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Eine Arche in der (Sint-)Flut von Information

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Klare Orientierung will die Furche in Zukunft bieten: Ein kleines Schiff, das in einer Zeit allgemeiner Ratlosigkeit zuverlässig Flagge zeigt.

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Klare Orientierung will die Furche in Zukunft bieten: Ein kleines Schiff, das in einer Zeit allgemeiner Ratlosigkeit zuverlässig Flagge zeigt.

In diesem flüchtig-schnellebi-gen Informationszeitalter, von dem schon viel zu oft die Rede ist, gerät ein 50-Jahr-Jubiläum einer Zeitung, noch dazu einer anspruchsvollen, zum Ereignis. Da werden Sonntagsreden gehalten, viel öfter und viel schlimmer noch, geschrieben. Das soll keine sein!

Der Furche, die, weitblickend, Friedrich Funder gezogen hat, haben wir Erben uns wenig würdig erwiesen; als Verleger wie als Redakteure oder Autoren. Den Anspruch^ den er in das damals zerstörte Österreich gestellt hat, haben wir nicht einmal fachgerecht konserviert, geschweige denn zeitgemäß interpretiert, entwickelt und gelebt.

Das ist kein Vorwurf, schon gar nicht an die vielen, die sich immer wieder redlich und mit ganzer Kraft, oft auch mit ansehnlichem Erfolg, bemüht haben und bemühen. Aber wir Erben haben oft zu wenig Ansprüche an uns selbst gestellt, haben uns zu wenig zugemutet in einer viel weniger schwierigen Zeit als der Gründer sie zu bewältigen hatte.

Wir Erben haben uns oft zu wenig zugemutet

50 Jahre, das ist eine Zäsur, die Menschen im Blick auf ihre Eigenzeitlich -keit gut verstehen und nützen können, um innezuhalten, zurück und nach vorne zu schauen, um das Wesentliche vom Beiläufigen zu unterscheiden.

Und da geraten wir, wie zufällig, an den Kern dessen, was wir uns als heute Verantwortliche der furche vor wenigen Monaten als zeitgemäße Interpretation des Gründungsauftrages erarbeitet haben: das Wesentliche vom Beiläufigen zu unterscheiden oder, wie wir es genannt haben, eine Zeitung für die existentiellen Fragen der Menschen zu machen, auf gehobenem aber nicht abgehobenem Niveau. Da ist der materiellen Armut ebenso eine Stimme zu geben wie den geistigen Nöten, den Schwachen aus dem Ausland wie behinderten Mitbürgern, da sind die Themen Familie und Sexualität genauso unverzichtbar wie Bildung und Glaube.

Die furche muß und kann den Lesern, die ihr anvertraut sind, nicht alle Antworten auf diese brennenden Fragen „frei Haus” servieren, aber sie muß ein zuverlässiger Begleiter der Menschen in diesen Fragen werden, der zum Nachdenken anregt, beständiges Altes und gewogenes Neues vermittelt, sich hin und wieder auch in der Antwort versucht.

Die furche ist eine katholische Wochenzeitung. Was kann das bedeuten in einer Zeit, von der man sagt, daß die Sehnsucht der Menschen nach dem Transzendentalen zunähme, von der man gleichzeitig weiß, daß sich immer mehr Menschen von der Kirche abwenden?

Zunächst: in der Furche spielen Glaube und Religion eine ganz bedeutende Rolle, aber nicht, weil sie eine katholische Wochenzeitung ist, sondern, weil sie sich den existentiellen Fragen der Menschen widmen will und Glaube und Religion tief an den Wurzeln der menschlichen Existenz stehen. Das geht weit über die Tatsache der unauflöslichen Verknüpfung des Christentums mit der abendländischen Kultur hinaus. Aus dem ganz gleichen Grund sollen etwa die manifesten innerkirchlichen Auseinandersetzungen und Flügelkämpfe in Osterreich und darüber hinaus keine tragende Rolle in der Furche spielen, weil sie sich eben über weite Strecken nicht mit den für das menschliche Leben entscheidenen Fragen beschäftigen.

Es kommt noch etwas dazu: die furche ist auch eine katholische Wochenzeitung, weil sie überwiegend von Katholiken gemacht wird, von Herausgebern, Redakteuren und Autoren, auch Verlegern, die sich bewußt darauf einlassen, auch in ihrer Tagesarbeit am „Christlichen” gemessen zu werden, im Wissen um die eigene Unzulänglichkeit. Und dieses „Christliche” ist, bei allen historischen und aktuellen Überlagerungen durch schwere und schwerste Irrtümer und Verfehlungen, geeignet, bei den Menschen ein ganz besonders Vertrauen grundzulegen, das freilich auch einen besonders sorgsamen Umgang verlangt.

In Zeiten rauher See nicht Schiffbruch erlitten

Dieses Grundvertrauen ist ein hohes Gut in einer Zeit, in der sich nicht nur die vernehmbaren Stimmen dramatisch mehren, sondern auch immer anonymer, wenngleich lauter werden. Kaum kennt der einzelne die, denen die Stimmen gehören, weiß oft nicht aus welcher Richtung sie kommen, ob und wem sie dienen. In dieser (Sint-)Flut von Information und Unterhaltung können Medien klare Orientierung, kann die Furche eine Arche sein. Ein kleines Schiff, das versucht, den Menschen ein wenig Schutz zu bieten und dabei ehrlich Flagge zeigt, nicht im Sinne von Fundamentalismus, sondern Identität.

Um im Bild zu bleiben: ich bin dankbar, daß ich die furche als „Kapitän ” durch eine Zeit sehr rauher See steuern durfte, und daß wir dabei nicht Schiffbruch erlitten haben, sondern, im Gegenteil, gestärkt daraus hervorgingen.

Vor diesem Hintergrund und in diesem Sinn wünsche ich der 50 Jahre alten furche zu ihrem Geburtstag, daß ihr stets neu die zeitgerechte Interpretation ihres Gründungsauftrages gelingen möge. Daß ihr ihre so engagierte Mannschaft und ihre alten und neuen Leser die Treue halten, im Wissen darum, daß die Furche nicht dem Beiläufigen, sondern dem Wesentlichen gewidmet ist...

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