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Die Gleichberechtigung im Osten als Mär

"Elf Ministerinnen gab es 1945 bis 1950 in Bulgarien, Estland, Rumänien, Jugoslawien und der CˇSSR. Von den Kreisen der Macht blieben sie aber ausgeschlossen."

Wenn Mariana Gheorghe in Kürze ihren Schreibtisch räumen wird, verlässt nicht nur eine Chefin ihren Arbeitsplatz, sondern eine der mächtigsten Frauen in der rumänischen Wirtschaft das Unternehmen, das sie groß gemacht hat. Mehr als zehn Jahre hat sie als CEO die Geschicke des rumänischen Erdgasund Erdölkonzerns Petrom -eine Tochter der österreichischen OMV - geleitet, sie galt als Grande Dame der rumänischen Wirtschaftselite. "Schwarz", so hat sie die Petrolindustrie einmal in einem Interview genannt. Nicht nur wegen der Erdölprodukte, sondern "weil es per Definition eine männliche Industrie" sei. Was Gheorghe damals nicht erwähnte: Besonders weiblich sind die anderen Wirtschaftszweige in den jungen Mitgliedsländern auch nicht.

Am 8. März feiert die Welt den Frauentag, besonders in den früheren sozialistischen Ländern wird er mit Pomp begangen. Der Frau wird an diesem Tag der Vorhang geöffnet. Und danach? Die Stellung der Frau im Osten sei, so geht ein gängiges Narrativ - politisch und ökonomisch - vielfach besser als im Westen. Schließlich hätten die sozialistischen Regierungen in der Vergangenheit für mehr Chancengleichheit gesorgt und Frauen professionell gefördert sowie die Kinderbetreuung flächendeckend geregelt. Ingenieurinnen kannte man im Osten tatsächlich viele. Doch inwieweit wirken diese Maßnahmen bis heute nach?

Europäische Ziele

Die EU-Kommission hat das Ziel ausgegeben, dass zumindest ein Drittel der europäischen Kinder unter drei Jahren institutionell betreut werden. De facto aber bleiben die meisten bei der Mama zuhause. Nur in zehn Mitgliedsländern gehen die Kleinkinder in die Krippe oder zu einer Tagesmutter, allen voran in den skandinavischen. Von den jungen EU-Staaten reiht sich nur Slowenien hier ein. Die restlichen sind am anderen Ende der Skala zu finden: Ausgerechnet in Rumänien, Polen und der Slowakei - Länder, die vor 1989 ein gut ausgebautes Netzwerk an staatlichen Kinderbetreuungsstätten hatten - werden 90 Prozent der unter Dreijährigen zuhause betreut. In Rumänien und Polen spielen wohl auch traditionelle, von der Kirche vorgegebene Rollenbilder hier mit hinein.

Dabei hatte der Einfluss der Sowjetunion in der Region nach dem Zweiten Weltkrieg verhindert, dass die ehemaligen -männlich dominierten -Zwischenkriegseliten wieder an die Macht gelangten und den Einfluss der Religion zurückgedrängt. Für Frauen war so in der sich neu konfigurierenden politischen Landschaft Platz: Elf Ministerinnen wurden von 1945 bis 1950 in Bulgarien, Rumänien, dem damaligen Jugoslawien und der damaligen Tschechoslowakei sowie in Estland ernannt. Von den Schalthebeln der Macht blieben die Frauen trotzdem meist entfernt -ab den 1960er-Jahren fielen auch keine Regierungsämter mehr für sie ab. Eine Ausnahme bildet hier Milka Planinc, die in den 1980er-Jahren Regierungschefin Jugoslawiens war.

Auch nach dem Fall der Mauer war in den jungen Demokratien erstmals wenig Raum für weibliche Gestaltung. Die weibliche politische Repräsentanz nahm erst zu, als die Länder sich in Richtung Europa bewegten. Von 1999 bis 2009 zählten die heute jüngeren EU-Mitglieder 157 Frauen in Ministerämtern. So ist es eher die jüngere Vergangenheit und nicht das sozialistische Erbe, das Frauen den Zugang zur Macht zugesteht.

Mehr Vorteile durch die EU

Gerade die Annäherung an die EU habe den Frauen mehr Raum verschafft, argumentiert die Politikwissenschafterin Maxime Forest von der Universität SciencesPo in Paris in dem Buch "Women in Executive Power: A Global Overview". Die EU als Anziehungspunkt habe die Frage nach Gleichberechtigung zumindest auf die politische Agenda gebracht. In manchen Fällen habe die "Feminisierung der Politik" als Beweis des Bekenntnisses zu Europa gedient, als Trumpfkarte, die man in Brüssel ausspielen konnte. Und manchmal findet diese schlichtweg nicht statt. Bei den bevorstehenden Parlamentswahlen in Ungarn stellt die regierende Fidesz-Partei in allen 106 Wahlbezirken jeweils einen Kandidaten -darunter nur sechs weibliche.

Ende der 1980er-Jahre waren 80 bis 90 Prozent der Frauen in den sozialistischen Ländern in den Arbeitsmarkt integriert -wenn sie auch kaum in die oberen Segmente der Jobhierarchie vorstoßen konnten und wesentlich magerer als die Männer verdienten: 20 bis 30 Prozent weniger stand damals auf den weiblichen Gehaltszetteln. Weibliche Angestellte in Slowenien, Polen und Rumänien müssen sich darüber heute nicht mehr ärgern -in diesen Ländern verdienen Frauen fast gleich viel wie Männer -auch die weibliche Teilzeitquote ist vergleichbar gering. "Für Polen können wir sagen, dass die Frauen en gros besser gebildet sind als die Männer", sagt Sandra Leitner, Ökonomin beim Österreichischen Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. In Führungspositionen steigen sie trotzdem schwieriger auf.

In Österreich arbeitet hingegen knapp die Hälfte der weiblichen Bevölkerung überhaupt nicht in Vollzeit -entsprechend groß ist die Einkommensschere. Besonders drastisch ist aber die Lage in Bosnien und Herzegowina: Hier verdienen Frauen nur die Hälfte dessen, was Männer bekommen, wobei die bosnische Datenlage schwierig ist. Grundsätzlich herrsche auf dem Westbalkan aber ein noch sehr traditionelles Frauenbild, sagt Leitner: "Nach dem ersten Kind steigt die Frau vielfach ganz aus dem Erwerbsleben aus."

Frauen im Westen und im Osten tappen in die Nachwuchsfalle. "Frauen werden nicht für das Kinderkriegen bestraft, aber dafür, dass sie ihre Karrieren unterbrechen. Und, dass sie danach in vielen Fällen nur noch Teilzeit weiterarbeiten", sagt Leitner.

Segregation am Arbeitsmarkt

Dazu kommt die sogenannte horizontale und vertikale Segregation am Arbeitsmarkt. Das heißt, dass Frauen eher zu schlechter bezahlten Berufen im Gesundheitswesen und in der öffentlichen Verwaltung tendieren und dann schlechtere Aufstiegschancen haben. Diese Gemengelage führt dazu, dass Frauen laut dem Gender Equality-Index des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen in den jungen EU-Mitgliedsländern aber auch in Österreich insgesamt wenig wirtschaftliche Macht auf sich vereinen. In einzelnen Ländern wie Tschechien sogar heute weniger als noch vor zehn Jahren.

Gerade deshalb erinnert sich Olga Grygier-Siddons gerne an ihren ersten Arbeitstag als Chefin. Wie die Mitarbeiterinnen sie im Lift anlächelten, wie sie besonders stolz durch die Gänge gingen, das "war ein großartiges Gefühl", sagte Grygier-Siddons vergangenes Jahr der Financial Times. Sie leitet seit 2014 die Osteuropasparte des globalen Unternehmensberaters PricewaterhouseCoopers (PWC) in Warschau. Im Vorstand des Erdgaskonzerns Petrom kennt man Chefinnen bereits. Auf die scheidende Mariana Gheorghe wird mit Christina Verchere ebenfalls eine Frau folgen. Diese Frauen an der Spitze bleiben trotzdem die Ausnahmen. In Osteuropa. Und in weiten Teilen des Westens auch.

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