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Europameister Deutschland

Sollte Deutschland bei der Fußball-EM gewinnen, hätte das symbolische Bedeutung. Wenn nicht, muss man dennoch hoffen, dass das Land politisch-ökonomisch seine Führungs- und Schlüsselrolle zum Wohle Europas erfüllen kann.

Schon richtig, man soll den Fußball nicht zu sehr überhöhen; vielleicht ist er ja nicht einmal die wichtigste Nebensache der Welt. Andererseits übt er unleugbar zu Zeiten von Europa- und Weltmeisterschaften eine Faszination auf weite Kreise, beileibe nicht nur Sport-Aficionados, aus. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass hier, gewissermaßen auf einem Nebenschauplatz, eine Realität widergespiegelt wird, die auf den großen Bühnen der Politik und Wirtschaft ins Hintertreffen geraten ist: dass sich Europa (und auch die Welt) aus einzelnen Nationen konstituiert, dass diese für die meisten Menschen noch immer die primäre Bezugsgröße darstellen. Wo sonst außer im Fußball wird das Wort "national“ so entspannt verwendet? Eine Nationalmannschaft - kein Problem! Eine Nationalregierung - da denkt man an einen Kanzler Strache …

Die europäische Eigenart

Eine EU-Elf gibt es hingegen ebensowenig wie eine europäische Öffentlichkeit, nennenswerte europäische Medien oder europäische Parteien. Oder genauer gesagt: Das alles gibt es, wenn überhaupt, nur im analogen Sinn, nicht in der Weise wie auf nationaler Ebene. Deswegen sprechen kluge Leute gerne von der Europäischen Union als einem Gebilde sui generis, also von etwas ganz eigener Art. Das ist lange gut gegangen, galt den Eliten als höhere Weisheit und hat sonst niemandem wehgetan. Doch diese eigene Art, diese europäische Eigenart ist nun durch die Krise unter Legitimationsdruck geraten. Plötzlich spüren alle, das funktioniert so nicht mehr. So etwas passiert, wenn man sich - menschlich verständlich - um klare Zielvorgaben herumschwindelt. An der Wiege der jüngeren Geschichte der EU steht der Deal zwischen Helmut Kohl und François Mitterrand: Euro - sprich Ende der D-Mark - gegen Wiedervereinigung. Die Deutschen gingen dabei freilich davon aus, dass der Euro so stark wie die Mark und die Europäische Zentralbank der Bundesbank nachempfunden sein sollten. Skeptiker wie Rudolf Augstein wollten das schon damals nicht so recht glauben: In Kommentaren warnte der seinerzeitige Spiegel-Herausgeber vor einer Camembert-Währung, während seine Illustratoren Euro-Münzen im Stile Dalí’scher zerrinnender Uhren ins Heft wuchteten …

Nachdem auch Deutschland lange dem Schuldentreiben zugesehen und unter Gerhard "Currywurst“ Schröder selbst den Stabilitätspakt "mit ruhiger Hand“ gebrochen hat, besinnt sich Kanzlerin Angela Merkel in der Stunde der Not wieder auf angestammte Tugenden. "Ausgerechnet Merkel, die nie eine konsequente Konservative und schon gar keine klare Wirtschaftsliberale gewesen ist, kommt plötzlich in die Rolle der Lordsiegelbewahrerin bürgerlicher Werte“, schreibt Wolfram Weimer in seiner jüngsten Handelsblatt-Kolumne. Wenn sie ’s nur aushält! Immerhin hat die Kanzlerin zuletzt klar wie nie zuvor Eurobonds - also der Vergemeinschaftung der Schulden zu Lasten Deutschlands und anderer stabilitätsorientierter Länder - eine Absage erteilt: Es werde keine Eurobonds geben, "solange ich lebe“. Wenn es mehr Europa geben soll, was auch Merkel befürwortet, dann kann das nur nach deutschem Vorbild geschehen, auch wenn man das natürlich nie so nennen wird dürfen. Andernfalls wäre eine weitere Vertiefung bis auf Weiteres eine gefährliche Drohung: Mit einer "europäischen Gesamtschule“ ist niemandem gedient.

"Vergemeinschaftung“

Wie stets, gilt auch im Kontext der europäischen Krisenbewältigung: Was gut und solidarisch und richtig klingt (diesfalls "Vergemeinschaftung“), erweist sich bei Lichte besehen als Nivellierung nach unten; am Ende verlieren alle. Für diesen Kontext ist natürlich völlig unerheblich, ob Deutschland zunächst gegen Italien gewinnt und dann womöglich noch im Finale siegt. Es hätte gewissermaßen symbolische Bedeutung. Auf politisch-ökonomischer Ebene indes muss man für Deutschland die Daumen halten: dass es - aller Unbill und allen Schmähungen zum Trotz - seine Rolle als Europameister "unverkrampft“ (© der frühere Bundespräsident Roman Herzog) weiter spielt und spielen kann.

* rudolf.mitloehner@furche.at

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