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Einst ein Pferdestall

Haus mit Geschichte: Hier hat Boris Pasternak im Roman "Doktor Schiwago" morden lassen und Nikita Chruschtschow auf den Staatsvertrag angestoßen.

Es ist sicher der aufregendste Platz, an dem ich bisher war", sagt Botschafter Franz Cede, das Panorama auf die glänzende Kuppel der nagelneuen Erlöser-Kathedrale genießend. Günstig ist sie gelegen, die österreichische Botschaft in Moskau, ein Katzensprung zum Kreml, im Stadtteil, dessen Höfe Ivan der der Schreckliche für seine Stallungen nützte. Starokonjuschennyj, die "Alte-Pferde-Gasse" heißt die Straße seither - ein Ort mit Geschichte, ein Begriff der Österreich mit Russland verbindet; hier hat man sich meist gut verstanden, die erfolgreichen Staatsvertragsverhandlungen 1955 mit Chruschtschow gefeiert und während des Kalten Krieges zwischen West und Ost vermittelt.

Etliche Türen sind zu öffnen, manche Gänge zurückzulegen, ehe man ins Arbeitszimmer des Botschafters gelangt. "Die Moskauer Vertretungsbehörde ist eine der sogenannten Großbotschaften, die Österreich in den vier Staatsvertragsstaaten unterhält", erklärt Cede die Geräumigkeit der Residenz. Groß freilich auch das Aufgabenfeld: die offiziellen Interessen und Standpunkte der Republik zu präsentieren, die Politik des Gastgeberlandes zu beobachten und das offizielle Besuchsprogramm zu betreuen. "Die großen Sprachbarrieren erfordern gerade diesbezüglich wahrscheinlich mehr Aufwand als in anderen Staaten", weist der Diplomat auf ein Spezifikum in Russland hin. Neben der Administration bestehe aber auch die Möglichkeit, rechtsstaatliche oder demokratiefördernde Impulse zu geben. Keine leichtes Unterfangen in einem Land, zu dessen dunkelsten Seiten ein zerbombtes Grosnyj gehört.

Mehr als in anderen Ländern laufen in Moskau auch die Aktivitäten der Außenhandelsstelle, die Österreichs Wirtschaftstreibende bei der Erschließung des Marktes unterstützt, über das Dach der Botschaft. "In der jungen Markwirtschaft geht vieles noch nicht direkt, da sind offizielle Kontakte hilfreich", stellt Cede weitere Säulen der Tätigkeit vor: das sogenannte "Kulturforum" der Botschaft kümmert sich um regen Austausch zwischen Künstlern, Wissenschaftern und Studenten, und schließlich stellt die Konsularabteilung jährlich an die 50.000 Sichtvermerke aus. Die Arbeit der Botschaft ist nicht zuletzt deshalb so umfangreich, weil von hier aus auch Weißrussland mitbetreut wird.

"Außerdem bringt der Westen in jüngster Zeit dem Riesenreich wieder die nötige Aufmerksamkeit entgegen", erklärt Österreichs Repräsentant und betont die Bemühungen der eu, eine Zusammenarbeit mit Russland voranzutreiben. Seit der eu-Mitgliedschaft ist der Terminkalender der Diplomaten daher noch voller; so treffen sich die österreichischen Diplomaten in Moskau beispielsweise alle zwei Wochen mit den Missionschefs der anderen 14 eu-Staaten. Und als Vertreter eines kleinen Landes wird versucht, zumindest mit einem Vertreter aus jeder Großregion der Welt Kontakt zu pflegen.

Wird das kleine Land vom großen Reich überhaupt wahrgenommen? Man schätze einander sehr, ist Cede überzeugt: "Wegen der geografischen Lage und unserer Kultur sehen uns die Russen als ein besonders interessantes Land." Die Erfahrungen würden auch lehren, dass ein Gefühl der Minderwertigkeit, das Russen manchmal gegenüber mächtigen Staaten empfinden, Österreich gegenüber wegfällt.

Nicht erspart bleibt aber auch der österreichischen Vertretung die postkommunistische Bürokratie. "Sie müssen hier gute Nerven haben und immer auf Überraschungen vorbereitet sein", plaudert der Botschafter aus dem Alltag, betont aber, dass letztendlich immer alles irgendwie funktioniert. Erstaunlich sei zudem die Offenheit und die mittlerweile bereitwillige Informationsweitergabe. Es braucht nur die Kontakte, dann kann man hier alles über den ganzen gus-Raum erfahren.

Überhaupt hat es die pulsierende Weltstadt bisher noch jedem Botschaftsmitarbeiter angetan, nur in Österreich ist das Bild von Russland oft noch grau bis beängstigend. In der Residenz selbst jedenfalls lauert keine Gefahr, obwohl in Boris Pasternaks Roman "Doktor Schiwago" hier gemordet worden ist. "Ja, angeblich hat der große Dichter das Gebäude gekannt und Lara ihren Liebhaber hier erschießen lassen", erzählt Cede. Ob es wohl damit zusammenhängt, dass die offiziellen Besuche meist Pasternaks Datscha besichtigen wollen?

Der Autor ist Korrespondent in Moskau.

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