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"Europäisierung Europas"

Kardinal Franz König im Furche-Interview - über die Grenzen Europas und die Beratungen zur EU-Verfassung. Am Vorabend der Wahlen und der EU-Erweiterung mahnt er: Die Österreicher sollen sich ihrer Geschichte bewusster sein.

Die Furche: Valéry Giscard d'Estaing, der Präsident des EU-Konvents, hat sich jüngst in der Pariser Zeitung Le Monde gegen eine Aufnahme der Türkei in die EU ausgesprochen: Ein solcher Schritt wäre "das Ende der Union". Giscard meinte, dass der Großteil der Türkei außerhalb Europas liege ...

Kardinal Franz König: Die Sorge, die Giscard zum Ausdruck gebracht hat, war meiner Wahrnehmung nach nicht gegen die Türkei gerichtet, sondern die Diskussion um den Beitritt der Türkei ist für ihn Anlass, die Frage zu stellen: Wo endet Europa? Er hat dann gemeint, wenn man weiter neue Staaten aufnimmt, wird das unscharf. Europa hat keine klare geographische Grenze. Daher sind es die Geschichte Europas und die Kultur, die damit gewachsen ist, welche die Grenze festlegen.

Die Furche: In diesem Zusammenhang kommt meist die Frage des Islam in Europa aufs Tapet.

König: Das ist im Fall der Türkei, der man schon vor Jahren offiziell zugesagt hat, sie in die EU aufzunehmen, natürlich zur Frage geworden. In der Türkei sagt man dazu: Wir gehören sehr wohl zu Europa - und weist etwa auf die Geschichte der Kontakte des Osmanischen Reiches zu Österreich-Ungarn hin. Durch diese Geschichte legt die Türkei großen Wert darauf, sehr wohl ein Teil Europas zu sein, trotz gegenseitiger historischer Belastungen.

Die Furche: Man redet oft vom christlichen Europa. Kann da ein islamisches Land zu diesem Kontinent gehören?

König: Da gibt es eine Unschärfe: Wenn man vom christlich geprägten Europa spricht, geht man von einem Kulturbegriff aus: Zu diesem kulturell geprägten Europa gehören etwa auch die NichtEU-Mitglieder Schweiz oder Norwegen. Der politische Begriff der EU ist aber etwas anderes.

Die Furche: Dieser kulturelle Europa-Begriff wird aber auch zur Begründung der politischen EU verwendet.

König: Papst Johannes Paul II. hat in seinen Europa-Reden wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass das Christentum auf Grund seiner Geschichte eine besondere Aufgabe hat, beim Aufbau des neuen Europa mitzuwirken. Und daher ist hier die Frage nur, wie weit sich das kulturelle Europa und das politische Konzept eines neuen Europa miteinander verständigen können.

Die Furche: Wenn ein islamisches Land wie die Türkei zu Europa wollte, dann müsste es sich also ans "christliche" Europa annähern?

König: Es geht hier nicht nur um die Religion, sondern um die geschichtlich-kulturelle Orientierung eines Volkes - und diese ist im Falle der Türkei auf den Balkan und damit auf Europa hin orientiert. Wie weit Europa heute noch christlich ist, bleibt offen. Im übrigen ist es interessant, dass die Grenzfrage Europas erst jetzt auftaucht. Manche meinen, man müsste eine Randzone rund um Europa ins Auge fassen, die jene Form einer Verbindung herstellt, wo man nicht mehr auf den Kulturbegriff baut, sondern ein partnerschaftliches Miteinander im Auge hat.

Die Furche: Sie meinen also keine volle Mitgliedschaft in der EU, sondern eine Art Vorstufe ...

König: ... aber nicht eine Vorstufe, damit man später einen Beitritt vollziehen kann: Es geht um eine neue Struktur eines partnerschaftlichen Miteinanders, die eigentlich als eine globale Struktur entwickelt werden müsste. Denn im Hintergrund der Frage, wo Europa eine Grenze hat, steht natürlich die Globalisierung allgemein.

Die Furche: Man sagt jetzt aber: Die Europäische Union hat sich so viel Zeit gelassen und die Türkei immer wieder auf einen späteren Termin vertröstet; die EU hat aber die politischen Rahmenbedingungen für eine derartige Struktur nicht entwickelt ...

König: ... und gar nicht überlegt.

Die Furche: Wird die Spannung zwischen einem christlichen Europa und dem Islam jetzt als Ausrede verwendet, weil man die politischen Hausaufgaben nicht gemacht hat?

König: Ich nehme nicht an, dass es sich um eine Ausrede handelt, aber man kommt jetzt drauf, dass man das schon längst hätte überlegen müssen. Darin sehe ich auch eine Herausforderung an den interreligiösen Dialog.

Die Furche: Der EU-Konvent, dem Giscard d'Estaing vorsteht, soll eine Art Verfassung für die Europäische Union entwickeln. Dabei wird auch um die Rolle der Religion beziehungsweise die Rolle der Kirchen gerungen. Ist es wichtig, dass Religionen oder Kirchen hier explizit vorkommen?

König: Ich glaube schon, wobei da unterschiedliche Traditionen der einzelnen Länder ins Spiel kommen. In Frankreich wird da etwa die laïcité, die strikte Trennung von Kirche und Staat, sehr hoch gehalten. Aber auch in Frankreich mehren sich Stimmen, dass der Begriff der laïcité im Wandel ist. Da geht es nicht mehr - wie im 19. Jahrhundert - um eine Opposition zwischen Religion und Staat. Bei uns und in anderen Ländern hat sich dieses Verhältnis ja zu einer nachbarlichen Freundschaft entwickelt.

Jetzt ist Giscard, der Präsident des EU-Konventes, von dem ich annehme, dass er ein positives Verhältnis zum Christentum hat, in einer gewissen Verlegenheit: Wie kann er - als Franzose - in den europäischen Verfassungsbegriff, den er da im Auge hat, die Religion miteinbauen?

Die Furche: Und Sie selbst: Wollen Sie, dass Religion, der Glaube an Gott in dieser EU-Verfassung drinnen steht?

König: Religion gehört ja zum Wesen des Menschen. Und ich kann nicht in einer Verfassung, wo es letztlich um den Menschen geht, das einfach ausklammern. Ich weise nochmals auf Johannes Paul II. hin, der das wiederholt angesprochen hat: Es geht hier um die Geschichte Europas. Aber es ist der Weg zu einem neuen Europa, das jetzt nicht mehr auf der christlichen Basis allein gebaut werden kann, sondern auf der Grundlage des interreligiösen Dialogs der Christen, Juden und Muslime.

Die Furche: Der Pastoraltheologe Paul Weß hat jetzt in einem Buch, zu dem Sie das Vorwort verfasst haben, die Frage nach einer sozialen Identität zu beantworten versucht.

König: Es geht dabei um die Frage nach der Grundstruktur Europas - ob Europa ein Staatenbund mit einer obersten Leitungsform sein soll, oder ob Europa weiter mit einer ge-schichtlichen Grundstruktur der Nationalstaaten bestehen kann, die - aufgrund des Subsidiaritätsprinzips - das, was sie bisher gemacht haben, soweit sie das allein schaffen können, tun. Das Gemeinsame, das alle Staaten in ihrem Interesse bedenken, das wäre dann das, was die soziale Identität ausmacht.

Die Furche: Ist diese soziale Identität das, was der frühere EU-Kommissionspräsident Jacques Delors als die "Seele Europas" bezeichnet hat?

König: Ich denke, ja. Der EU-Konvent ist ja auch bemüht, einen Namen zu finden für dieses Europa, das zwischen den beiden Polen einer "Vereinigung aller Staaten Europas" oder einer Verbindung, die das Grundgerüst einer Verbindung zwischen den geschichtlich gewachsenen Staaten belässt, liegt.

Die Furche: Es gibt eine Kluft zwischen den Menschen und der Organisation der EU. Es heißt oft: Brüssel ist so weit weg, der Europagedanke ist nicht bei den Menschen. Was kann man tun, dass sich die Menschen für Europa engagieren und begeistern?

König: Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hat der Osten gesagt: Wir gehören zu Europa. Der Westen dagegen hat gemeint: Wir überlegen, wie weit wir euch aufnehmen können. De facto gab es also zwei verschiedene Europabegriffe. Der Westen hat an den großen Markt gedacht und der Osten redete von der großen Geschichte, in der wir seit Jahrhunderten miteinander gelebt haben. Diese Spannung zweier Europabegriffe ist, so glaube ich, jetzt ziemlich überwunden. Jetzt wird sich auch der Westen bewusst, dass es nicht nur um die Zulassung der anderen, sondern um die "Europäisierung" des gesamten Kontinents geht, von der auch der Papst spricht: Diese Europäisierung gilt gleichzeitig für den Osten wie für den Westen.

Allerdings fehlt dazu immer noch die Basis. Man beschränkt sich auf die Frage: "Was habe ich von Europa, was bekommen wir von Europa?" Aber die Frage: "Was müssen wir beisteuern?", stellen wenige. Und daher müssen wir uns überlegen: "Wie weit brauchen wir etwas Gemeinsames, wie weit kann die Selbstständigkeit der Staaten bleiben?" Ich denke, das ist auch die Herausforderung des EU-Konvents.

Die Furche: In Österreich wird in wenigen Tagen gewählt. Auch da spielt die EU und deren Erweiterung eine Rolle. Sind die Österreicher da mutig genug?

König: Die Österreicher sind sich viel zu wenig ihrer Geschichte bewusst! Der Zusammenbruch der Monarchie, der mühsame Neubau zwischen den beiden Kriegen, die Zerstörung Europas im letzten Krieg haben das Traditionsbewusstsein sehr beschädigt. Es ist eine Aufgabe der Führung unseres Landes, darauf aufmerksam zu machen, dass Österreich im Herzen von Mitteleuropa eine besondere Chance und Aufgabe hat. Man hat das bis jetzt zu wenig klar gemacht, es gibt auch zuwenig Journalisten, die das tun.

Die Furche: Wir versuchen das in unserer Zeitung aber schon ...

König: ... und es ist mir klar, dass, wenn die Furche die Stimme erhebt, sie das in einem gewissen Niemandsland tut. Ringsherum hört man vor allem: Uns geht es um die Steuern, oder darum, wer Bundeskanzler wird ... Doch das so wichtige Geschichtsbewusstsein, scheint mir zur Zeit zu wenig dazusein. Und es geht schließlich nicht nur um das wirtschaftliche Wohlbefinden, sondern es geht um das bonum commune (Gemeinwohl) - nicht nur im materiellen Sinn.

Die Furche: Im Wahlkampf kommt vor allem ein negatives Geschichtsbewusstsein zum Tragen - man denke etwa an die Diskussion um die BeneÇsDekrete.

König: Man sollte das Verhältnis von Österreich zu Tschechien keinesfalls nur mit dem Blick auf die Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg, die - ebenso wie die Besetzung Tschechiens durch Hitlerdeutschland - zur belastenden Geschichte unserer beiden Länder gehören, bewerten. Aus einem umfassenderen Geschichtsbewusstsein hingegen könnten Österreicher und Tschechen viel mehr Gemeinsames entwickeln, als es - auf beiden Seiten - zur Zeit den Anschein hat.

Das Gespräch führten Otto Friedrich und Wolfgang Machreich.

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