6615707-1955_30_04.jpg
Digital In Arbeit

England und die Wasserstoff bombe

Ein einziger Abgeordneter des alten Parlaments hat es bei den englischen Wahlen vom Mai ,1955 gewagt, die Wähler aufzufordern, ihm ihre-Stimme zu geben, damit er in Westminster für die Einstellung der Arbeiten an der H-Bombe eintreten könnte. Es war Sir Richard A c la n d, der sechste Baronet dieses Namens, Abkömmling einer Familie, die schon manchen Wahlkreis vertreten hat. Schmal, schlank und anregend, ein geistvoller Don Quichote eines höchst eigenwilligen Sozialismus, ist er mit wehender Fahne untergegangen. Darf man daraus schließen, daß die englische Meinung zu diesem Thema beinahe „gleichgeschaltet“ ist, daß die Tatsache, daß nun auch Großbritannien daran geht, Großvernichtungswaften herzustellen, keinen besonderen Eindruck gemacht hat, daß es um diese Menschheits-Lebensfrage zu keinem inneren Disput gekommen ist?

Gerade das Gegenteil ist wahr; wohl in keinem anderen Land hat man sich so eingehend und tief mit diesem Problem beschäftigt, wohl in keinem Land so das Bedürfnis gespürt, stets von neuem zu warnen. „Ein Weltkrieg in diesem Zeitpunkt käme einem Selbstmord gleich“, schreibt Luftmarschall Sir John Slcssör. „Wir müssen die Möglichkeit ins. Auge fassen, daß wiederholte Atomexplosionen zu einer Anhäufung von Radioaktivität führen können, denen niemand entkommen kann“, stellt Professor Adrian, die führende Autorität auf dem Gebiete der Nerven-Psychologie, fest, und der Philosoph Bertrand Russell erklärt „Man befürchtet, daß, wenn mehrere H-Bomben zum Einsatz kommen, der allgemeine Tod die Folge sein wird — plötzlich nur für eine glückliche Minderheit, für die Mehrzahl die langsame Qual von Krankheit und Verfall“. Aehnliche Zitate ließen sich ohne Mühe Seite um Seite zusammenstellen. Wie läßt sich aber dann die scheinbare Ruhe, ja Apathie deuten? Die Erklärung ist eine verhältnismäßig einfache: der Aufmarsch der Meinungen ist zwar ein imponierendes Schauspiel, aber wenn die Schlachtreihen geschlossen sind, dann entdeckt man regelmäßig, daß man zwar auf sehr verschier denen Wegen auf den Kampfesplatz gekommen ist, sich aber dort über die Ziele im Grunde genommen einig ist. Das erste, worüber man sich dabei einig wird,ist, daß es sich letzten Endes um ein p o 1 i t i-s c h e s Problem handelt, daß also weder die Wissenschaftler noch die Priester noch auch die Philosophen den Staatsmännern ihre Verantwortung um dieses Problem, das natürlich wissenschaftliche, ethische und religiöse Aspekte besitzt, abnehmen können. Nähert man sich also der großen Frage auf Leben und Tod vom Politischen her und versucht man, die bedeutenden Aussagen, die in Großbritannien zu dem Thema abgegeben wurden, zu überblicken, so stößt man bald auf ein übersichtliches Schema möglicher Lösungen.

Vier Wege sind vorgeschlagen worden:

1. Die Gewaltlosigkeit;

2. Die Weltregierung;

3. Der Versuch, die Großvernichtungswaffen völlig aus dem Rahmen der üblichen Machtpolitik auszuklammern;

4. Das Fortlavieren im bisherigen Stil.

Der Ged,anke der Widerstandslosigkeit hat in England kaum einen Anhang gefunden. Keine größere politische oder ideelle Gruppe tritt offen für ihn ein, wenn auch das, was gewisse Linkspolitiker um Bevan dauernd befürworten, letzten Endes auf nichts anderes hinauslaufen würde. Der Grund, warum die große pazifistische Tradition Englands in dieser Frage nicht recht zum Ausdruck kommen kann, ist ein einr leuchtender. Man könnte vielleicht den Verlust der Macht und damit die Preisgabe der Selbständigkeit in Kauf nehmen, wenn dadurch das Ueberleben auf alle Fälle sichergestellt wäre; wie die Dinge liegen, macht man aber durch die Preisgabe der Selbständigkeit das Ueberleben nicht wahrscheinlicher, sondern unwahrscheinlicher. Ein Ausscheiden Englands aus dem atlantischen Bündnis würde ja das Gleichgewicht der Welt so plötzlich und heftig verändern, daß sich unabsehbare Folgen ergeben könnten. Dazu kommt, daß die Preisgabe der Macht auch moralisch anfechtbar erschiene, hätte man doch für all das, was ein totalitäres Regime der europäischen Menschheit antun könnte, im voraus und bewußt Verantwortung mitübernommen.

Eine fast ebenso winzige Gruppe tritt in England für die Weltregierung ein. Hier bestehen wenig philosophische oder religiöse Bedenken — das Abendland hat in der Kombination Kaisertum-Kirche schon einmal eine zentrale Autorität gekannt — nur ist es ganz offenbar, daß die Welt für eine solche Regelung einfach * nicht reif genug ist, und selbst wenn man nicht bereit ist, diesen Zustand hinzunehmen, muß man realistisch genug sein, sich zu sagen, daß zunächst andere Untergangssicherungen in Funktion treten müssen.

Hier ist nun der Versuch gemacht worden, die H-Bombe aus dem Zentrum machtpolitischen Denkens auszubauen und ihr einen Platz an der äußersten Peripherie zuzuweisen: Die einzige Rolle der Wasserstoffbombe wäre die, die Anwendung der Wasserstoffbombe unmöglich zu machen. Der bedeutendste Vertreter einer solchen Theorie ist der Historiker Llewellyn Woodward, er hat im BBG eine ganz bestimmte Form der Aechtung vorgeschlagen, die so funktionieren sollte, daß jedes Land, das über Großvernichtungswaffen verfügt, sie gegen denjenigen einsetzen müßte, der sie zuerst angewandt. In Sir LIewellyns eigenen Worten: „Setzen wir voraus, daß Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Rußland diese Waffen besäßen und daß Großbritannien sie zuerst gegen Rußland einsetzen würde. In diesem Fall müßte Amerika einen Vergeltungsschlag gegen England führen.“ Dies wirkt anfänglich ganz einleuchtend (wenn man auch das unbehagliche Gefühl hat, England würde im Exempelfall kein behaglicher Aufenthaltsort mehr sein), angesichts einer die gesamte Menschheit bedrohenden Gefahr sind radikal neue Wege gewiß nicht von vornherein auszuschlagen. Es genügt aber nicht, daß sie neu und radikal sind, sie müssen auch mit Sicherheit zum Ziel führen. Ueberträgt man aber den „Vertragsfall“ Sir LIewellyns auf das Gefilde lealer Möglichkeiten, Täuschungen und Gefahren, so versteht man sehr bald, warum sich hinter solchen Spekulationen niemals politische Kraft wird zusammenballen können. Die Radioaktivität zeigt weder Firmenzeichen noch nationale Farben, in einem Augenblick internationaler Hochspannung könnte es wohl geschehen, daß der Kreml, mit der Behauptung, in Sibirien seien amerikanische Bomben geworfen worden, von London die Auslöschung New Yorks verlangen würde, die sicher nicht unerwidert bliebe, so daß es den Westmächten schließlich wie den Riesen gehen würde, die vom tapferen Schneiderlein oben auf dem Baume in den Kampf getrieben wurden.

Man gelangt also schließlich über einen Prozeß der Auslese zu dem Schluß, daß im Augenblick nicht viel anderes übrigbleibt, als das alt-österreichische Prinzip des „Fortwursteins“ auf die Weltcbene zu übertragen und es im Rahmen dieser grandiosen Dimensionen so gut, so geschickt und so vorsichtig es geht, anzuwenden. Dies bedeutet, daß die Vorstellung eines gewaltsamen Ende unserer Welt, die Vorstellung eines Todes, der nicht mehr den einzelnen, sondern die Gesamtheit der Lebewesen abberufen wird, vorläufig nicht von uns weichen kann. Daraus aber ergeben sich metaphysische Konsequenzen, die im englischen Geistesleben allmählich spürbar werden. Bisher war in der Ausgleich für die Unvollständigkeit unseres Lebens nicht allein in einem jenseitigen Dasein gegeben, auch der als ewig angenommene Fortbestand der Gattung wurde als Ausgleich verwendet. Jeder Zweifel an dem Fortbestand der Gattung muß daher unsere Einstellung auch dann verändern, wenn es niemals zur Katastrophe kommen sollte. Es leuchtet ein, daß hier zuerst die seelische Situation der naturwissenschaftlich eingestellten Menschen, die aber eine idealistische Grundhaltung noch nicht verloren haben, in Mitleidenschaft gezogen wird. In Wirklichkeit sind aber auch jene Kreise betroffen, die den Untergang seit eh und je ins Kalkül stellten. Der Philosoph Bertrand Russell, einer der nobelsten Vertreter des englischen Humanismus, hat in einem seiner frühesten Werke ein gewaltiges Bild geprägt:

„Die Menschen sind wie in einer belagerten Festung, in der sie sich gegen die blinden Kräfte des Universums verteidigen, wohl wissend, daft diese Kräfte schließlich obsiegen werden ... eines aber vereint den freien Mann mit seinem Bruder, das stärkste der Bänder, das des gemeinsamen Untergangs.“

Diese Weltvorstellung — und irgendwie spürt man sie noch in der Deklaration, die Russell mit Einstein verfaßte und jetzt der Oeffentlichkeit übergeben hat — ist nur dann erträglich, wenn man grundsätzlich (wie die Aufklärer) an die makellose Güte des Menschen glaubt. Was aber soll geschehen, wenn sich Verräter in die Festung eingeschlichen haben, wenn es scheint, als könnten die „blinden Kräfte des Universums“ von der „fünften Kolonne“ entfesselt werden? Erst aus dieser Tragik wird es verständlich, warum Männer wie Bertrand Russell immer wieder und mit verzweifelter Intensität auf das Thema zurückkehren. Sie warnen vor dem Untergang, sie sprechen — wie in der Erklärung Einsteins — „nicht als Angehörige dieses oder jenes Landes, sondern als Angehöriger der Gattung Mensch, deren weitere Existenz in Frage gestellt ist“, aber das ist im Grunde nur rührende Verstellung, es geht ihnen weniger um die Rettung als um die Brüderlichkeit, um das „stärkste der Bänder“, ihren einzigen und letzten Trost, der ihnen unter den Augen zu zerfallen droht.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau