Václav Havel spricht auf dem Wenzelsplatz zum Volk  - © Foto: Getty Images / Sovfoto / UIG
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Die Revolte frisst ihre Helde

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 30 Jahren begann der Fall des Eisernen Vorhangs mit politischen Wundern im Osten und einem epochalen Versagen im Westen. Ein Essay.

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Vor 30 Jahren begann der Fall des Eisernen Vorhangs mit politischen Wundern im Osten und einem epochalen Versagen im Westen. Ein Essay.

Die Freiheit ist ein Gefühl, das nur jene zu schätzen wissen, die sie wirklich am eigenen Leib verspürt haben. Václav Havel, der Freiheitsheld, hat sie mehrfach erfahren. Politisch 1989. Aber noch deutlicher viel später. Die Geschichte ist eigentlich eine Anekdote, die sich in seinem Privathaus in Prag abgespielt hat, als Havel längst schon ein gefeierter Präsident Tschechiens war. Der Erste Mann im Staat ging oft und gerne in die Sauna. Aber eines Tages, wie das Unglück so spielt, schloss er sich darin ein. Es wurde immer heißer und heißer, das Leid Havels unerträglich. Und nachdem er niemanden um Hilfe rufen konnte, beschloss der Präsident, alle seine Kräfte zusammenzunehmen und warf sich gegen die Tür. Das Glas zerbarst, die Tür fiel aus den Angeln und Václac Havel war frei.

In diesem Sinn muss man sich die Staaten des ehemaligen "Ostblock" am Vorabend der Revolution 1989 vorstellen: Als Gefängnisse, in denen der Druck unerträglich wird: Die wirtschaftliche Lage erodiert. Die Nomenklaturen und Staatsführungen Polens, der ČSSR, Ungarns und Bulgariens sind ein Ab-und Sinnbild einer politischen Sklerose -lahm, überaltert, jeden Fortschritt erstickend. Die Eingeschlossenen wehren sich. Bald werden die Türen zur Freiheit eingetreten sein. Von Václav Havel, von Lech Wałęsa und vielen Hunderttausenden.

Aber was dann? Was wurde aus jenen, die die Tore zur Freiheit aufstießen? Warum fürchten Menschenrechtsorganisationen 30 Jahre danach den Rückfall in den Autoritarismus in Polen und Ungarn, in ein politisches Chaos in Tschechien? Wie konnte es nach diesem glorreichen Gestern zu einem solchen Heute kommen? Ich will eine nicht gerade gängige und nicht gerade angenehme Deutung vorschlagen. Nicht die PiS, nicht Orbán oder der zwielichtige Millionär Babiš sind schuld. Sie sind nur Figuren. Aber im Großen versagte der Westen am Osten, nicht umgekehrt, wie oft gesagt -der Osten an der Demokratie.

Lech und Václav

Die Saga beginnt heute vor 30 Jahren in Warschau mit Schein-Wahlen, die ein eindeutiges Ergebnis bringen und einen eindeutigen und offenen Wahlbetrug. Damals, am 4. Juni 1989, durfte nach mehr als 20 Jahren des Konflikts das polnische Volk ein Parlament wählen und sich dabei auch für eine Reformbewegung, die sich aus der Solidarnosc-Bewegung um Lech Wałęsa gebildet hatte, entscheiden. Die Bürger gaben den Reformern zu 100 Prozent ihre Stimmen. Aber die Sitze in der Sejm wurden zu 60 Prozent dem Regime zugeschrieben. Das war einer der Funken, der sich mit anderen paaren sollte. Einer dieser anderen Funken war die Erklärung Michail Gorbatschows, die Völker sollten alleine über ihre Zukunft bestimmen können, die ebenfalls in diesen Tagen vor 30 Jahren geschah. Dieser Satz gilt noch immer. Nur anders, als wir das erwartet haben.

"Ich bin kein Held", rief Václav Havel im November 1989 den Hunderttausenden auf dem Wenzelsplatz zu. Vielleicht war er tatsächlich kein Held, aber er wurde dorthin gehoben, weil er sein Leben und seine Gesundheit schon jahrzehntelang dem Widerstand gegen dieses System geopfert hatte. Weil es ihm egal war, ob seine Hoffnungen sich erfüllten oder nicht, solange er diese Hoffnungen nur hatte. Wer, wenn nicht so einer, ist ein Held? So wurde ein Poet Präsident und in Polen wurde ein Mechaniker Präsident. Vor den ungläubig staunenden Augen des Westens übernahmen die Bürger die Macht, nicht die Großbürger, nicht die Besitzenden. Das war nicht einmal in Frankreich 1789 passiert.

Und hinter dem Poeten stand eine wildgemischte Garde. Wer Englisch sprach (Michal Žantrovský), übernahm die Außenpolitik, einer der Wirtschaft in Amerika studiert hatte, sollte nun eine Volkswirtschaft neu aufsetzen (Václav Klaus). Die alten Kollegen aus den aktionistischen Tagen von "Plastic Universe" (eine tschechische Untergrundband) besorgten den Rest. Auf der Prager Burg hielt nach den Kommunisten eine Truppe Einzug, die sich selbst "ein Sack Flöhe" nannte. Und die Welt war begeistert. Von wegen "Expertenkabinett": Ab 1989 regierten, in revolutionärem Überschwang erfolgreich, ein Theatermacher mit einer Journalistin (Eda Kriseová), einem Fürsten (Karel Schwarzenberg) und einer ehemaligen Kunstturnerin (Věra Čáslavská) auf der Prager Burg. Und was sagte das Volk dazu? Überschwängliche Zustimmung. Niemand sprach von instabilen Verhältnissen.

Die Völker sollten alleine über ihre Zukunft bestimmen können. Der Satz gilt noch immer. Nur anders, als wir das erwartet haben.

Aber was sie und die jeweiligen Regierungen betraten, war absolutes Neuland. Havel saget einmal: "Solange wir um die Freiheit kämpfen mussten, kannten wir unser Ziel. Jetzt haben wir die Freiheit und wissen gar nicht mehr so genau, was wir wollen." Als Havel im alten Anzug mit viel zu kurzen Hosen seine erste militärische Parade abschritt, war das schon klar zu sehen: Die Zeit der Berater würde kommen und sie kam rasch -nicht nur in Stilfragen. Und die ehemaligen Helden des Widerstands gaben das auf, was sie am besten konnten: Ihr Talent und ihre Fähigkeit zum Widerspruch. Kein österreichischer, kein französischer, kein italienischer Kanzler hätte akzeptiert, was die Regierungen Tschechiens, der Slowakei und Polens ihren Landsleuten aufbürdeten. Keine Öffnung der Wirtschaft erfolgte so unsanft wie jene der neuen Märkte Europas. In Polen und Bulgarien schoss die Arbeitslosigkeit bis 2001 auf 20 Prozent nach oben, in Tschechien von null auf zehn.

Die Berater für das Wirtschaftswunder von Václav Klaus und anderen Premiers kamen vom Internationalen Währungsfonds, von der Weltbank. Und sie berieten in Prag und Warschau, in Bulgarien und Ungarn, wie sie zuvor schon wirtschaftlich rückständige Staaten und später Griechenland beraten sollten. Herunter mit den Sozialausgaben, herunter mit staatlichen Dienstleistungen und weg mit dem Beamtenheer. Das war zwar dem Rechenstift nach richtig. Aber hätten die Revolutionäre fragen müssen, was tun mit den Betroffenen? Was tun mit den Pensionisten und jenen, die nun keiner mehr brauchte? Das Modell war jung: Die Schaffung neuen Reichtums einer neuen Generation. Das Modell war aber auch sehr alt: es teilte in jene, die erfolgreich waren und jenen, die auf der Strecke blieben. Vor allem die Alten wurden finanziell vernachlässigt, dazu in Mitschuld an der Diktatur gebadet und in die Arme der Restkommunisten getrieben. So wurde die Freiheit zweideutig.

Freiheit, die sie nicht meinten

Havel und Wałęsa hatten gemeint, dass die Freiheit des Einzelnen nichts ist, wenn nicht alle frei sind. Aber nun kamen Menschen, die meinten, in Zukunft sei Freiheit, möglichst viel Geld zu erobern. Aber dafür braucht es kein Gewissen. Die schönen Worte von damals wurden sauer unter dem Eindruck des Neuen, und dann auch unbequem. Die Zuneigung zu den Revolutionären ging verloren.

Lech Wałęsa hatte bei den Wahlen 1990 beinahe 75 Prozent der Stimmen erreicht. Im Jahr 2000 waren es nur noch 1,01 Prozent. Auch Havel, der die Wiederwahl 1998 erst in zweiter Runde schaffte, wurde oft schwermütig: "Die Tragik ist nicht, dass der Mensch immer weniger über den Sinn des Lebens weiß, sondern dass ihn das immer weniger stört." Und der Westen, also "wir"?"Wir" träumten auch, benutzten das Wunder von 1989 zu oft für politische Zwecke, für die EU und dann auch gegen sie. Die Revolution wurde in diesem Sinn von der Politik mit zu vielen Wassern gewaschen. Dabei hätte sie uns waschen sollen. Das ist vielleicht der größte Fehler Europas in den vergangenen 30 Jahren.

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