Gesichtserkennung in China - © Foto: Getty Images / Bloomberg / Qilai Shen
International

Die Bauarbeiter der digitalen Welt

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Eine Armee von Klickarbeitern hält die algorithmengetriebene Plattformökonomie mit stupider Bildschirmarbeit am Laufen.

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Eine Armee von Klickarbeitern hält die algorithmengetriebene Plattformökonomie mit stupider Bildschirmarbeit am Laufen.

Wenn ein Uber-Fahrer in sein Fahrzeug einsteigt, muss er sich einem sogenannten Real-Time-ID-Check unterziehen. Der Chauffeur macht mit seinem Smartphone ein Selfie, dann gleicht ein Gesichtserkennungsalgorithmus das Foto mit dem hinterlegten Profilbild ab. Mit dem Screening-Prozess will der Fahrdienstleister sicherstellen, dass auch der autorisierte Fahrer hinter dem Steuer sitzt. Doch in einem Prozent der Fälle ist es gar keine Maschine, die die Identität prüft, sondern ein Vertragsarbeiter, der irgendwo in Hyderabad in Indien an seinem Laptop sitzt und Fotos abgleicht. Ghost Work, Geisterarbeit, nennen Mary L. Gray und Siddharth Suri diese Arbeitsform in ihrem gleichnamigen Buch. Unternehmen wie Uber lagern Teile ihrer Arbeit an Crowdworking-Plattformen aus, wo Clickworker stupide Kategorisierungsaufgaben übernehmen.

13.000 Mal am Tag muss irgendjemand auf einen Knopf drücken, um die algorithmengetriebene Uber-Maschinerie in den USA am Laufen zu halten. Taylorismus 2.0. Eine ganze Armada von Vertragsarbeitern schuftet in den Maschinenräumen der Tech-Konzerne: Sie kategorisieren Bilder und Videos, identifizieren Hasskommentare oder sortieren Rezensionen, um den schönen Schein der Technik zu wahren. Denn die Künstliche Intelligenz ist noch nicht so weit, wie es uns ihre Entwickler weismachen wollen. KI ist vor allem ein großes Versprechen, ein nachgerade religiös überhöhtes Heilsversprechen; die Lösung für alle Probleme der Menschheit, worin Wagniskapitalgeber Milliarden investieren, dessen Schwächen aber allzu häufig von unsichtbaren menschlichen Arbeitern bemäntelt werden müssen: den Geis­tern in der Maschine.

Die Optimierer

Im indischen Chennai betreibt Amazon ein Zentrum, wo Arbeiter die Sprachassistentin Alexa optimieren. In Neun-Stunden-Schichten werden Audio-Dateien transkribiert, Wörter klassifiziert und Sätze in Kategorien eingeordnet. Es ist die verlängerte Werkbank des Datenkapitalismus. Wenn man Alexa eine Frage stellt, kann es sein, dass die stimmbiometrischen Daten um den halben Globus gejagt werden und am Ende in einer Datenwiederaufbereitungsanlage in Costa Rica oder Rumänien landen. Es erinnert ein wenig an die Anfänge der Computergeschichte, als der französische Mathematiker Gaspard de Prony Ende des 18. Jahrhunderts eine mathematische „Fabrik“ schuf, in der drei Gruppen von menschlichen „Rechnern“ arbeitsteilig logarithmische und trigonometrische Tafeln zerlegten. Die „Planer“, die über eine mathematische Grundausbildung verfügten, reduzierten die trigonometrischen Funktionen auf einem Blatt Papier und ließen hinter jedem Rechenschritt ein freies Kästchen. Die Formeln wurden so vereinfacht, dass am Ende die dritte Abteilung von „Computern“ – Menschen, die mit Papier und Bleistift arbeiteten – die arithmetischen Grundoperationen ausführen und die Ergebnisse in die freien Felder übertragen mussten.