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Die stille Macht

FOKUS
Nussbaumer - © Fotos: Privat

Diplomaten – eine Annäherung

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Wissen, Würde, Weltgeist – das sind die Prämissen im Berufsstand der Diplomatie, sagt FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer. Ein- und Rückblicke eines Weitgereisten.

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Wissen, Würde, Weltgeist – das sind die Prämissen im Berufsstand der Diplomatie, sagt FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer. Ein- und Rückblicke eines Weitgereisten.

Z uerst das Persönliche: Mit der Freude am Schreiben hat mich schon früh auch die emotionelle Macht der Sprache fasziniert – und damit die Kunst des Formulierens als Rüstzeug für alles Reden, Verhandeln, Vermitteln; vielleicht auch als ein Fluchtweg, um trotz geringer Muskelkraft weitgehend unbehelligt durch die Jugend zu kommen.

Und schon ein gutes Jahrzehnt später war es der Journalismus (Abteilung Außenpolitik), der mich ganz nahe an die Welt der Diplomaten herangeführt hat. Denn da waren die Reisen in fremde Länder; war das Erlebnis von Kriegen, Krisen und Friedenskonferenzen; waren die Interviews mit Königen, Präsidenten, Ministern, die sich mit ihrer Sprachartistik bemühten, auf oft heikle Fragen möglichst unverfängliche Antworten zu finden.

Z uerst das Persönliche: Mit der Freude am Schreiben hat mich schon früh auch die emotionelle Macht der Sprache fasziniert – und damit die Kunst des Formulierens als Rüstzeug für alles Reden, Verhandeln, Vermitteln; vielleicht auch als ein Fluchtweg, um trotz geringer Muskelkraft weitgehend unbehelligt durch die Jugend zu kommen.

Und schon ein gutes Jahrzehnt später war es der Journalismus (Abteilung Außenpolitik), der mich ganz nahe an die Welt der Diplomaten herangeführt hat. Denn da waren die Reisen in fremde Länder; war das Erlebnis von Kriegen, Krisen und Friedenskonferenzen; waren die Interviews mit Königen, Präsidenten, Ministern, die sich mit ihrer Sprachartistik bemühten, auf oft heikle Fragen möglichst unverfängliche Antworten zu finden.

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Und da waren all die Begegnungen mit Diplomaten aus Österreich – für mich zumeist ein dreifacher Gewinn: als unersetzliche Informationsquelle, als ein Stück Heimat in der Fremde und als lebende „Notrufnummer“, wann immer mir Gefahr drohte. Es war noch die Zeit des Kalten Krieges mit ihren Überwachungsapparaten. Und wann immer, weitab von zu Hause, die eigene Gesundheit streikte, waren sie hilfreiche Engel, die mich in Spitälern oder Hotels mit Überlebensrationen versorgten.

Nicht selten aber war derlei Nähe auch zum gegenseitigen Vorteil, zumindest dann, wenn die eigene journalistische Unbekümmertheit den Zugang zu Staatsmännern öffnete; zu Gesprächen, die dann auch von heimischen Diplomaten als spannende Ergänzung ihrer eigenen Arbeit empfunden wurden.

Meinungsfreiheit als hohes Gut

Schon früh habe ich auch gespürt, was Diplomatie und Journalismus auf eine interessante, vielleicht sogar sehnsuchtsvolle Weise miteinander verbindet: Dass wir Medienleute bisweilen vom noblen Status des diplomatischen Personals träumen, um endlich das weitverbreitete Image des „Windigen“ abschütteln zu können. Und umgekehrt bin ich nicht wenigen Diplomaten begegnet, die den Journalismus um seine Chancen beneidet haben, den Eliten ihrer Gaststaaten auch jene Fragen stellen zu können, die ihnen die Würde ihrer eigenen Profession verweigert hat.

Kurzum: In den Jahrzehnten meines beruflichen „Weltenbummelns“ ist mir viel an Respekt und Hochachtung für die Mehrzahl heimischer Vertreter des Höheren Auswärtigen Dienstes hinzugewachsen. Und – mehr noch – manch bleibende Dankbarkeit für ihren Einsatz, wenn es galt, mich aus fremder Haft, auch aus Erpressungsversuchen von Geheimdiensten oder aus Wissenslücken beim Schreiben von Reportagen und Interviews zu befreien. Einem jungen, sportlichen Botschafter, der mich in Saudi-Arabien trotz stürmischer Witterung zum gemeinsamen Tauchgang überredet hatte, verdankte ich sogar die Rettung aus rauer See.

Und – auch das sei kurz erwähnt: Mit fortschreitendem Alter war ich sogar verlockt, in die eine oder andere, zeitlich begrenzte, Diplomatie-nahe Aufgabe zu wechseln. Einen Sprung zu wagen, der im Grunde dem strengen Auswahlverfahren des Auswärtigen Dienstes widerspricht, aber im Einzelfall schon von manchen Journalistenkollegen durchaus bravourös bewältigt wurde. Dass ich es letztlich nicht getan habe, mag kluger Selbsteinschätzung, auch mangelndem Mut, vor allem aber der Angst zuzuschreiben sein, am Ende ein gutes Stück meiner persönlichen Meinungsfreiheit zugunsten von Regierungsinteressen aufgeben zu müssen.

Und doch: Im Blick zurück bleibt auch die Erinnerung an manch fließende Grenze zwischen dem „ganz normalen“ außenpolitischen Journalismus und dem diplomatischen Geschäft. Dies vor allem dann, wenn sich Medienleute in Krisen- und Kriegsgebieten um vieles leichter bewegen und unauffälliger mit Entscheidungsträgern zusammentreffen können als die offiziellen diplomatischen Vertreter. Solche „Briefträger“-Aufgaben zwischen Fronten, um Österreichs Vermittlungsdienste zu unterstützen, waren gerade in der Ära Kreisky gar nicht so selten – ich habe sie immer als eine besondere Ehre empfunden.

Internationale Organisationen wie UNO, OPEC oder OSZE haben in Wien ihr Quartier aufgeschlagen. Es sind stille Räderwerke in einer zunehmend global vernetzten Welt.

Heinz Nußbaumer
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Heinz Nußbaumer

Als Außenpolitikjournalist führte Heinz Nußbaumer Gespräche mit unter anderem Ronald Reagan, Kurt Waldheim, Bruno Kreisky oder Michail Gorbatschow.

Als Außenpolitikjournalist führte Heinz Nußbaumer Gespräche mit unter anderem Ronald Reagan, Kurt Waldheim, Bruno Kreisky oder Michail Gorbatschow.

Spätestens jetzt muss das Persönliche zurücktreten – und alle Scheinwerfer richten sich auf Österreich und Wien. Denn mit Sicherheit gehört unser Land zu jenen Nationen, die dem Berufsstand der Diplomatie traditionell ein besonderes Ansehen entgegenbringen. Deutliches Zeichen dafür: Von 1974 bis 2004 legten Österreichs Bürger 30 Jahre lang das Amt des Bundespräsidenten in die Hand von Diplomaten (Kirchschläger, Waldheim, Klestil); erwarteten von ihnen Wissen, Würde und Weltgeist.

Wer nach den Ursachen dafür sucht, wird zunächst auf die Bewegungsfreiheit und „Mission“ des neutralen Kleinstaates stoßen, bald aber auch auf die Geschichte verwiesen: Noch heute gilt die heimische „Diplomatische Akademie“ als die älteste Ausbildungsstätte für den Auswärtigen Dienst weltweit (seit 1754). Gegründet von Kaiserin Maria Theresia, die aus den traumatischen Erfahrungen der Türkenbelagerungen (1529 und 1683) einen bis heute faszinierenden Schluss gezogen hat: Wo militärisch nichts mehr zu gewinnen und Koexistenz folglich zwingend war, mussten sich Habsburger-Monarchie und Osmanisches Reich aufs Verhandeln verlegen. Also vereinbarte man Gesandtschaften – und so entstand auch die Notwendigkeit, Sprachkundige heranzuziehen. So wurden zunächst „Sprachknaben-Institute“ in beiden Metropolen gegründet – und dann die „Akademie für morgenländische Sprachen“, berühmt geworden als „Orientalische Akademie“. Nie wieder sollte es – so heißt es in einer Widmung – „in Österreich an Männern fehlen, die mit Türken, Persern und Arabern sprechen, die Gesetze des Friedens festlegen und Handelsverträge abschließen können“.

Berufene Aristokraten

Und ganz selbstverständlich wurde der Diplomatische Dienst über Generationen hinweg vorrangig zu einem Beruf für Aristokraten. Wie keine andere Bevölkerungsgruppe waren sie ja nicht nur kaisertreu und kultiviert – viele adelige Familien waren auch europaweit vernetzt und somit besonders „weltkundig“ und vielsprachig. Eine Tradition, die bemerkenswert stark auch den Wandel Österreichs hin zur demokratischen Republik samt Aufhebung des Adels (1919) überlebt hat.

Der Ruf Wiens als eine Art „Welthauptstadt der Diplomatie“, in der ungezählte nationale und internationale Spitzenbeamte ihr Handwerk gelernt haben, mag durchaus dazu beigetragen haben, dass die Vereinten Nationen, die „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (OSZE), das Erdölkartell OPEC und viele andere multinationale Organisationen hier ihr Quartier aufgeschlagen haben. Es sind stille Räderwerke in einer zunehmend global vernetzten Welt.

Zu den Erfahrungen vieler Reisen in alle Windrichtungen gehört es auch, dass sich Menschen in vielen Teilen der Welt dieser rot-weiß-roten Internationalität stärker bewusst sind als wir Österreicher selbst. Stellvertretend sei hier ein libanesischer Kardinal zitiert, der seinen Wiener Gast mit der Frage konfrontierte: „Wir hier im Libanon wissen sehr wohl, was Österreich für uns im Orient bedeutet. Aber weiß man darüber überhaupt noch etwas in Österreich?“

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