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"Dieser Schrott ist Gift“

Umweltaktivist Mike Anane über westlichen Elektromüll in seiner Heimat Ghana - und das Versagen der Politik.

Laut einer aktuellen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO besteht der weltweit am schnellsten wachsende Müllberg aus Elektroartikeln. Schätzungen zufolge sind es über 41 Millionen Tonnen, die pro Jahr anfallen. Mike Anane, Umweltaktivist aus Ghana, kämpft seit Jahren gegen giftigen Elektroschrott, der illegalerweise von Industrieländern in die Dritte Welt verschifft wird. Der 50-Jährige (?) wurde dafür von der UNO mit dem Umweltpreis "Global 500“ ausgezeichnet und arbeitet unter anderem für die internationale Menschenrechtsorganisation FIAN (Food First Information And Action Network).

Die Furche: Herr Anane, wie gelangt der Elektromüll nach Ghana?

Mike Anane: Ghana ist eines der Länder in Afrika, die sich wirtschaftlich gesehen am schnellsten entwickeln. Zahlreiche Schiffsladungen landen täglich in Ghana, jedoch gibt es zu wenig Personal, um die Ware zu kontrollieren. Auf diese Weise gelangen illegale Waren zu uns, aber auch in andere Länder wie Nigeria. Niemand will den Schrott bei sich haben. Also schicken sie ihn zu uns.

Die Furche: Woher kommt der Müll?

Anane: Aus den USA, Holland, Großbritannien, Deutschland und auch aus Österreich - letztendlich aus allen Industrieländern. Ich habe mit der BBC zusammen gearbeitet, die in einer Recherche TV-Geräte mit Routen-Kontrollgeräten versahen; die Fernseher wurden von Recycling-Unternehmen nach Ghana geschickt. Die Gründe liegen auf der Hand: Eine saubere Entsorgung ist oft teuer und die Geräte einfach zu verschicken, kommt billiger. Dazu braucht es natürlich Händler, die solche Deals abwickeln.

Die Furche: Gibt es auch Geräte, die noch funktionieren?

Anane: Neun von zehn Rechnern, die bei uns ankommen, sind Schrott. Der Rest wird von Händlern weiterverkauft, ein Großteil der Geräte ist aber nach kurzer Zeit auch kaputt.

Die Furche: Was passiert mit dem Elektromüll in Ghana?

Anane: In Accra, der Hauptstadt von Ghana, türmen sich alte Geräte zu enormen Müllbergen. Kleine Kinder klettern mit bloßen Füßen über Scherbenhaufen, um Reste wertvoller Metalle aus alten Computern zu finden. Jugendliche zerlegen die Geräte und verbrennen die Überreste, um an die Kupferkabel zu kommen. Tagtäglich sind diese Kinder und Jugendlichen giftigen Dämpfen ausgesetzt. Die erbeuteten Teile werden für einen Hungerlohn weiter verkauft.

Die Furche: Welche Auswirkungen hat das auf diese Kinder?

Anane: Es gibt Kinder, die Tag für Tag Computer auseinanderbrechen, um an die wertvollen Teile zu gelangen und sich dabei mit Blei vergiften. Achtjährige haben oft den IQ eines Dreijährigen. Greenpeace-Mitarbeiter haben vergangenes Jahr hier Bodenproben genommen: Sie fanden Dioxine, Furane, polychlorierte Biphenyle, Blei und Kadmium - einen hochgefährlichen Giftcocktail, der Krebs auslösen kann, die Leber schädigt, die Nieren und die Gehirne - gerade bei Kindern. Und die Kinder arbeiten dort jeden Tag, manche sind erst fünf oder sechs Jahre alt.

Die Furche: Gibt es Auswirkungen auf die Umwelt?

Anane: Es gibt einen Fluss und eine Lagune, die durch den Müll vergiftet werden. In der Regenzeit wird das ganze Gift in den Atlantik gespült, dort gelangt es in die Fische und dadurch letzendlich wieder zu den Menschen.

Die Furche: Wie reagiert die Politik in Ghana darauf?

Anane: Die Regierung hat diese Praxis verurteilt und die Industrieländer gebeten, ihren Elektromüll nicht mehr hier zu deponieren. Bisher leider ohne Erfolg.

Die Furche: Was kann die EU dagegen tun?

Anane: Die EU hat die Baseler Konvention unterzeichnet, die es verbietet, gefährlichen Elektromüll über die Landesgrenzen hinaus zu transportieren. Doch die Gesetze werden nicht immer eingehalten und zu wenig kontrolliert. Die USA zum Beispiel haben die Baseler Konvention nie ratifiziert. Viele andere Länder, eben die EU-Staaten, haben zwar unterschrieben - setzen das Verbot aber nicht durch. Sie müssten die Container besser kontrollieren, die Schiffe stoppen, die Verantwortlichen bestrafen.

Die Furche: Was können die Konsumentinnen und Konsumenten tun?

Anane: Jeder sollte sich darüber informieren, was mit alten Geräten geschieht und sie bei den dafür vorgesehenen Sammelstellen abgeben. Besonders gilt das für die Zeit vor Weihnachten: Wenn neue Geräte gekauft werden, landen besonders viele alte auf dem Müll.

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