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Wiederholt sich die Geschichte?

FOKUS
Kuba

Die Kubakrise und ihre Folgen für die kubanische Gesellschaft

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In Kuba etablierte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion eine Kriegswirtschaft ohne Krieg. Mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung, resümiert der Soziologe Manfred Krenn, der zwischen 2015 und 2017 in dem Inselstaat forschte. Die Skizze eines soziostrukturellen Niedergangs.

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In Kuba etablierte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion eine Kriegswirtschaft ohne Krieg. Mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung, resümiert der Soziologe Manfred Krenn, der zwischen 2015 und 2017 in dem Inselstaat forschte. Die Skizze eines soziostrukturellen Niedergangs.

Eines der gravierendsten (historischen) Handicaps Kubas und des Gesellschaftsprojekts seiner Revolution von 1959 war und ist die unmittelbare geografische Nähe zur Weltmacht USA. Die gescheiterten Interventionsversuche (Schweinebucht 1961) und danach anhaltende Interventionsdrohungen (zum Beispiel die Operation „Mongoose“) machten die Abwendung beziehungsweise das Überleben einer drohenden US-Intervention zu einem der vordringlichsten politischen Ziele der kubanischen Revolutionsregierung.

Dies mündete in die Raketenkrise von 1962. In einem hochriskanten und in gewissem Sinne auch unverantwortlichen Spiel mit dem Feuer, das die Welt an den Rand eines Atomkrieges brachte, gelang es, den Vereinigten Staaten Garantien für einen Verzicht auf eine direkte militärische Intervention abzutrotzen. Dass diese Befürchtungen nicht unberechtigt waren, belegt die Aussage des damaligen US-Verteidigungsministers Robert McNamara anlässlich einer Konferenz zur Aufarbeitung der Raketenkrise 1992: „Wenn ich damals ein kubanischer Führer gewesen wäre, ich würde eine US-Invasion erwartet haben.“

„Bunkermentalität“ in der Politik

Auch wenn es den USA – trotz jahrzehntelanger ökonomischer Blockade, wie Barack Obama eingestand – nicht gelang, einen Regimewechsel auf Kuba herbeizuführen, so hat die Politik der aggressiven Bedrohung doch deutliche Spuren im revolutionären Kuba hinterlassen.

Zum einen schränkte die Blockade die ökonomische Entwicklung des Landes empfindlich ein, vor allem, da die kubanische Wirtschaft vor 1959 in hohem Maße auf den US-amerikanischen Markt ausgerichtet war. Aber die weitaus folgenschwerere Auswirkung der US-Bedrohung war die zunehmende Militarisierung der kubanischen Gesellschaft. In der politischen Führung entwickelten sich eine Art „Bunkermentalität“ und eine Hypersensibilität gegenüber interner Kritik. Angesichts der (durchaus realen) äußeren Bedrohung machte sich eine Art Einheitsfetischismus breit, der interne Kritik mit (lebensbedrohlicher) Schwächung und Spaltung gleichsetzte.

Meiner Ansicht nach hat die militärische Bedrohung durch die USA weit höhere Schäden angerichtet als die ökonomische Blockade. Das kubanische Gesellschaftsprojekt avancierte seit Ende der 1960er Jahre vor allem durch seine Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik, die durchaus auch von internationalen Organisationen anerkannt wurden, zu einem vielbeachteten Modell für Länder des Globalen Südens. In diesen Bereichen erreicht(e) der Inselstaat Kennziffern auf dem Niveau der Wohlstandsgesellschaften des Globalen Nordens. Ein Sozialstaat im Globalen Süden war tatsächlich ein historisches Novum.

Allerdings waren diese Erfolge mit einem Schönheitsfehler behaftet: Der kubanischen Regierung gelang es zu keinem Zeitpunkt, die ökonomische Basis zur langfristigen Finanzierung dieser beispielhaften sozialen Reformen zu entwickeln. Deren Aufrechterhaltung verdankte sich vor allem der Unterstützung durch die Sowjetunion.

Eines der gravierendsten (historischen) Handicaps Kubas und des Gesellschaftsprojekts seiner Revolution von 1959 war und ist die unmittelbare geografische Nähe zur Weltmacht USA. Die gescheiterten Interventionsversuche (Schweinebucht 1961) und danach anhaltende Interventionsdrohungen (zum Beispiel die Operation „Mongoose“) machten die Abwendung beziehungsweise das Überleben einer drohenden US-Intervention zu einem der vordringlichsten politischen Ziele der kubanischen Revolutionsregierung.

Dies mündete in die Raketenkrise von 1962. In einem hochriskanten und in gewissem Sinne auch unverantwortlichen Spiel mit dem Feuer, das die Welt an den Rand eines Atomkrieges brachte, gelang es, den Vereinigten Staaten Garantien für einen Verzicht auf eine direkte militärische Intervention abzutrotzen. Dass diese Befürchtungen nicht unberechtigt waren, belegt die Aussage des damaligen US-Verteidigungsministers Robert McNamara anlässlich einer Konferenz zur Aufarbeitung der Raketenkrise 1992: „Wenn ich damals ein kubanischer Führer gewesen wäre, ich würde eine US-Invasion erwartet haben.“

„Bunkermentalität“ in der Politik

Auch wenn es den USA – trotz jahrzehntelanger ökonomischer Blockade, wie Barack Obama eingestand – nicht gelang, einen Regimewechsel auf Kuba herbeizuführen, so hat die Politik der aggressiven Bedrohung doch deutliche Spuren im revolutionären Kuba hinterlassen.

Zum einen schränkte die Blockade die ökonomische Entwicklung des Landes empfindlich ein, vor allem, da die kubanische Wirtschaft vor 1959 in hohem Maße auf den US-amerikanischen Markt ausgerichtet war. Aber die weitaus folgenschwerere Auswirkung der US-Bedrohung war die zunehmende Militarisierung der kubanischen Gesellschaft. In der politischen Führung entwickelten sich eine Art „Bunkermentalität“ und eine Hypersensibilität gegenüber interner Kritik. Angesichts der (durchaus realen) äußeren Bedrohung machte sich eine Art Einheitsfetischismus breit, der interne Kritik mit (lebensbedrohlicher) Schwächung und Spaltung gleichsetzte.

Meiner Ansicht nach hat die militärische Bedrohung durch die USA weit höhere Schäden angerichtet als die ökonomische Blockade. Das kubanische Gesellschaftsprojekt avancierte seit Ende der 1960er Jahre vor allem durch seine Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik, die durchaus auch von internationalen Organisationen anerkannt wurden, zu einem vielbeachteten Modell für Länder des Globalen Südens. In diesen Bereichen erreicht(e) der Inselstaat Kennziffern auf dem Niveau der Wohlstandsgesellschaften des Globalen Nordens. Ein Sozialstaat im Globalen Süden war tatsächlich ein historisches Novum.

Allerdings waren diese Erfolge mit einem Schönheitsfehler behaftet: Der kubanischen Regierung gelang es zu keinem Zeitpunkt, die ökonomische Basis zur langfristigen Finanzierung dieser beispielhaften sozialen Reformen zu entwickeln. Deren Aufrechterhaltung verdankte sich vor allem der Unterstützung durch die Sowjetunion.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Kuba auf sich zurückgeworfen. Die USA verschärften ihr Embargo, um dem taumelnden Erzfeind den Todesstoß zu versetzen.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des sozialistischen Staatenbundes wurde Kuba auf sich selbst zurückgeworfen, und die USA verschärften ihr ökonomisches Embargo (Torricelli- und Helms-Burton-Gesetz), um so dem taumelnden Erzfeind den vermeintlichen Todesstoß zu versetzen. Es folgte ein von der Führung (euphemistisch) als periodo especial en tiempos de paz (Sonderperiode in Friedenszeiten) ausgerufener brutaler Überlebenskampf einer ganzen Gesellschaft – eine Kriegswirtschaft ohne Krieg.

Obwohl das politische System überlebte, hat sie das Land bis auf seine Wurzeln erfasst und unwiderruflich verändert. Die von Beginn an strukturell angelegten ökonomischen Probleme schlugen nun mit voller Wucht auf die kubanische Gesellschaft und die Lebensverhältnisse der Bevölkerung durch. Die heutige kubanische Gesellschaft und ihre Widersprüche sind ohne den deep impact des periodo especial, dessen Schockwellen dreißig Jahre danach noch immer anhalten, nicht angemessen zu verstehen.

Die „Sonderperiode in Friedenszeiten“ hat in einem durchaus als heroisch zu bezeichnenden Akt der kubanischen Bevölkerung das Überleben des politischen Systems auf Kuba gesichert, aber gleichzeitig auch die Büchse der Pandora geöffnet, der unter anderem folgende Phänomene entwichen sind: steigende soziale Ungleichheit und die Zunahme von (integrierter) Armut (sodass man von einer Gesellschaft von working poor sprechen kann); die Ausbildung eines riesigen parasitären Schwarzmarktes; die Ausbreitung einer alle Ebenen durchdringenden systematischen Korruption; der Verfall der Infrastruktur; die Ausbreitung des Sextourismus; die massenhafte, wirtschaftlich motivierte Migration gut ausgebildeter Fachkräfte; der Verfall ethisch-moralischer Standards; die Entfremdung großer Teile der Bevölkerung vom Projekt der Revolution – um nur einige Beispiele zu nennen.

Arznei und Lebensmittel knapp

Der Aufbau des (Massen-)Tourismus, die Zulassung von remesas (Geldüberweisungen) von Exilkubaner(inne)n an Familienmitglieder und der „Export“ von Ärzt(inn)en und Lehrer(inne)n führten zu einer Entschärfung der akutesten wirtschaftlichen Krise, wenngleich die Situation insgesamt trotzdem prekär blieb. Ein weiteres zentrales Problem besteht darin, dass die kubanische Regierung ihr wirtschaftspolitisches Heil im ungezügelten Ausbau des Massentourismus sucht(e), was – wie kubanische Ökonomen, etwa Pedro Monreal oder Pavel Vidal, kritisieren – in Bezug auf die historische Schieflage der Wirtschaftsstruktur des Landes nichts Entscheidendes änderte.

Es war vielmehr die Ablösung der Monokultur des Zuckers durch die Monokultur einer globalen Dienstleistung, des Massentourismus. In die Landwirtschaft wurde hingegen vergleichsweise wenig investiert. Die hohe Anfälligkeit dieses wirtschaftspolitischen Ansatzes wurde schlagartig durch die Covid-19-Pandemie offenbar, die ein ohnehin unter 30 Jahren Mangelwirtschaft leidendes Land mit voller Wucht traf und an den Rand des Absturzes brachte. Das Ausbleiben der Tourismuseinnahmen entzog dem Land die wichtigste Deviseneinnahmequelle und stürzte es in an den traumatischen periodo especial erinnernde Zustände: bis zu elfstündige tägliche Stromabschaltungen außerhalb Havannas, drastische Lebensmittel- und Medikamentenknappheit (auch Schmerzmittel und Antibiotika).

Diese untragbare Situation hat einerseits zu den massiven Demonstrationen des 11. Juli 2021 geführt. Andererseits löste sie einen neuen Schub an Massenmigration – vor allem in die USA – aus. Wer (es sich leisten) kann, verlässt (wieder einmal) das Land. Auch wenn man bei der Analyse der Entwicklung des kubanischen Projekts zweifellos den deformierenden Einfluss der aggressiv-feindlichen Politik der USA, der weit über die umfassende ökonomische Blockade hinausgeht und die benachteiligte Stellung als Land des Globalen Südens, in Rechnung stellen muss, so scheiterten die im Zuge des Projekts entwickelten gesellschaftlichen Strukturen (zentrale Planwirtschaft, paternalistisch-autoritäre Herrschaft) letztlich auch an den eigenen Ansprüchen.

Ein universal zugängliches Gesundheitssystem ist ohne Zweifel ein wichtiger Eckpfeiler humaner Gesellschaften, aber kein Synonym für soziale Sicherheit. Eine hohe Lebenserwartung verliert an Wert, wenn die Erwartungen an das eigene Leben niedrig sind, wenn „die Gesellschaft ganz allmählich ihr Morgen verliert“ (Paul Valéry).

Der Autor ist Arbeitssoziologe und arbeitet bei "Diskurs. Das Wissenschaftsnetz". Jüngste Publikation: „Die Haare des Kaiman. Kuba – Nahaufnahmen einer desillusionierten Gesellschaft“ (Sonderzahl 2019).

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