Evropa - © Foto: Wolfgang Machreich
International

Europa, viel besser als sein Ruf

1945 1960 1980 2000 2020

Genug kritisiert: Nach Euro-, Flüchtlings- und Brexit-Schock beutelt Covid-19 das gemeinsame Europa – aber die EU beweist erneut, dass sie auch diese Krise meistern kann.

1945 1960 1980 2000 2020

Genug kritisiert: Nach Euro-, Flüchtlings- und Brexit-Schock beutelt Covid-19 das gemeinsame Europa – aber die EU beweist erneut, dass sie auch diese Krise meistern kann.

Europa war die bessere Geschichte. Das ist der Grund, warum der Kontinent diesen Namen bekam und nicht „Jafetien“ heißt. Jafet war neben Sem und Cham einer der drei Söhne des biblischen Noah. „Von ­ihnen stammen alle Völker der Erde ab“, erklärt das Buch Genesis die Ahnenreihe der Menschheit nach der Sintflut, und die Tradition siedelte Jafets Kinder und Kindeskinder im Westen an. Bis ins 18. Jahrhundert war Jafetien eine ernst zu nehmende Namensalternative zu Europa.

Ein mit dem göttlichen Heilsplan verknüpfbarer Ursprungsmythos erschien vielen angemessener für das christliche Europa als die Prinzessin-Entführung eines liebestollen heidnischen Göttervaters. Letztlich setzte sich aber Euro­pa durch, schreibt der Historiker Wolfgang Schmale in seiner „Geschichte Europas“, weil es „natürlich reizvoller war, Europa mit der weiblichen Gestalt der Königstochter Europa zu verbinden als mit der männlichen Gestalt des Jafet. Der Mythos der Europa steckte voll erotischer Anspielungen, die gerne erzählt und gemalt wurden, die ­positiv konnotiert wurden und waren.“ ­Schmale betont, dass es sich dabei um „eine mythische Erzählung über Auserwähltheit, Glück und Fruchtbarkeit“ handelt.

Damit lässt sich der Kreis ins Heute und zur Selbstdefinition der Europäischen Union als „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“ schließen, oder wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel das Unionsziel in der „Berliner Erklärung“ zum 50. Jahrestag der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 2007 definierte: „Wir Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint.“ Damit lässt sich auch jetzt, nach dem Rückgang der Corona-Welle, dem Sichtbarwerden der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schäden und zum Start des Wiederaufbaus fragen: Ist das gemeinsame Europa auch dafür die bessere Geschichte?

Europa suspendiert

Zu Beginn der Coronakrise schien die EU abgemeldet, oder wie Thomas E. Schmidt in der Zeit schrieb: „Und am Tag der Krise war in Wirklichkeit auch Europa suspendiert, denn niemand hätte sich von Brüssel in Quarantäne schicken oder den Laden schließen lassen.“ Aber jetzt, wo wieder aufgesperrt werden soll, die Grenzen und die Betriebe, jetzt geht es nicht, ohne dass Europa hilft, den richtigen Schlüssel dafür zu finden. Als Physikerin war Angela Merkel Spezialistin für den Mechanismus von Zerfallsreaktionen; als Europapolitikerin arbeitet sie im 64. Jahr der Unions-Werdung – wieder einmal – an einem gegenteiligen Experiment: mehr gemeinsam, mehr für­einander statt gegeneinander.

Mit Erfolg, so viel lässt sich schon vor dem kommenden EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs am 18. Juni sagen. Gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat sie im entscheidenden Moment den deutsch-französischen Europamotor gestartet und damit der Europäischen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine unbedingt notwendige Starthilfe für ein in Höhe wie Finanzierungsmodellen noch nie dagewesenes EU-Budget samt Wiederaufbauhilfe geleistet. Dieses Finanzpaket können ihre mehr oder weniger frugalen Amtskollegen in den Mitgliedsländern noch mit der einen oder anderen Masche versehen, sie dürfen am Verpackungspapier herumnesteln, und sie werden bei den Porto- und Sendemodalitäten noch die eine oder andere Veränderung heraus- oder hinzuverhandeln.

Aufgeschnürt und in der Substanz verändert wird der Merkel-Macron-von-der-Leyen-Plan aber nicht mehr. Gleichzeitig mit der Abschaffung der Maskenpflicht ist die Einsicht der Solidaritätspflicht gewachsen und die Zustimmung zum neuen EU-Credo: „Europa kann sich nicht aus der Krise sparen. Europa muss aus der Krise rauswachsen.“ So bringt Martin Selmayr, der Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich, den Paradigmenwechsel auf den Punkt. Austerität, das Knüppelwort, mit dem Griechenland und andere Euro-Sünder Budgetdisziplin gelehrt wurde, war einmal und wird nur mehr in der bereits zitierten Light-Variante „frugal“ für einige Sparsamkeitsverpflichtungen in den Fußnoten sorgen. Selmayr und mit ihm die EU-Kommission sehen für das gemeinsame Europa jedoch jetzt einen „Hamilton-Moment light“ anbrechen.