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EURO-Vision: mit jungen Augen gesehen

Seit Jahrhunderten wollte man Europa immer wieder einen -von Karl dem Großen über das „Heilige Bömische Beich (deutscher Nation)" bis zur österreichischen Monarchie. Die europäische Union ist das erste friedliche und demokratische Einigungswerk in der Geschichte des Kontinents, das seinen Bürgern Sicherheit und Wohlstand bieten wird - zumindest in den Visionen hartgesottener Euro Optimisten. Daß die Realität etwas anders aussieht, ist auch hierzulande jedermann klar.

Wirtschaftliche Probleme machen der EU schwer zu schaffen. Die Welt paßt mittlerweile beinahe in jede Westentasche. Je Internet, desto kleiner. In Zeiten wie diesen ist guter Rat teuer, und so wird

;ine uralte Vision, eine frühe Idee der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, erstmals konkret: die Währungsunion.

EURO hat man die neue Finheitswährung getauft, nachdem man in der Union den nichtssagenden Namen ECU hatte verschwinden lassen, per Name Ecu war nicht zugkräftig genug, um 360 Millionen „potentielle EU-Konsumenten" von der Notwendigkeit einer Währungsunion zu überzeugen. Da ist der Euro marktwirtschaftlich schon um einiges nutzbarer. Der Name Euro verkörpert das kontinentale Zusammengehörigkeitsgefühl, wird dadurch unverkennbar und bekommt seine eigene Identität. Durch den Faito weiß nun jeder EU-Bürger, daß lüiropa nicht allein von Frankreich regiert wird—was man anhand des Ecus hätte leichlK'er-muten können.

Mit dem Euro hat die Europäische Union einen glücklichen Griff gemacht. Glücklicherweise bleibt uns die Namensgleichheit der Währung mit dem Kontinent anderswo auf dieser Welt erspart. Nicht auszudenken, wie das wäre, würde der Dollar plötzlich „Ami" heißen.

Doch so ganz kann sich FJuropas Bevölkerung nicht mit dem Euro anfreunden. Denn obwohl seitens der Union nur von Vorteilen des F,uro gesprochen wird, kursieren daheim bei Herrn und Frau Europäer die übelsten Gerüchte und bösesten Geschichten über die neue Währung. Erspartes soll nach dem Umwechseln plötzlich weniger wert sein, sagt man. Außerdem sollen die Lebensmittel im Supermarkt alle teurer werden. Und auch vom Verlust der nationalen Identität ist die Bede. Dazu sei eines klarge stellt: Die „kleinen" alltäglichen Anlaufprobleme gibt es überall. Der Euro ist für F,uropa wirtschaftlich ungefähr genau so notwendig wie Öl für den Motor. Dabei geht der Behälter über. Verzichtet man aber ganz auf das Öl, bleibt einem ein Motorschaden garantiert nicht erspart und das wird teuer.

Wie sorgfältig die einzelnen Mitgliedsstaaten bei der Einführung des Euro vorgehen, wird darüber bestimmen, wie groß die Probleme bei der Umstellung sein werden. Jedenfalls liegt die Schuld nicht an der Währung selbst, sondern an den Regierungen, die sie einführen.

I )aß man dabei nicht zu hastig vorgehen sollte, liegt auf der Hand. Was aber, bitte schön, ist „nicht zu hastig"? Gegenwärtig ist der Termin der Einführung des Euro um die Jahrtausendwende festgesetzt. Daß man hier das magische Datum 1. 1. 2000 vor Augen hat, ist augenfällig, zumal es ein gut zu vermarktendes Ereignis wäre, fiele der Beginn der Währungsunion auf ein solch historisches Datum.

Die Frage, wann der Iuiro kommt, ist nicht so wichtig. Tatsache ist, daß es noch einige Zei dauern wird. Wichtig ist nur, daß er kommt, denn ohne die wirtschaftlichen Vorteile, die der Faito bringt, kann sich unser Kontinent international nicht behaupten. In Wahrheit gibt es weltweit nur mehr wenige große Märkte, wie etwa Japan, die USA oder China. Und da soll sich ein in unzählige Staaten zersplittertes Europa durchsetzen?

Deshalb istdie Währungsunion für FÄiropa so wichtig. Denn nur mit vereinten Kräften kann den großen Blockbildungen internationaler Konzerne und Institutionen die Luft aus den Segeln genommen werden. Der Euro ist dabei sozusagen das Pendant zu Dollar und Yen und hat die Aufgabe, den Kontinent nicht nur formell, sondern auch im Denken der Menschen aus den verschiedenen Ländern zu einen.

Die neue Europa- Währung fördert somit das Bundesstaaten-Denken, ähnlich wie der Dollar in den USA. Einzelne Staaten können ihre weltweit anerkannte Identität verlieren, indem sie sich dem Europagedanken unterordnen. Der Euro ist ein Teil dieses Gedankens, der Europa zweifellos näher zusammenbringt. In welcher Weise das geschieht, hängt jedoch nicht von der Idee ab, sondern von ihrer Durchführung. Die Art der lünführung dieser neuen Einheitswährung kann gerade für junge Menschen für ihr späteres lieben entscheidend sein. Daher sollte man äußerst behutsam mit dieser Thematik umgehen und auf keinen Fall, „so schnell es geht", den Euro einführen, nur um ein historisches Datum nicht zu verpassen.

Im Laufschritt in Richtung Euro -das ist der falsche Weg. Denn wer einen weiten Weg vor sich hat, der soll ja bekanntlich nicht laufen.

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