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Die Kirche der Slowakei wird zur Politik gezwungen

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Verfallt die Slowakei dem Nationalismus? Personen in der und um die Kirche gefällt das betont nationalistische Spiel Meciars.

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Verfallt die Slowakei dem Nationalismus? Personen in der und um die Kirche gefällt das betont nationalistische Spiel Meciars.

Die Situation ist für die slowakischen Christdemokraten (KDH) dramatisch. Nicht nur das eigene Überleben, sondern die pluralistische Demokratie steht fünf Jahre nach der Wende, im Jahre drei der Unabhängigkeit zur Disposition. Ein Parteiconsilium, das Ex-Minister aus den KDH-Beihen vergangenes Wochenende in Preßburg zusammenbrachte, zeichnete ein düsteres Bild. Vladimir Meciar, Führer einer Begierungskoalition aus Bewegung für eine demokratische Slowakei (HZDS), Nationalisten (SNS) und Altkommunisten (ZBS), versucht - nicht nur personell, sondern auch über steuerliche Maßnahmen - die Medien in den Griff zu bekommen; die Attacken auf Präsident Mi-chal Kovac nehmen unerträglich zu; in der Administration werden Fachleute durch Parteigänger ersetzt.

Das KDH-Consilium sieht eine „Verschwörung” am Werk. Eine Gruppe österreichischer Journalisten, von den Christdemokraten eingeladen, versuchte, die Verschwörungstheorie zu widerlegen, mit dem Hinweis, daß ähnliche politische Beaktio-nen in allen Beformstaaten nicht von einer Zentrale aus gesteuert, sondern Ergebnis einer ökonomisch-sozialen Situation seien, deren pluralistisch-demokratische und damit auch wirtschaftlich merkbare Veränderung nicht über Nacht habe kommen können.

Als schrecklich stufen die slowakischen Christdemokraten, die als Anti-Nationalisten einen europäischen Politkurs steuern, bei vielen Slowaken als „Verräter der nationalen Idee des Slowakentums” gelten, die Hinwendung eines Teils der katholischen Hierarchie und des Klerus zum Nationalismus Meciars ein. Nach altem Muster, so fürchten sie, könnte wieder eine Priesterbewegung wie „Pacem in ter-ris” entstehen, die diesmal einem nationalkommunistischen Begime hörig sei.

Der Episkopat sei in der Haltung zur HZDS gespalten. Meciar gelinge es, beispielsweise mit der Zusage, katholische Privatschulen staatlich voll zu unterstützen, Teile der Bischofskonferenz zu sich hinüberzuziehen. Weihbischof Dominik Hrusovsky, Generalsekretär der Slowakischen Bischofskonferenz, gilt als Meciar-Freund, wird von den

KDH-Politikern als „absolut nationalistisch” beschrieben, der bei seinen Verhandlungen mit dem Begierungscnef „ohne Auftrag der Bischofskonferenz” agiere und damit seine Kompetenzen überschreite.

Beklagt wird in diesem Zusammenhang das Schweigen von Kardinal Jan Korec in Nitra. Ihm wird eine gewisse Naivität in seinem Verhalten zu Meciars HZDS zum Vorwurf gemacht. Die Hoffnungen der Christdemokraten konzentrieren ganz auf Bischof Budolf Balaz (Banska Bystrica), seit kurzem Vorsitzender der Bischofskonferenz. Er sieht sich gezwungen, aufgrund der Taktik Meciars, auch persönlich politisch wirksam zu werden.

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