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Die Koexistenz in der Täuschung

Wenn auch der „kalte Krieg“ - und das gleiche gilt für den „kalten Frieden“ — die Welt in einer schädlichen Spaltung hält, verhindert er doch bis zu diesem Augenblick nicht, daß in ihr, der Welt, ein reger Lebensrhythmus herrscht. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Leben, das sich fast ausschließlich auf dem wirtschaftlichen Gebiet abspielt. Es ist aber unleugbar,“ daß die Wirtschaft, den sich überstürzenden Fortschritt der modernen Technik ausnützend, in fieberhafter Tätigkeit so überraschende Ergebnisse erzielt hat, daß man eine tiefgreifende Umformung des Lebens der Völker, auch jener, die man bisher als etwas zurückgeblieben betrachtete, voraussehen darf. Zweifelsohne kann man der Wirtschaft die Bewunderung nicht versagen für das, was sie geleistet hat, noch für das, was sie verspricht. Dennoch übt sie mit ihrer scheinbar unbegrenzten Ergiebigkeit an Gütern ohne Zahl und mit ihren vielfältigen Beziehungen auf eine große Zahl von Zeitgenossen einen Zauber aus, der ihre Möglichkeiten übersteigt und sich auf ihr fremde Gebiete erstreckt. Die Täuschung, die in einem solchen, der modernen Wirtschaft entgegengebrachten Vertrauen liegt, verbindet noch einmal die beiden Teile, in welche die Welt von heute zerfällt. In dem einen von ihnen wird gelehrt: wenn der Mensch ein so großes Können bewiesen hat in der Schaffung der technisch-wirtschaftlichen Wunderwelt, auf die er heute stolz ist, so wird er auch die Fähigkeit haben, die Befreiung des menschlichen Daseins von allen Entbehrungen und allen Uebeln, unter denen er leidet, zu organisieren und so eine Art Selbsterlösung zu vollbringen. In dem anderen Teil aber gewinnt die Auffassung Raum, daß von der Wirtschaft, genauer von einer ihrer Sonderformen, wie es der freie Handel ist, die Lösung des Friedensproblems zu erwarten sei.

Wir hatten schon mehrmals Gelegenheit, auseinanderzusetzen, wie wenig solche Lehren begründet sind. Vor ungefähr hundert Jahren erwarteten die Anhänger des Freihandelssystems von diesem wunderbare Dinge und entdeckten in ihm eine geradezu magische Kraft. Einer seiner begeisterten Vertreter stand nicht an, den Grundsatz des Freihandels nach seiner Tragweite für die Welt mit dem Gesetz der Schwerkraft, das die Körperwelt beherrscht, zu vergleichen und ihm als Eigenwirkungen die Wiederannäherung der Menschen, das Verschwinden der Gegensätze von Rasse, religiösem Glauben und Sprache wie die Einheit aller Menschen in einem unerschütterlichen Frieden zuzuschreiben (vgl. Richard Cobden, Speeches on questions of public Policy, London. MacMillan and Co., 1870, Band I, S. 362 bis 363).

Der Lauf der Ereignisse hat gezeigt, wie trügerisch die Einbildung ist, den Frieden dem Freihandel allein anzuvertrauen. Es würde in Zukunft nicht anders gehen, wenn man in diesem blinden Glauben beharrte, der der Wirtschaft eine erdichtete, geheimnisvolle Macht zuschreibt. Uebrigens fehlen gegenwärtig die tatsächlichen Grundlagen, die irgendwie die allzu rosigen, auch heute von den Nachfolgern jener Lehre gehegten Hoffnungen verbürgen könnten. In der Tat, während bei der einen der im kalten Frieden nebeneinander bestehenden Parteien die so hoch gepriesene wirtschaftliche Freiheit noch nicht Wirklichkeit geworden ist, wird sie von der anderen als sinnloses Prinzip schlechthin verworfen.

Es besteht zwischen beiden Partnern ein durchgehender Gegensatz in der Auffassung der Grundlagen des Daseins selbst, ein Gegensatz, der mit rein wirtschaftlichen Kräften nicht überwunden werden kann. Wenn, wie es der Fall ist, Beziehungen von Ursache und Wirkung zwischen der sittlichen und wirtschaftlichen Welt bestehen, muß ihre Weltordnung die sein, daß ersterer der Vorrang zukommt: der sittlichen Welt kommt es zu, mit ihrem Geist maßgebend auch die Gesellschaftswirtschaft zu durchdringen. Ist diese Rangordnung anerkannt und läßt man sie sich praktisch auswirken, dann wird auch die Wirtschaft, soweit sie kann, die sittliche Welt festigen, indem sie die geistig-sittlichen Voraussetzungen und die Kräfte des Friedens stärkt.

Anderseits könnte das wirtschaftliche Element dem Frieden ernste Hindernisse entgegenstellen, besonders dem kalten' Frieden, verstanden als Gleichgewicht der Gruppen, wenn die Wirtschaft mit irrigen Systemen einen der Partner schwächte. Das würde geschehen, wenn einzelne Völker einer Gruppe sich ohne Unterscheidung und Rücksicht gegenüber den andern der unaufhörlichen Steigerung der Produktivität und der dauernden Erhöhung der eigenen Lebenshaltung überließen. Unvermeidlich wäre in diesem Fall das Aufsteigen von Verstimmungen und Spannungen bei den anliegenden Völkern und infolgedessen die Schwächung der ganzen Gruppe.

Um aber von dieser Sonderüberlegung abzusehen, ist es notwendig, sich davon zu überzeugen, daß die internationalen Wirtschaftsbeziehungen insofern dem Frieden dienen werden, als sie den Forderungen des Naturrechtes gehorchen, sich von der Liebe beseelen lassen, Rücksicht auf die anderen Völker nehmen und Quellen der Hilfe sind. Man sei dessen sicher, daß in den Beziehungen der Menschen, auch in den rein wirtschaftlichen, nichts von selbst wird, wie es in der Natur geschieht, die notwendig wirkenden Gesetzen unterworfen ist, sondern daß alles im wesentlichen vom Geist abhängt. Nur der Geist, Ebenbild Gottes und Ausführer Seiner Pläne, kann auf Erden Ordnung und Einklang schaffen und er wird zum Ziele kommen in dem Maße, als er sich zum treuen Künder und gelehrigen Werkzeug macht des einen und einzigen Erlösers Jesus Christus: Er selbst ist der Friede.

Aber noch auf einem anderen Gebiet, einem noch heikleren als dem wirtschaftlichen, sind beide im kalten Frieden koexistierenden Partner im Irrtum: er geht auf die beseelenden Grundlagen der jeweiligen Einheit. Während der eine der Partner seinen festen inneren Zusammenhalt auf eine falsche, ja sogar menschliches und göttliches Recht verletzende, aber doch wirksame Idee gründet, scheint der andere zu vergessen, daß er schon eine hat, die, in sich eins, wahr, mit gutem Erfolg in der Vergangenheit erprobt ist, und sich politischen Grundsätzen zuzuwenden, welche offensichtlich auflösend auf die Einheit wirken.

Im letzten Jahrzehnt, dem nach dem Krieg, brachte ein großes Sehnen nach geistiger Erneuerung die Gemüter in Wallung: eine starke Einigung Europas schaffen, ausgehend von den natürlichen Lebensbedingungen seiner Völker, mit dem Zweck, den überlieferten Gegensätzen zwischen ihnen ein Ende zu machen und den gemeinsamen Schutz ihrer Unabhängigkeit und ihrer friedlichen Entwicklung zu sichern. Diese vornehme Idee gab der außereuropäischen Welt keine Veranlassung zu Anklage oder Mißtrauen, soweit sie, die außereuropäische Welt, Europa guten Willen entgegenbrachte. Es herrschte außerdem die Ueberzeugung, daß Europa leicht in sich selbst die treibende Idee zur Einheit gefunden hätte. Aber die späteren Ereignisse und die jüngsten Vereinbarungen, von denen man hofft, daß sie den Weg zum Frieden öffnen, haben den Leitgedanken einer größeren Einigung Europas nicht mehr zur Grundlage. Viele glauben in der Tat, daß die hohe Politik daran sei, zum Typ des Nationalstaates zurückzukehren, der, geschlossen in sich selbst, die Kräfte in sich zusammenballend, unruhig wechselnd in der Wahl seiner Bündnisse, ebenso schädlich wäre wie der im vergangenen Jahrhundert herrschende Typ.

Zu schnell hat man die ungeheuer gehäuften, von diesem Staatstyp erpreßten Opfer an Leben und Gut sowie die von ihm auferlegten, erdrückenden wirtschaftlichen und seelischen Lasten vergessen. Aber das Wesen des Irrtums besteht in der Verwechslung nationalen Lebens im eigentlichen Sinn mit der nationalistischen Politik: das erste, Recht und Ehre eines Volkes, kann und soll gefördert werden; die zweite, die Keim unendlicher Uebel ist, wird man nie genügsam abweisen. Das nationale Leben ist, in sich betrachtet, die Gesamtheit aller jener Kulturwerte, die eigentümlich und charakteristisch sind für eine bestimmte Gruppe und das Band ihrer geistigen Einheit bilden. Zugleich bereichert sie, diese geistige Einheit, als eigener Beitrag die Kultur der ganzen Menschheit. Seinem Wesen nach ist das nationale Leben also etwas Unpolitisches. Wie die Geschichte und die praktische Erfahrung beweisen, ist dies so sehr wahr, daß das nationale Leben sich neben anderen im Bereich desselben Staates entwickeln, sich aber auch über dessen politische Grenzen hinaus erstrecken kann. Das nationale Leben wurde zum Prinzip der Auflösung der Völkergemeinschaft erst dann, als man anfing, es als Mittel zu politischen Zwecken auszunützen, das heißt also, als der zentral organisierte Machtstaat das Nationale zur Grundlage seiner Expansion, seines Ausbreitungsdranges machte. Damit haben wir den nationalistischen Staat, Keim der Rivalität und Zündstoff für Zwietracht.

Wenn die europäische Gemeinschaft auf diesem Weg weiterginge, so ist es klar, daß sich ihr Zusammenhalt als sehr schwach herausstellen würde im Vergleich zu dem jener Gruppen, die ihr gegenüberstehen. Ihre Schwäche würde bestimmt offenbar werden am Tag eines zukünftigen Friedens, der die Aufgabe hätte, mit Klugheit und Gerechtigkeit die noch in Schwebe gebliebenen Fragen zu regeln. Man sage nicht, daß unter den neuen Verhältnissen die Dynamik des nationalistischen Staates keine Gefahr mehr darstelle für die übrigen Völker. weil ihm in der Mehrzahl der Fälle die entscheidende wirtschaftliche und militärische Kraft fehle. Denn auch die Dynamik einer eingebildeten nationalstaatlichen Macht, die mehr in Gefühlen zum Ausdruck kommt als in Taten, weckt gleicherweise Widerwillen, nährt das Mißtrauen und den Verdacht in den Bündnissen, verhindert das gegenseitige Verstehen und infolgedessen die ehrliche Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe — nicht mehr und nicht weniger als wäre sie im Besitz wirklicher Macht.

Was würde unter solchen Bedingungen aus dem gemeinsamen Band, das die einzelnen Staaten zu einer Einheit zusammenfügen sollte? Was könnte die große und wirksame Idee sein, die sie zuverlässig machte in der Verteidigung und nach einem gemeinsamen Kulturprogramm handelnd? Manche wollen sie in der einmütigen Ablehnung der Lebensform sehen, die der Freiheit Gewalt antut und der andern Gruppe eigen ist. Zweifellos, der Widerwille gegen die Sklaverei hat seine Bedeutung, aber er ist etwas Negatives und hat nicht die Kraft, die Menschen mit der gleichen Wirksamkeit zum Handeln anzuspornen wie eine positive und in sich geschlossene Idee. Eine solche könnte dagegen sein der Einsatz für die gottgewollte, ein Einklang'mit einer mit den Erfordernissen des Allgemeinwohls stehenden Freiheit, oder die Idee des Naturrechts als Grundlage des inner- und überstaatlichen Aufbaus. Nur diese und ähnliche geistig sittlichen Ideen, die schon seit vielen Jahrhunderten zum Erbgut des christlichen Europas gehören, können den Vergleich aushalten — und ihn auch übertreffen — in dem Maße, als sie lebendige Tat werden, mit der falschen, aber konkreten und kraftvollen Idee, 'die dem Anschein nach nicht ohne das Zutun der Gewalt den Zusammenhalt der anderen Gruppe schafft: die Idee eines irdischen Paradieses, erhoffte Wirklichkeit, sobald es gelänge, eine bestimmte Organisationsform des menschlichen Zusammenlebens , aufzubauen. Sosehr diese Idee eine Täuschung ist, es gelingt ihr doch, wenigstens äußerlich, eine geschlossene und harte Einheit herzustellen und von unwissenden Massen angenommen zu werden. Sie weiß ihre Anhänger zur Tat zu begeistern und sie zu Opfern zu verpflichten. Die gleiche Idee gibt ihrer Leitung in dem politischen Zusammenschluß, der sie sichtbar verkörpert, eine starke Macht der Verführung und ihren Anhängern die Verwegenheit, als Vortruppen die Reihen der anderen Gruppe zu durchsetzen.

Europa dagegen wartet noch auf das Erwachen eines eigenen Bewußtseins. In dem, was es als Erfahrung und Reife, als Organisation gesellschaftlichen Lebens und als Kultureinfluß darstellt, scheint es inzwischen in nicht wenigen Weltregiorten an Boden zu verlieren. In Wirklichkeit ist dieser Rückzug der seiner nationalstaatlichen Vertreter: Sie sind gezwungen, sich vor Gegnern zurückzuziehen, die sich gerade ihre Methoden zu eigen gemacht haben. Besonders bei gewissen Völkern, die bisher als Kolonialvölker galten, wandelte sich der Prozeß organischen Reifens zu staatlichem Eigensein, den Europa mit Umsicht und Eifer hätte lenken müssen, jählings in explosive Mischung von Nationalgefühl und Machtstreben. Es ist zuzugeben, daß auch diese unvorhergesehenen Brände zum Schaden für das Ansehen und die Interessen Europas, wenigstens zum Teil die Frucht seines schlechten Beispiels sind.

Handelt es sich für Europa nur um ein augenblickliches Versagen? — Auf jeden Fall, das, was bleiben muß und zweifellos bleiben wird, ist das echte Europa, die Fülle all der geistig-sittlichen und kulturellen Werte, die das Abendland angehäuft hat, schöpfend aus den Reichtümern seiner Einzelnationen, um sie der ganzen Welt auszuteilen. Europa wird nach den Fügungen der göttlichen Vorsehung auch noch weiterhin Hort und Spender dieser Werte sein können, wenn es versteht, sich auf sein eigenes geistiges Wesen zurückzubesinnen und der Vergötzung der Macht abzuschwören. Wie in der Vergangenheit die Quellen seiner Kraft und seiner Kultur in höchstem Grad christlich waren, so muß es sich zur Rückkehr zu Gott und den christlichen Idealen entschließen, wenn es die Grundlage und das Band seiner Einheit und seiner wahren Größe wiederfinden will. Und wenn jene Quellen teilweise vertrocknet zu sein scheinen, wenn jenes Band zu zerreißen und der Untergang seine Einheit zu zerbrechen droht, so fällt die geschichtliche oder jetzige Verantwortung auf beide Partner, die sich heute in angstvoller gegenseitiger Furcht gegenüberstehen.

Diese Gründe müßten für die Menschen guten Willens im einen wie im anderen Lager genügen, um zu ersehnen, zu beten und zu handeln, daß. die Menschheit frei werde vom Rausch der Macht und der Vormachtstellung und daß der Geist Gottes die Oberherrschaft über die Welt führe, wo einstmals der Allmächtige selbst kein anderes Mittel wählte, um die zu retten,,die Er liebte, als sich zum schwachen Kind in einer armen Krippe zu machen. „Denn ein Kind ist uns geboren und ein Sohn ist uns geschenkt, und Herrschaft ruht auf seiner Schulter“ (Is. 9, 6; vgl. Intr. der 3. Messe von Weihnachten).

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