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"Die EU ist nicht Europa"

Sozialhistoriker Michael Mitterauer zum "europäischen Sonderweg" und darüber, dass es falsch ist, von "Europaverdrossenheit" zu reden, wenn Kritik an der Brüsseler Bürokratie gemeint ist.

Die Furche: Herr Professor Mitterauer, in Ihrem zum Bestseller avancierten Buch "Warum Europa?" beschreiben Sie die mittelalterlichen Grundlagen des europäischen Sonderwegs - wie ist es gerechtfertigt vom Sonderweg Europa zu sprechen?

Michael Mitterauer: Im Mittelalter war der europäische Kulturraum eine relativ klar abgrenzbare Einheit. Das ist er jetzt nicht mehr - die ganzen Siedlungskolonien europäischer Staaten haben viele Tochterkulturen entwickelt: Australien ist der europäischen Mutterkultur näher verwandt, ist europäischer als Albanien oder Mazedonien, die auf dem Kontinent Europa liegen. Gleiches wird man über die usa, Kanada, Neuseeland sagen können. Insgesamt ist es sehr schwierig, europäische Kulturtraditionen klar abzugrenzen, weil sich diese starke Kultur sehr weit verbreitet hat. Wenn wir es von den Werten angehen: Die Rechte, die in der Französischen Revolution gefordert und durchgesetzt wurden, gelten heute als weltweite Menschenrechte.

Die Furche: Hat demnach Europa durch diese Vermischung seinen früheren Sonderweg verlassen?

Mitterauer: Es gibt immer noch starke Gemeinsamkeiten in Kern- und Randeuropa, die sich gegenüber Nachbarräumen abgrenzen lassen. Der Begriff "europäischer Sonderweg" trägt aber die Gefahr in sich, eurozentristisches Denken zu begünstigen - und ist das Letzte, was ich vertreten will. Es hat genug an europäischer Überheblichkeit, Arroganz und Kolonialherrenmentalität gegeben. Beim Überdenken des europäischen Sonderwegs müssen wir Europäer innerlich auf Distanz gehen und uns quasi von außen anschauen, müssen vergleichen, wie sich die Kulturräume entwickelt haben: Der europäische, der islamische, der chinesische Kulturraum ... - alle sind sehr eigenständige Wege gegangen.

Die Furche: Am stärksten weltweit prägend ist aber der europäische.

Mitterauer: Das hat zum einen mit dem Kolonialismus zu tun, zum anderen aber auch mit Erungenschaften im europäischen Raum, die für andere erstrebenswert waren. Insofern können wir sagen, wenn wir nüchtern und auf Distanz zu europäischer Überheblichkeit Kulturräume betrachten: Der europäische Sonderweg ist jener Weg, der für heutige universale Kulturphänomene am stärksten prägend geworden ist ...

Die Furche: ... und sich als Erfolgsmodell durchgesetzt hat.

Mitterauer: Bitte beschwören wir nicht immer die Erfolgsstory. Wenn wir uns schon auf eine Bewertung einlassen, müssen wir auch die Kehrseiten sehen: Europa hat sehr viel an Rechten und Freiheiten, aber auch sehr viel an Unglück über andere gebracht ...

Die Furche: ... und über Europa.

Mitterauer: Ja, auch für für uns Europäer ist dieser europäische Weg zuweilen sehr problematisch: Zum Beispiel unser Individualismus, den wir anderen Kulturräumen voraushaben und den wir gerne preisen. Stimmt schon, Europa ist hoch individualisiert - aber ist das nur gut? Die Kehrseite des Individualismus ist die Singularisierung mit ihren Schattenseiten. Und Europas technischer Fortschritt und Naturbewältigung ausgehend vom biblischen Auftrag "Macht euch die Erde untertan" - erst seit zwei, drei Jahrzehnten sorgen wir uns darum, wie es mit unserer Umwelt weitergehen soll. Der europäische Erfolgsweg ist eine höchst ambivalente Sache. Und heute sind wir auch gefordert, das zu reparieren, was dieses erfolgreiche Europa bei uns und weltweit angestellt hat.

Die Furche: eu und Europa werden heute meistens im gleichen Atemzug genannt, ist das legitim?

Mitterauer: Die eu ist nicht Europa. Wir sollen nicht so tun, als ob die eu, die historisch sehr jung ist, die als Wirtschaftgemeinschaft gegründet wurde und die jetzt erst zu einer politischen Gemeinschaft zusammenwächst, das ganze Europa wäre. Europa ist etwas anderes, Europa ist mehr, Europa ist ein historisch gewachsener Kulturraum.

Die Furche: Nähert sich die eu durch die Ost- und Südosterweiterung wieder dem ursprünglichen europäischen Kulturraum an?

Mitterauer: Man kann sagen, dass durch die Osterweiterung die wesentlichen Länder, die zum historischen europäischen Kulturraum gehören, eingeschlossen wurden - und das ist sehr zu begrüßen. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen: Es gibt eine europäische Identität, die abseits dieser eu liegt und die viel, viel weiter zurückreicht. Es verschwimmt jetzt allzusehr, dass wir von Europa sprechen, wenn es schlicht um die eu geht. Oder wir reden von Europaverdrossenheit, wenn es um eu-Verdrossenheit geht. Über Europa als historisch gewachsenem Kulturraum müssen wir nicht verdrossen sein, wenn wir über die Brüsseler Bürokratie verdrossen sind.

Die Furche: Warum ist die Frage nach einer europäischen Identität gegenwärtig ein so wichtiges Thema?

Mitterauer: Dass unsere überkommenen europäischen Identitäten und Werte in eine Krise kommen, hängt mit globalen Prozessen zusammen, die wir politisch nicht bewältigen und wo wir mit einer bloßen Konzentration auf Europa sicherlich zu kurz greifen. Mir ist es sehr wichtig, nicht zu vergessen, dass die großen Fragen unserer Gesellschaft von der eu initiiert und stimuliert werden können, dass aber deren Bewältigung in weltweitem Maßstab angegangen werden muss.

Die Furche: In Ihrem Buch schildern sie Europa vor allem als "Verkettung von Umständen" - warum?

Mitterauer: Weil ich kritisch gegenüber allen Erklärungen bin, die Europa nur von einem Faktor her sehen wollen. Diese Rede, alles wäre christlich, oder alles wäre von der Antike geprägt, oder die europäische Vergangenheit sei nur durch den Kapitalismus bestimmt, all das greift zu kurz. Wir müssen breiter auf vielerlei Faktoren schauen, die zusammengewirkt haben: von materiellen Grundlagen wie der agrarischen Erschließung ausgehend bis hin zu christlichen und anderen religiösen Traditionen.

Die Furche: Welche Rolle geben Sie dem Christentum in der europäischen Identitäts- und Wertediskussion?

Mitterauer: Das Christentum spielt eine sehr wichtige Rolle, aber es ist bei weitem nicht alles aus dem Christentum zu erklären, was die Identität und die Werte Europas ausmacht. Es gibt ja auch viele europäische Christentümer, die diese Werte nicht entwickelt haben. In der Orthodoxie und in den orientalischen Kirchen gibt es andere Entwicklungen als in der römischen Kirche. Daneben wurden viele Grundwerte Europas gegen das Christentum durchgesetzt.

Die Furche: Fühlen Sie sich als Historiker auch manchmal zur Legitimation Europas missbraucht?

Mitterauer: Bei der gegenwärtigen - wie ich meine -, vorübergehenden Krise der europäischen Institutionen sind Historiker auf einmal recht willkommen, der eu Legitimität aus der Geschichte zu geben. Das ist klarer Missbrauch der Geschichte. Genauso haben vor hundert, vor fünfzig Jahren unsere Schulbücher den Nationalstaat legitimiert. Die Sünden, die von der Geschichtswissenschaft in Richtung Nationalchauvinismus betrieben wurden, könnten heute mit einem Europachauvinismus fortgesetzt werden.

Die Furche: Mit welchen negativen Konsequenzen?

Mitterauer: Die Gefahr des Eurozentrismus sehe ich darin, dass man zuwenig auf die anderen sieht. So wie der Nationalismus seine Feinde gebraucht hat, so kann übertriebenes europäisches Selbstbewusstsein zu Lasten der Verantwortung gegenüber außereuropäischen Regionen gehen. Und eine solche Nabelschau wäre für Europa und die Welt gefährlich.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

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