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Merkels letzter Sommer

FOKUS
Raute - Angela merkel, die Kanzlerin der Krisen: Inhaltlich fällt ihre Bilanz gemischt aus. Geprägt war ihre fast 16 Jahre dauernde Kanzlerschaft von Krisen - © APA / dpa / Michael Kappeler

Die Ära Merkel - oder die Quadratur der Raute

1945 1960 1980 2000 2020

Verehrt, geschätzt, verachtet – egal ist Angela Merkel in Europa niemandem. Klar ist: Sie wird eine Lücke hinterlassen in der politischen Landschaft.

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Verehrt, geschätzt, verachtet – egal ist Angela Merkel in Europa niemandem. Klar ist: Sie wird eine Lücke hinterlassen in der politischen Landschaft.

Die Arme angewinkelt, Daumen und Mittelfinger über dem Bauch zusammen zu einem Viereck geformt – kaum eine andere Geste eines Politikers hat in den vergangenen Jahren so umfassend Deutungsversuchen herhalten müssen. Als Symbol für eine Brücke wurde sie gedeutet, als Ring der Macht, als Keil und Burg oder schlicht als Geste, die Aktivität und zugleich Ruhe sowie Gelassenheit vermittelt. Und Angela Merkel selbst? Die soll zu ihrer Raute einmal gesagt haben: Diese berge ganz einfach „eine gewisse Symmetrie“.

Symmetrie, Rationalität, Besonnenheit – das sind Eigenschaften, die der deutschen Nochkanzlerin von Wohlgesinnten zugeschrieben werden. Und das sind wohl auch die Eigenschaften, die ihr vier Kanzlerschaften beschert haben. Fadesse, Unentschlossenheit, Zögerlichkeit, durchaus auch Naivität, zugleich aber auch Machtbewusstsein sind es dagegen, die Gegner ihr anhaften. Auch an denen mangelt es nicht. Und so hat Angela Merkel auch über diesen Umweg Eingang in die Alltagskultur gefunden: „merkeln“ – ein Verb, das 2015 in Deutschland den zweiten Platz bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres belegte. „Merkeln“, das bedeutet so viel wie: in wichtigen Angelegenheiten nichts tun und keine klaren Aussagen treffen, kein Risiko eingehen.

Mangelnde Dynamik

Für Stefan Lehne vom Thinktank Carnegie Europe fällt die Bilanz der deutschen Kanzlerin denn auch gemischt aus: „Wenn es um Initiativen und Visionen ging, hat sie nicht viel weitergebracht“, sagt er. Vielleicht liege das an ihrer Sozialisierung in der DDR, vielleicht daran, dass sie eben nicht in der EU-Blase aufgewachsen sei, vielleicht aber auch schlicht an der Zeit und den vielen Krisen in ihrer Kanzlerinnenschaft. In den großen Themen auf EU-Ebene, da habe Merkel jedenfalls „nicht sehr viel Dynamik entwickelt“, sagt Lehne. Und das allen großen Wünschen zum Trotz: Hatte sie 2012 doch die Hoffnung geäußert, dass die Europäische Kommission eines Tages so etwas wie die europäische Regierung sein werde. Aber immerhin: Merkel, so sagt Stefan Lehne, habe dann doch gewissermaßen das Auseinanderfallen der EU verhindert und Problemlösungen am laufenden Band entwickelt. „Und das sehr gut“, wie er sagt.

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