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Die Vertreibung der Erben von Arakan

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Sie kommen immer noch in Scharen zu mehr als tausend Menschen jeden Tag über den Fluss Naf, der Myanmar und seine Provinz Rakhaing trennt. Seit August sind nun nach Angaben von UNO und NGOs insgesamt 800.000 Menschen der muslimischen Minderheit der Rohingyas über die Grenze von Myanmar nach Bangladesch geflohen. Die Zustände in den Flüchtlingslagern wie etwa in Balukhali und in Cox Bazaar beschreiben Care und Rotes Kreuz als "katastrophal".

In den Feldlazaretten werden auch zahlreiche Mädchen und Frauen behandelt, die von den Soldaten in Myanmar systematisch vergewaltigt wurden. Mitglieder einer Beobachtungsmission der Vereinten Nationen zeigten sich schockiert über die Übergriffe gegen zum Teil erst zehn Jahre alte Kindern. Vertreter der Regierung Bangladeschs sprachen vom "größten Exodus aus einem einzelnen Land seit dem Genozid 1994 in Ruanda". Inzwischen scheinen die Angriffe der Armee gegen Siedlungen der Rohingyas unvermindert weiter zu gehen -und das trotz gegenteiliger Versicherungen der Regierung in Rangoon und der Quasi-Präsidentin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Nach wochenlangen Bemühungen um eine Beruhigung der Lage und für einen Rückzug der Armee in ihre Kasernen, steigt nun der internationale Druck auf die Regierung Myanmars. Nach der Europäischen Union, die schon Mitte Oktober die Beziehungen zur Armee Myanmars abgebrochen und ein Einreiseverbot gegen die Generäle verhängt hatte, treten nun auch die USA auf den Plan. Armeeangehörige, Einzelpersonen und Bürgerwehren, die sich an den Massakern beteiligen, sollen "zur Rechenschaft gezogen werden", wie es in einer Aussendung des US-Außenministeriums heißt.

All dies ist die grausame Oberfläche eines Konflikts, der für Außenstehende oft als ein sehr schwer zu durchschauender ethnischer Konflikt dargestellt wird. So rechtfertigt sich die Führung in Rangoon damit, die Rohingyas hätten sich unrechtmäßig auf dem Gebiet Myanmars niedergelassen, ihre Terrorgruppen würden Angst und Schrecken verbreiten und sie würden zurecht als Staatenlose behandelt. Doch diese Darstellung hält einer geschichtlichen Recherche kaum stand.

Über Jahrhunderte hatten die muslimischen Rohingyas, Nachfahren von arabischen Seefahrern und Ureinwohnern der Küsteregion und die buddhistischen Rakhines relativ friedlich in der Region nebeneinander gelebt, die längste Zeit über in einem eigenen Staat, dem Königreich Arakan, von den Einheimischen Rohang genannt. Muslime sind in der Region spätestens um das Jahr 1400 in führenden Positionen nachweisbar. Dieses Reich hatte im Lauf seiner mehrhundertjährigen Geschichte Muslime, Buddhisten und Hindus als Herrscher.

Arakan war bekannt für seine internationalen Handelsbeziehungen mit Indien, Arabien und Portugal. Der Herrschaftsbereich der arkanischen Könige erstreckte sich teilweise über Bengalen und große Teile des heutigen Myanmar. Die Eroberung und Zerstörung des Staates und seiner Hauptstadt Mrauk U durch den birmanischen König Bodawpaya im Jahr 1784 brachte eine vollkommene Zerstörung der muslimischen Tradition mit sich und die Verschleppung und Vertreibung von 200.000 Menschen aus dem Gebiet.

Vertreibung und Rückkehr

Als die Briten 1826 die Provinz als einen Teil Burmas übernahmen, zählten sie 60.000 Buddhisten, 30.000 Muslime und 10.000 Birmesen. Aus dieser Zeit des relativen Friedens datiert auch eine größere Rückkehrerwelle von Rohingyas, die seit Generationen im Exil in Chittagong in Bangladesch gelebt hatten.

Doch bei den Burmesen waren die Rohingyas nie willkommen. Die Massaker an ihnen haben seit 1942 traurige Tradition. Damals marschierten mit den erobernden japanischen Truppen auch Nationalisten der Burma Unabhängigkeitsarmee in Arakan ein und vertrieben oder töteten 180.000 Menschen. 294 Dörfer wurden damals zerstört. Nach dem Krieg war den Rohingyas von den Briten, denen die Muslime im Weltkrieg geholfen hatten, ein unabhängiges Territorium versprochen worden. Dieses Versprechen wurde schon 1948 bei der Rückgabe Arakans an Burma gebrochen. Seither radikalisierte sich die Politik auf allen Seiten, Kommunisten kämpften gegen Nationalisten und alle beide gegen islamische Terrorgruppierungen der Rohingyas.

Auch die jüngste Gewaltwelle entzündete sich an einem Überfall von Rohingya-Extremisten auf einen Armee-Stützpunkt. Die Armee reagierte mit der gleichen Taktik wie ihre Vorläufer 1942: Brandschatzung und Plünderung der Armee in Kollaboration mit regionalen buddhistischen Rakhine-Milizen. Ähnliche Massaker ereigneten sich im März 1978 und 1991/92. Und heute wie damals scheinen die Möglichkeiten der Weltpolitik, eine Befriedung der Lage herzustellen, äußerst gering zu sein.

Mord, Vergewaltigung und Massenvertreibung gegen die Rohingyas haben seit 1942 traurige Tradition -Burma geriert sich als Besatzungsmacht.