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Eine Chance für Menschenwürde!

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Roberto Mezzaroma, italienischer Europaparlamentarier, kämpft in seiner Heimat und in Brüssel für die Integration Behinderter.

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Roberto Mezzaroma, italienischer Europaparlamentarier, kämpft in seiner Heimat und in Brüssel für die Integration Behinderter.

dieFurche: Sie waren 1992 Parlamentskandidat derDemocrazia Cristi-ana (DC). W%s hat Sie dazu veranlaßt, sichfiir die Bewegung Forza Italia zu entscheiden?

Roberto Mezzaroma: Bei den Parlamentswahlen im Jahre 1992 war ich der erste nichtgewählte Kandidat der Democrazia Cristiana mit nur 300 Stimmen distanziert vom Letztgewählten; man wählte mit nur einer Präferenzstimme. Dieses Wahlsystem ließ mir und jenen, die sich mit mir präsentierten, um Probleme der menschlichen Solidarität aufzuwerten, keine Chancen. Forza Italia (FI) hingegen gab mir 1994 diese von mir angestrebte Möglichkeit, gab jenen, die sich für diese Werte und Prinzipien einsetzen wollten, eine große Chance und so ist es mir gelungen, Europaabgeordneter zu werden.

dieFurche: Was versteht man unter der Gruppe Forza Europa?

Mezzaroma: Forza Europa ist eine Gruppe von 27 Abgeordneten, die in Italien in der Liste FI gewählt wurden und im Bahmen der EU einen europäischen Namen annehmen mußten. Jetzt sind wir jedoch in eine größere Gruppe übergegangen, wir sind von 27 auf 54 Abgeordnete angewachsen, die aus fünf Ländern stammen. Diese Gruppe des Europaparlaments nennt sich BDE.

dieFurche: Was sind Ihre wichtigsten Vorschläge im Europaparlament?

Mezzaroma: Das Europaparlament ist eine große Versammlung, die sehr schwierig zu führen ist; darin gibt es zwei große Kräfte: die Europäische Sozialistische Partei und die Europäische Volkspartei. Daher haben wir, die in der Mitte zwischen den beiden stehen, im Vergleich zu ihnen wenig Möglichkeiten, unsere Programme durchzusetzen. Bei einem Teil ist es uns aber gelungen. Die erste Schlacht, die wir gewonnen haben - und zwar würde ich sagen, daß sie auf spezielle Weise vor acht Monaten gewonnen wurde - ist jene, daß wir es durchgesetzt haben, daß man sich in Europa mit der Würde des Menschen befaßt, also mit Schwerbehinderten, mit den Experimenten in vitro an menschlichen Embryonen, mit den Experimenten an Gehirngeschädigten: ein Erfolg also im Rahmen der Bioethik und Biotechnologie. Die andere Frage, die ich weiterentwickeln konnte, ist das Problem der kleinen und mittelgroßen Unternehmen und des Handwerkerstandes. Italien lebt von diesen Unternehmen und das Europaparlament verfolgt jetzt einen Kurs, um diesen Unternehmen zu helfen, und ich persönlich setze mich vor allem für die Handwerker ein.

dieFurche: Als Vater eines schwerbehinderten Sohnes setzen Sie sich hier in Italien für den Schutz der Menschenwürde der Schwerbehinderten und ihrer Familien ein. Was tun Sie diesbezüglich im Europaparlament?

Mezzaroma: Vor kurzem haben wir in der Budgetverhandlung der Kommission für Ökonomie, Währung und Industrie, der ich angehöre, darüber diskutiert, eine Summe für Probleme der Solidarität zu bestimmen. Ich habe mich mit anderen Europaabgeordneten, und zwar nicht nur von Forza Europa, darauf geeinigt, daß in Europa für Gehirngeschädigte und ihre Familien die Summe von 500.000 ECU vorgesehen wird; das ist sehr wenig, aber es ist ein kleines Zeichen der Solidarität und gibt uns die Möglichkeit, nächstes Jahr weitere Gelder zu senden und ein so schwerwiegendes Problem genauer zu betrachten.

dieFurche: Was schlagen Sie in Europa auf dem Gebiet der Organtransplantation vor und ist es Ihnen gelungen, schon etwas durchzusetzen?

Mezzaroma: Was die Transplantationen betrifft, hat man im Europaparlament noch nicht viel getan, noch kein Gesetz gemacht. Es wurde über Transplantationsversuche, speziell an Schwerbehinderten, diskutiert, aber die Bichtlinien, die dafür angewendet werden sollten, waren nicht klar und so haben wir alles blockiert; es ist besser, vorläufig nichts zu tun, als unklare Bichtlinien anzuwenden.

dieFurche: In Rom wollen Sie erreichen, daß Baufirmen zur Erreichung der Bauerlaubnis verpflichtet werden sollen, „Familienwohnungen"für Behinderte zu bauen Wie glauben Sie, Ihr Ziel erreichen zu können?

Mezzaroma: Das ist ein sehr wichtiges Problem. Es gibt zwar ein Gesetz, das besagt, daß man Gebäude adaptieren könne, um Körperbehinderten einen leichteren Zugang zu verschaffen, aber es handelt sich hier um eine Einstellungssache. Ich persönlich kämpfe darum, daß in der Bauordnung die architektonischen Barrieren für Körperbehinderte abgeschafft wefÖen. In meinem Beruf und bei allen Bauten, die unser Unternehmen durchgeführt hat, sowohl bei Zivilbauten als auch bei Geschäftszentren, haben wir immer ohne architektonische Barrieren gebaut. Viele der Solidarität dienende Vereine sind gekommen, um das zu kontrollieren und können das beweisen. Unter architektonischen Barrieren verstehen wir alle Hindernisse, die Schwerbehinderten den Zutritt verschließen könnten; zum Beispiel die Gehsteige, den Stiegenaufgang zu einer Kirche, die engen Aufzüge in einem Gebäude und so weiter. Das Problem ist groß, aber ich kann feststellen, daß langsam Spezialgesetze in diese Richtung gehend verabschiedet werden; bei den Gemeinden, bei den Provinzen und auch auf Regionalbasis.

dieFurche: Sie führen mit Ihrer Frau Evelina die Gesellschaft „Esperanto". Worin besteht diese Initiative?

Mezzaroma: Esperanto besteht seit zirka sechs Jahren. Mitglieder sind die Eltern von bis jetzt zehn Schwerbehinderten, darunter ist auch mein Sohn. Ihr Sitz ist in einer Villa im modernen römischen Wohnviertel EUR. Dort soll den schwer Gehirngeschädigten ein menschenwürdiger Alltag geschaffen werden und zwar durch Aufnahme von gesunden Menschen, die sich mit ihnen beschäftigen und auch dialogisieren, auch wenn einige von den Behinderten nicht sprechen, wie mein Sohn. Die Gesunden vertrauen den Kranken kleine Arbeiten an, um ihnen den Tag angenehmer zu gestalten. Die jungen Gehirngeschädigten sollen sich dort wie zu Hause fühlen, also nicht aus der Familie herausgenommen werden. Sie halten sich dort von neun Uhr früh bis vier Uhr nachmittags auf. Der Sinn dieser Initiative besteht auch darin, daß diese Villa ein Familienhaus werden soll, für den Fall, daß die Eltern sterben, sodaß die Schwerbehinderten dort auch leben können. Denn das größte Problem der Eltern von Schwerbehinderten ist wohl jenes, daß ihre Kinder auch nach ihrem Tod ein menschenwürdiges Leben führen können.

dieFurche: Was sind Ihre Anregungen für das Jubiläumsjahr 2.000, bei dem es sich doch um ein religiöses Ereignis von außergewöhnlicher kultureller Tragweite handelt?

Mezzaroma: Ich, der ich in Born lebe und die Kirche und den Heiligen Vater sehr liebe, beschäftige mich sehr viel mit diesem Problem. Born wird Millionen von Weltbürgern beherbergen müssen, die zum Jubiläum kommen werden. Wir studieren, wie wir die Gastfreundschaft bewältigen können, wie die richtigen Informationen zu geben, um dieses für die Kirche so bedeutende Jahr in seiner großen Spiritualität richtig miterleben zu lassen. Ich persönlich habe ein Projekt für den Heiligen Vater: Wir sahen ihn in der ganzen Welt, in Manila vor einer Menge von fünf Millionen Menschen, in Compostela vor drei Millionen und in Loreto vor 400.000 Menschen. Ich will hier in Rom einen Platz für zwei Millionen Menschen schaffen für den Heiligen Vater, damit er hier in der ewigen Stadt, der Geburtsstadt der Kirche, die Menschenmengen empfangen kann, um Jesus Christus und die Kirche zu ehren.

Dieser wird „Platz der Völker" heißen - „piazza dei popoli". Abgesehen von der Nützlichkeit für den Heiligen Vater soll diese Initiative auch Arbeitsplätze schaffen, vor allem vielen jungen Menschen eine Arbeitsmöglichkeit bieten.

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