiens

1945 1960 1980 2000 2020

Die Bahnhofsuhren in Kasachstan zeigen immer noch Moskau-Zeit. Neue Reiche und alte Arme, Mercedes und Lada, Hamburger und Hammelwade. Und sehr viel Wodka. Wohin rollt der Zug der zentralasiatischen Unabhängigkeit?

1945 1960 1980 2000 2020

Die Bahnhofsuhren in Kasachstan zeigen immer noch Moskau-Zeit. Neue Reiche und alte Arme, Mercedes und Lada, Hamburger und Hammelwade. Und sehr viel Wodka. Wohin rollt der Zug der zentralasiatischen Unabhängigkeit?

Passport": Die Militsia in Aralske More, dem einstigen Fischerhafen am Aralsee, war schneller da als wir kasachische Erde überhaupt betreten konnten. Es war ein langer Weg gewesen, zwei Tagesreisen im Transturk-Express von Moskau nach Almaty, durch die Sümpfe der Wolga und die Niederungen am Kaspischen Meer. Ausländer sind stets verdächtig.

Aralsk heute, das ist ein Geisterstädtchen mit gerade noch 15.000 Menschen. Von Wasser ist weit und breit keine Spur mehr. Eine sterbende Stadt, der die Zentralregierung in Moskau in den fünfziger Jahren den Lebensnerv zog, als die großen Strategen der Sowjetunion die Umleitung der Zuflüsse Amu-Darja und Syr-Darja beschlossen, um die Bewässerung der Monokulturen zu forcieren: Weizen für Kasachstan, Baumwolle für den südlichen Nachbarn Usbekistan. Die Bilanz der geplanten Öko-Katastrophe ist verheerend: Seit 1966 ist der Wasserspiegel des einst viertgrößten Sees der Welt von der Größe der Schweiz um 16 Meter gesunken, seine Ausdehnung hat sich halbiert, und die Küstenstreifen haben sich um bis zu 80 Kilometer zurückgezogen. Staubige Straßen, verlassene Häuser, rostige Kräne im wasserlosen Hafen. Nächtliche Petroleumlampen können die Tristesse der Steppenstadt nicht erheblich erhellen: Da sind rostende Frachter, pittoresk aufgebahrt auf den Dünen der neu entstandenen Aq Kum (Weiße Wüste) am ausgedörrten Seeboden, wie Sergej, der graubärtige Melonenhändler, gemurmelt hatte. Dazwischen Kamele, die an den Salzkrusten in den Tümpeln der letzten Kanäle lecken. Ölseen und Fischleichen zwischen den Skeletten der einstigen Aralsee-Flotte, die früher bis nach Usbekistan gedümpelt ist.

Steppen-Experimente Kasachstan war immer schon Versuchsfeld für gigantomanische Experimente. Die Virgin Lands etwa, im Herzen der Steppe, wo Nikita Chruschtschow auf 250.000 Quadratkilometern die Kornkammer des Imperiums am Reißbrett konstruieren ließ; oder Baikonur, Weltraumbahnhof für Gagarin und Sputnik und Mir: Kasachstan war stets mehr als ein lästiges Anhängsel Moskaus und seit Zarenzeiten williger Diener seiner Herren.

Die Monotonie der Steppe. Endlose Weiten. Das Rattern der Züge durch graue Dünen, wo lehmige muslimische Grabhügel über Stunden die einzige Abwechslung bieten. Kasachstan ist das neuntgrößte Land der Welt, in seinen fast drei Millionen Quadratkilometern Ausdehnung würde sich ganz Westeuropa verlieren. Kommunisten sind sie immer noch, nur die problemlos rasche Wende des alten Regimes zur neuen Marktwirtschaft mag viele verwundern. Die Privatisierung von 3.500 Staatsbetrieben lief zügig an, bis hin zum Ausverkauf, nicht nur von Werten und Weltanschauungen. "Dollar, yes", grinste der Provodnik (Schaffner) im Speisewaggon, und sein Goldzahn funkelte im fahlen Licht der Glühbirne. Doch mit dem Privatisierungsboom scheint es vorerst vorbei, seit Nurlan Balgimbajew 1997 zum neuen Ministerpräsidenten ernannt wurde: der einstige Chef der staatlichen Ölgesellschaft Kazakhoil ist ein Hardliner alter Schule.

Autokrat Nasarbajew Ideologie, nein danke. Leere ersetzt vielfach Lehre, und die Reduzierung der 2.000 (!) Prozent Inflation der letzten Rubel-Jahre auf jährlich 20 Prozent vermag bloß Statistiker zu begeistern. Daß Nursultan Nasarbajew, der neue starke Mann, 1991 mit 99 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gekürt wurde, ließ Erinnerungen an die gute alte Zeit wach werden, als regimefeindliche Elemente in den Gulags von Karaganda endeten. Nach der Wahl 1999 sitzt er stärker im Sattel denn je: Triumphale Wiederwahl, kein ernstzunehmender Gegenkandidat, davor die nationenverbindende Elefantenhochzeit der Präsidentenkinder von Kasachstan und Kirgisistan - alte Sitten in neuen Ländern. Die Pfründe scheinen gesichert.

Knapp 17 Millionen Menschen zählt der Vielvölkerstaat, der mit einer durchschnittlichen Bevölkerungsdichte von sechs Personen zu den dünnstbesiedelten der Welt zählt. Nicht alle kamen freiwillig hierher - weder die russischen Dissidenten noch die deutschen Aussiedler aus den Wolganiederungen; der bunte Ethno-Mix aus Ukrainern und Tataren, Usbeken und Kirgisen stand der Vereinheitlichung der jungen kasachischen Nation vor einem Jahrzehnt im Wege. Im Schmelztiegel Zentralasiens stellen Kasachen rund 44 Prozent der Bevölkerung und Russen 35 Prozent. Der Anteil der Kasachen wächst beständig, während sämtliche anderen ethnischen Gruppen lieber heute als morgen das Land verlassen - vor allem die Europäer, die auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken: als Umgesiedelte und Strafarbeiter, die das mineralstoffreichste Land der einstigen Sowjetunion zu einem Zentrum der Schwerindustrie machten.

60 Prozent aller Kohle, Erz- und Ölvorkommen der damaligen UdSSR machten Kasachstan reich - doch die 30.000 Kumpel in den Minen von Karaganda haben so wenig von der neuen Liberalisierung wie die Ölarbeiter am Kaspischen Meer, die jetzt eben für den US-Multi Chevron schuften. Blut und Boden. Und noch mehr Tränen, denn gesteigerte Produktivität heißt auch verringerte Erwerbsmöglichkeit für die neuen Armen. Ohne ihre Datschas im Grünen müßten sie verhungern, meint Irina, die seinerzeit einen der vertriebenen Wolgadeutschen geheiratet hat: "Wer kann, ist längst weg". Der medial gefeierte Vertrag der "ewigen Freundschaft" zwischen Rußlands Präsident Boris Jelzin und Nasarbajew über die Aufteilung der Ölvorkommen am Kaspischen Meer (1998) läßt sie so kalt wie ihr winterliches Holzhaus.

Tabu Atomtests Seit der Öffnung sind 700.000 Sowjet-Deutsche emigriert. In nur zwei Jahren hat auch eine Million Russen und Ukrainer das Land verlassen - einer ungewissen Zukunft entgegen. Aufkeimender Nationalismus ist unverkennbar. Vielleicht ist es bald besser, Russe in Rußland zu sein als in Kasachstan, dessen beginnende Islamisierung allmählich über die südlichen Landesgrenzen schwappt; 25 Moscheen gab es 1985, weit über 1.000 sind es zehn Jahre danach. Hammer und Sichel in Turkistan, dem muslimischen Pilgerort im Dreiländereck zu Kirgisistan und Usbekistan, sind längst abmontiert und verrosten hinter dem hölzernen Bahnhofsrestaurant, wo gewaltige Hammelwaden den Hauch des Orients versprühen.

Nationale Symbolik ist heute so wichtig wie im damaligen Sowjetimperium, das viele längst wieder herbeisehnen. Tenge haben den Rubel als Landeswährung ersetzt. Russisch als Amtssprache ist abgelöst - offiziell spricht man seit 1989 kasachisch, eine Sprache, die niemand mehr kann: Alma-Ata heißt jetzt Almaty; Semipalatinsk im mongolisch-sibirischen Grenzland, das frühere sowjetische Atomversuchszentrum, wurde zu Semey.

Gerade hier hat vor über einem Jahrzehnt der erste große Protest gegen Moskau begonnen, als die Nevada-Semipalatinsk Bewegung, benannt nach den Haupttestgebieten in den USA und der UdSSR, wider Erwarten die Nuklearversuche auf kasachischem Boden erfolgreich unterbinden konnte. Die insgesamt 473 Atomtests im legendären Polygon sind bis heute Tabu-Thema. 900.000 Menschen im Umkreis hätten theoretisch Anspruch auf Kompensationszahlungen, doch wer soll deren Rechte geltend machen?

Semey heute, das sind bunte Blockhütten aus Holz in gelben Birkenalleen, die Dostojewskis Zeiten wieder wachrufen, der als einer der ersten prominenten Dissidenten um 1850 in den Osten verbannt wurde. Dahinter die gesichtslosen Betonburgen des sozialistischen Realismus. Schnapsbuden, wo der Wodka nicht nur aus Flaschen, sondern auch aus Aluminiumdosen und Plastikbechern fließt. Der Sockel für die gigantische Leninstatue vor dem Stadttheater ist inzwischen leer, sämtliche Führerbüsten der Stadt finden sich jetzt an der Irtysch-Promenade wieder, ein symptomatisches Bild: Der große Vordenker des Sozialismus mag aus dem Zentrum gerückt sein, vergessen ist er keineswegs.

Auch nicht in Almaty, einstige Hauptstadt des größten zentralasiatischen GUS-Staates, das am Fuß der Alatau-Berge im äußersten Südosten des Landes liegt. 1854 als russischer Außenposten gegründet, war die 1,3 Millionen-Stadt stets die russischeste Kasachstans - blonde Kinder in dicken Wollstrümpfen auf weiten Boulevards, orthodoxe Kathedralen, sowjetische Monumentalarchitektur und triste Wohnblocks. Doch Astana (früher Akmola), die neue Reißbrett-Hauptstadt im Herzen der Steppe, ist noch um vieles trister. Almaty ist heute die kosmopolitanste Stadt des asiatischen Nordens zwischen Moskau und Peking - mit Pepsi und Omo und nur ein bißchen Zentralasien. Bei einem Glas Pfirsich-Wodka läßt sich endlos politisieren von der Zeit, als es noch Rubel gab und nichts zu kaufen. Leisten können sich die wenigsten selbst den Alltag, geschweige denn den neuen Luxus. Die Benetton-Läden in der kopfsteingepflasterten Fußgängerzone beim Aerodrome gehören immer noch zu einer anderen Welt. Die Schaschlik-Spieße oben am legendären Eisring von Medeu sind nur mehr für die jungen Reichen in den schwarzen Limousinen erschwinglich, die heute eben Mercedes statt Wolga heißen. Dunkle Spiegelbrillen, rosa Minirock und Techno-Power. Neue Waren und neue Währung. Und Werte, die die Sieger im Privatisierungskampf um den autokratischen Nasarbajew neu bestimmen. Die Brot-und-Wodka-Politik mag noch eine Weile durchgehen, bis das Pulverfaß explodiert. Nastrowje, Kasachstan.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau