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Die Welt wird ärmer

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Das Europagespräch lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit einmal mehr auf einen Themenkreis, der in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnt: auf die Zerstörung unserer Umgebung. Zur Umgebung des Menschen gehört auch die Tierwelt. Pro Jahr stirbt durchschnittlich eine größere Tierart aus, schätzungsweise 1000 Arten sind unmittelbar vom Untergang bedroht. Ihre Bettung wird immer mehr zu einem der zentralen Themen von Verhaltensforschung, Zoologie und Tiergartenwesen. Noch vor wenigen Jahrzehnten hat man sich die Bettung einer bedrohten Art sehr viel einfacher vorgestellt als sie ist. Damals glaubten die Zoologen, es genüge, in den Besitz eines vermehrungsfähigen Paares zu kommen, um das Uberleben der Art wenigstens im Zoo sicherstellen zu können.

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Das Europagespräch lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit einmal mehr auf einen Themenkreis, der in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnt: auf die Zerstörung unserer Umgebung. Zur Umgebung des Menschen gehört auch die Tierwelt. Pro Jahr stirbt durchschnittlich eine größere Tierart aus, schätzungsweise 1000 Arten sind unmittelbar vom Untergang bedroht. Ihre Bettung wird immer mehr zu einem der zentralen Themen von Verhaltensforschung, Zoologie und Tiergartenwesen. Noch vor wenigen Jahrzehnten hat man sich die Bettung einer bedrohten Art sehr viel einfacher vorgestellt als sie ist. Damals glaubten die Zoologen, es genüge, in den Besitz eines vermehrungsfähigen Paares zu kommen, um das Uberleben der Art wenigstens im Zoo sicherstellen zu können.

Heute weiß man, daß das Ende oft auch dann nicht mehr aufzuhalten ist, wenn noch dutzende, in manchen Fällen hunderte Exemplare einer Tierart leben. Der Zoo kann zwar zur Arche Noah werden, aber wie die biblische Arche Noah nur zu einer Zuflucht auf begrenzte Zeit, nicht mehr. Nachkommen von Zootieren zeigen schon nach ganz wenigen Generationen Domestikationserscheinungen, an Wölfen wurden Degenerationserscheinungen schon in der zweiten Zoogeneration festgestellt. Erst ändert sich das Verhalten, dann auch das äußere Erscheinungsbild. Aus Wildtieren werden Haustiere. Es gibt kein Mittel dagegen.

Daher ist das Schicksal einer Tierart besiegelt, wenn es nicht gelingt, sie auch in der freien Wildbahn zu erhalten oder wieder heimisch zu machen. Um das zu erreichen, werden mitunter bedeutende finanzielle und personelle Aufwendungen eingesetzt, freilich minimale Mittel, wenn man sie mit den wirtschaftlichen Interessen vergleicht, die in vielen Fällen dazu geführt haben, daß die Arten in Bedrängnis gerieten.

Ein Musterbeispiel für die Rettung einer fast schon ausgestorbenen Art ist die Erhaltung der Hawaii-Gans. Sie ist ein Bodenbrüter und wurde von verwilderten Hunden und Katzen bis an den Rand der Vernichtung dezimiert. Die Hawaii-Gans ist nicht scheu, so wie sehr viele Tierarten, die lange Zeit auf Inseln von der Außenwelt isoliert waren und keine Feinde kannten. 1947 lebten noch 30 Hawaii-Gänse in Freiheit, etwa das Doppelte des in sämtlichen Zoologischen Gärten vorhandenen Bestandes. Eine Kommission, die von den Tiergärten zur Rettung der Hawaii-Gans gegründet wurde, überwachte das Einfangen sämtlicher noch freilebenden Hawaii-Gänse und deren Aufteilung auf die Zoologischen Gärten mit den günstigsten klimatischen und personellen Voraussetzungen. Die Tiere wurden sozusagen in Pflege gegeben, blieben aber Eigentum der Kommission. Unterdessen wurde im alten Verbreitungsgebiet ein eingezäuntes Gebiet geschaffen, in dem ein Teil der Nachkommen der eingefangenen Hawaii-Gänse ausgesetzt wurde und wo sie sich langsam an das Vorhandensein von Feinden anpassen konnten. Die Hawaii-Gans gilt heute als gerettet.Vom amerikanischen Schreiikranich gibt es in allen Zoos der Welt insgesamt sieben Stück, die beim großen Zug der Schreikraniche zurückgeblieben und eingefangen worden sind. In Freiheit leben höchstens noch 50 Vertreter dieser Art. Sie durchqueren Jahr für Jahr den größten Teil des nordamerikanischen Kontinents, einmal vom Norden nach Süden, dann zurück. Sportflugzeuge bewachen den Zug, die Flugsicherung wird eingeschaltet, Wetterprognosen werden eingeholt,“um den Zug auf einen harmlosen Kurs abdrängen zu können, falls sie in einen Wirbelsturm zu geraten drohen. Möglicherweise wird eines Tages zur Rettung dieser Tiere eine ähnliche Aktion stattfinden wie bei der Hawaii-Gans, allerdings würde sie technisch auf viel größere Schwierigkeiten stoßen. Aller Idealismus, der zur Rettung einzelner Arten aufgewendet wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie wenig Spielraum diesem Idealismus von zwei übermächtigen Faktoren gelassen wird. Der eine dieser Faktoren ist die immer weitergehende Landnahme durch den Menschen, das Umsichgreifen der Siedlungen, vor allem aber der Industriereviere. Die überwiegende | Mehrzahl der Arten wird nicht von böswilligen Einzelexemplaren der Gattung homo sapiens ausgerottet, sondern fällt der Vernichtung ihres Lebensraumes zum Opfer. Der zweite Faktor ist der absolute Primat der wirtschaftlichen Interessen, dem von einer bestimmten Größenordnung aufwärts jedes andere Interesse geopfert wird.

Die überwiegende Mehrzahl der Zoologen ist beispielsweise fest davon überzeugt, daß es für die Rettung des größten lebenden Säugetieres der Welt bereits zu spät und daß der Blauwal unwiederbringlich verloren ist, obwohl er noch immer gesichtet, getötet und verarbeitet wird. Die endgültige Antwort hängt davon ab, ob die Blauwale in ihrem riesigen Lebens räum zu selten geworden sind, um einander zum Zwecke der Arterhaltung oft genug zu begegnen. Man kann die Blauwale nicht einfangen und in Becken aussetzen. Und die riesigen schwimmenden Fabriken sind weiter am Werk. Internationale Einigungen zur Beschränkung der Abschußquoten werden immer wieder durchbrochen, von bestimmten Ländern nicht einmal unterzeichnet. Auch werden die Abschußquoten unter politisch-wirtschaftlichem Druck ohnehin regelmäßig zu hoch angesetzt. Offensichtlich ist der Wert eines einzelnen toten Wales zu hoch, um den Blauwal als Art retten zu können. Viele Tierarten wurden im 20. Jahrhundert entdeckt und auch schon wieder fast ausgerottet. Das Okapi zum Beispiel dürfte sich unmittelbar in Gefahr befinden. Unwiederbringlich verloren sind Quagga, Dodo, Großalke, blaue Antilope. Der Beu-tettwolf konnte hüpfen wie ein Känguruh, war gestreift wie ein Zebra, trug seine Jungen in einem Beutel spazieren und besaß das kräftigste Gebiß unter allen Landsäugetieren. Er war der Schafzucht im Weg. 1909 wurde eine Kopfprämie für jeden abgeschossenen Beutelwolf ausgesetzt. 1931 starb der letzte gefangene Beutelwolf im Londoner Zoo. 1938 fand eine Expedition, die in den tas-manischen Dschungel aufbrach, um nach Spuren überlebender Tiere zu fahnden, nur noch Fußspuren. Vor wenigen Jahren wollte jemand eine frische Beutelwolfspur gesehen haben. Wieder brach eine Expedition auf. Ergebnislos.

Der Zebra-Ducker, ein kleiner, zum Klettern im Geäst ausgerüsteter Vierfüßler, wurde 1929 erstmals bekannt, als ein Forscher einen Teil eines Kopfes und ein paar Fellstücke nach Europa brachte. Heute zittert man auch um dieses Tier. Ein klassischer Fall ist der Komodo-Waran, die größte lebende Echse. Er lebt auf den Komodo-Inseln und wie beim Okapi, wie beim Zebra-Ducker, wie beim Beutelwolf und jedem anderen Tier, das als „Inselpopulation“ in einem engen Verbreitungsgebiet lebt, kann jede Veränderung in diesem Gebiet das Ende bedeuten. Dem Komodo-Waran geht es wie den Elefantenschildkröten auf den Gala-pagos-Inseln: Dem ausgewachsenen Tier können die wildernden Hunde und Schweine nichts anhaben. Aber sie machen die Aufzucht der Brut so gut wie unmöglich. Der Nachwuchs hat keine Chance.

Jedem, der den Film „Die letzten Paradiese“ gesehen hat, werden die drei Meter langen, an einer Beute zerrenden Komodo-Warane unvergeßlich sein.

Junge Orang-Utans aus Borneo werden einstweilen reichlich angeboten. Aber für jeden dieser Orangs wurden dutzende Tiere geopfert. Denn um einen jungen Orang zu fangen, schießt man einfach das Muttertier tot. Auf jeden in Europa verkauften Orang kommen im Durchschnitt vier, die den Transport nicht überlebt haben. Ferner muß man in die Verlustrechnung auch die Mütter dieser auf dem Transport zugrunde gegangenen Jungtiere sowie all die Jungen, die sie in ihrem Leben noch zur Welt gebracht hätten, einsetzen. Das ist ein Aderlaß, der schnell zu einem galoppierenden Dahinschwinden der Art führen kann. Die Zoologischen Gärten kaufen keine frisch importierten Orangs mehr. Aber es gibt genügend andere Käufer. Auch der Gorilla wird seltener, niemand weiß, wann es soweit sein wird, daß man auch um seine Existenz bangen muß. Vielleicht wird man eines Tages in Gefangenschaft geborene Menschenaffen im Urwald aussetzen. Aber niemand weiß, wie man es ihnen beibringen soll, sich in der ungewohnten Umgebung zu behaupten. Menschenaffen sind Gemeinschaftstiere, deren Verhalten in einem fast so großen Ausmaß wie das des Menschen durch Lernen und Vorbild programmiert wird, kaum etwas von dem, was sie im Urwald wissen und können müssen, ist ihnen angeboren. „Ungelernte“ Weibchen von Menschenaffen sind im Zoo vollkommen hilflos, wenn sie Nachwuchs bekommen. Hiflos wie eine Frau, die nie gesehen hat, wie sich andere Mütter ihren Babys gegenüber verhalten.

Aus dem Burgenland verschwindet die Großtrappe, weil ihr der „Sicherheitsabstand“ von einem Kilometer, den sie zwischen sich und dem nächsten Menschen benötigt, kaum irgendwo geboten werden kann. In der DDR ist ein Projekt zur Rettung der letzten Elbe-Biber im Gang, dessen Ergebnis noch nicht bekannt ist. Alles hängt in solchen Fällen davon ab, ob der Mensch bereit ist, einen Rest des angestammten Lebensraumes zu respektieren. Menschliche Unvernunft, die viele Tierarten sinnlos dezimiert, kann durch Erziehung bekämpft werden. Wo mit einigen Millionen ein Tier gerettet werden kann, gibt es noch Chancen. Wo aber die Interessen gewinnträchtiger, hochindustrialisierter und großzügig investierender Wirtschaftszweige auf die der Tierschützer prallen, ist der Kampf verloren, bevor er begonnen wurde.

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