Digital In Arbeit

Der Weckruf für ganz Europa

Manche Szenen verweigern sich dem Vergessen: Bald nach dem Ende der Sowjetunion besuchte ein ukrainischer Präsident die Wiener Hofburg. Seine Zuhörer, allen voran Thomas Klestil, erinnerte er daran, dass die erste Fluglinie 1918 von Wien nach Kiew geführte hatte -und "dass wir Ukrainer schon Europäer waren, als die Russen noch auf Bäumen saßen". Dass er selbst unterwegs zum "NATO-Kooperationsrat" war, empfand ich als Zuhörer damals als Zeitenwende - war doch das Wort "NATO" für uns neutrale Österreicher noch fast eine Zumutung.

Seither ist uns viel an Begrifflichkeit verloren gegangen: Wo ist heute noch "Osten", wo "Westen"? Und wo endet "Europa"? Dort, wo die Zwiebeltürme der Ostkirche beginnen, wie Otto Molden einmal kühn behauptete? Am Fluß Don? Am Ural? Oder gehören alle dazu, die sich zu Demokratie und Marktwirtschaft bekennen und auf derselben tektonischen Platte sitzen, die tief nach Asien reicht?

Erfahrene Europäer sehen dieses undefinierbare Europa als "System beweglicher Wände", zu dem auch Kiew, Moskau oder Istanbul gehören -je nachdem, worum es konkret geht.

Sicher ist nur: EU-Europa lebt in enormer Geschichtsvergessenheit. Es erweitert und vertieft sich ständig, ohne dabei aber Europas größte Nation, die Russen, mit zu bedenken. Wie angenehm, dort (wie auch in der Türkei) einen Autokraten zu wissen, der sich selbst aus dem Spiel nimmt und uns das Nachdenken erspart. Aber: Welch langfristiger Fehler!

Die Krise der Ukraine ist der bisher stärkste Weckruf, um endlich die Schicksalsfragen nach einer stabilen, friedlichen Zukunft für den ganzen europäischen Kontinent zu stellen. So dornenvoll das nach langem Wegschauen auch sein mag.

Verletzung einer "roten Linie"

Zweimal hat Russland im 20. Jahrhundert seine Würde verloren: 1917 beim Untergang des Zarenreichs und 1991 beim Ende der UdSSR. Den 150 Millionen Russen wieder Sicherheit und Größe zu geben, empfindet Wladimir Putin als seine Mission. Wir sollten uns aber nicht täuschen: Auch jede andere Führung im Kreml würde die Perspektive von EU, ja NATO in direkter Nähe zu ihrer Grenze beim Stand der Beziehungen als Verletzung einer "roten Linie" empfinden. Es geht um historische Ansprüche und Interessen: um Wirtschaft und Sicherheitszonen, um die eigene Flotte und den Weg in warmes Meerwasser.

Nicht nur der aalglatte Souverän Putin muss jetzt Verdrängtes nachholen. Etwa warum Millionen Ukrainer ein neues Machtsystem wollen. Und warum sein Demokratieverständnis auch zuhause nicht mehr unbegrenzt dem Geist der Zeit entspricht. Auch EU-Europa muss endlich lernen, die eigene Perspektive mit den geopolitischen Realitäten zu versöhnen: Das große Russland kann auf Dauer weder Feind noch weißer Fleck bleiben!

Wenn das gerade jetzt ohne Waffengewalt deutlicher werden sollte, dann haben alle Beteiligten mehr Glück als politischen Verstand gehabt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau