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Eine Enklave der Weltliteratur

Es ist auffallend, daß wenige in Kärnten geborene Schriftsteller, die Deutsch schreiben oder schrieben, dort blieben. Das beginnt mit Robert Musil, setzt sich fort mit Ingeborg Bachmann und ist mit Peter Handke bei weitem nicht zu Ende. Letzterer trug einiges dazu bei, daß Kärntner Autoren, die im Land blieben, wahrgenommen wurden, und das sind vor allem die doppelsprachigen. Dies hat zweifellos mit der politischen Situation zu tun, die sich Mitte 1991 dramatisch änderte.

Für die deutschsprachigen Autoren war die Deutschtümelei im Land vor den Karawanken ein Grund, wegzugehen. Für die Kärntner Slowenen war das aber nicht so leicht. Überall im Norden wurde Deutsch gesprochen und man wäre vom Regen in die Traufe gekommen, im Osten konnte Ostblock-Ungarn mit seiner sehr fremden Sprache kaum verlocken, daß Friaul im Südwesten nicht besonders einladend war, haben die italienisch-slowenischen Streitigkeiten der letzten Jahre gezeigt, und im Süden lag nicht Slowenien, sondern das dem unrealistischen Sozialismus verpflichtete Tito-Jugoslawien. Daher bildete die Kärntner slowenische Literatur, wie Peter Handke einst sagte, eine „Enklave der Weltliteratur”.

Nicht nur in geographischer, sondern' auch in ästhetischer Hinsicht. Während im deutschsprachigen Raum die Lyrik allmählich aus den Zeitungen und Zeitschriften verschwand und nur mehr vereinzelt vorgestellt wurde, entwickelten die slowenisch schreibenden Autorinnen und Autoren in Kärnten und Slowenien neue Formen und brachten die Lyrik zu ungeahnter Blüte. Diese Entwicklung versucht der literarische Landvermesser Janko Ferk in zwei unterschiedlichen Bänden nachzuzeichnen. Sie versuchen, eine erste Bilanz der zeitgenössischen slowenischen Literatur bis zur Zäsur von 1991 zu ziehen.

In der „Nirgendwo eingewebte Spur” betitelten Anthologie slowenischer Lyrik sind je fünf Gedichte von 19 slowenischen Dichter(inne)n versammelt (darunter einer aus Italien und zwei aus Österreich), die in subjektiver Auswahl etwa vier Generationen repräsentieren. Als Urgroßvater dieser slowenischen Dichtung gilt der 1904 geborene Edvard Kocbek (siehe auch Furche 4/1995), der die Lage in der ersten Strophe des Gedichtes „Zeit der Dichtung” beschrieb: „Sie sagten: die Zeit der Dichtung sei vorbei, / der Überfluß verkauft, / ermüdend, / das Gesagte ohnehin passe, / das Geschriebene nur Zeichen, / nur ein Narr esse Nichtvorhandenes.”

Damit hat er ein Thema angeschlagen, das bis heute zentral geblieben ist. Denn diese Lyrik ist nie in der

Weise politisch geworden, wie es etwa die engagierte westliche war. Ihre politischen Botschaften sind verschlüsselt, und das heißt: auch ästhetisch wesentlich anspruchsvoller transportiert worden. Diese Gedichte sind kein intellektuelles Fast food, das mitunter gesellschaftspolitische Verdauungsstörungen hervorruft, sondern stellen eine stetige Verfeinerung der lyrischen Kost dar. Dabei ist die Beich-haltigkeit eines ihrer Kennzeichen.

Es gibt, gemessen an der Zahl der Menschen, die diese Sprache sprechen, kaum eine Literatursprache, die eine solche Vielfalt von Dichtergruppen aufweist, die alle ihre eigenen Poetiken entwickelt haben. Die assoziativen Metaphern machen den Reiz und das Raffinement dieser Lyrik aus, die gerade aufgrund der Kodierung mehr politischen Sprengstoff enthält als diejenige, die Partei nimmt für eine bestimmte Politik. Der geistige Anteil der Lyrik an der Selbständigkeit Sloweniens wird von Kennern deshalb recht hoch veranschlagt. Einen hervorragenden Abriß der Entwicklung der slowenischen Dichtung, die unter anderem die staatliche Eigenständigkeit vorbereiten half, gibt das Nachwort von Denis Poniz.

Parallel dazu entfaltete sich die slowenische Literatur in Kärnten. Dabei sieht es so aus, als hätten sich die Nationalen beim Ortstafelsturm 1973 selbst ein Bein gestellt. Janko Ferks gesammelte Essays zur Literaturszene der Kärntner Slowenen unter dem Titel „Mittelbare Botschaften” lassen den Schluß zu, daß das Selbstbewußtsein der Kärntner Slowenen erst so richtig geweckt wurde. Den Beginn der neueren Literatur der Kärntner Slowenen kann man mit dem Erscheinen des Roman „Der Zögling Tjaz” von Florjan Lipus 1972 ansetzen. Keine zehn Jahre später, 1981, lei -tete Peter Handkes Übersetzung ins Deutsche die „Golden eighties” ein. Zwei Jahre später wird mit der Gründung der Zeitschrift „Celovski Zvon” (Klagenfurter Glocke) ein Forum für literarische Innovationen geschaffen. Seither hat sich die Literatur der Kärntner Slowenen, wie Ferk schreibt, „emanzipiert. Sie ist nicht mehr ein Randphänomen, sondern Subjekt im Feuilleton relevanter Zeitungen und Zeitschriften”.

Es ist zwar nicht meßbar, aber daß die slowenischsprachige Literatur die österreichische befruchtet hat, wäre gerade in Anbetracht des heurigen 75-Jahr-Jubiläums der Volksabstimmung über Unterkärnten stärker zu betonen. Ferks Bücher jedenfalls sind Zeugen dafür, daß sich an der Peripherie des klein gewordenen Österreich eine Vielfalt erhalten hat, die der Mainstream in den Zentren längst eingeebnet hat.

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