Europas gewalttätige TÜRSTEHER

"Als ich aus dem Auto kam, konnte ich fünf Minuten lang nichts sehen, weil sie eine Taschenlampe auf meine Augen richteten. Bei dieser Grenze gab es einen Hügel, von dem sie mich herunterschubsten. Ich konnte nichts sehen, und rollte hinunter. [...] Sie begannen mich zu schlagen. Sie sagten: 'Fick dich und verschwinde!' Sie hatten große Metallstöcke und trugen Masken. Sie schlugen mir auf Beine, Rücken, Brust und Gesicht, und sie boxten und traten mich." Die Schilderung stammt von einem syrischen Mann, der Ende Oktober gemeinsam mit einem anderen Geflüchteten, ebenfalls aus Syrien, von Kroatien zurück nach Bosnien abgeschoben wurde - offenbar unter erheblichem Einsatz von Gewalt seitens der kroatischen Grenzpolizisten. Dokumentiert haben dies die Organisationen "No Name Kitchen","Balkan Info Van" und "SOS Kladuša", die entsprechende Zeugnisse zusammenstellen.

Gewaltsame Rückschiebungen

27 solcher Fälle erfassten sie im August, je 25 im September und Oktober, 21 im November. Allein letzten Monat waren 292 Personen, darunter 16 Minderjährige, von den gewaltsamen Rückschiebungen betroffen. Die meisten stammten aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, aber auch Iran, Irak, Ägypten und den Maghreb-Staaten.

Die gut 900 Kilometer lange Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien ist im Laufe des Jahres zur neuen Hoffnung für Flüchtlinge geworden, die über den Balkan die EU erreichen wollen. Ein Großteil davon war nach der Schließung der früheren Balkanroute in Serbien gestrandet, andere kamen von Griechenland via Albanien und Montenegro ins Land. Nach Angaben der bosnischen Regierung waren es bis Anfang November 21.000 Personen -knapp ein Drittel aus Pakistan, mehr als 3000 aus Iran, je etwa 2500 aus Syrien und Afghanistan. Im Zentrum des Geschehens liegen die Städte Bihać und Velika Kladuša im Nordwesten Bosniens. Berichte von Push- Backs, die gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstoßen, sind keineswegs neu. Das gleiche gilt für das gewaltsame Vorgehen der kroatischen Grenzbeamten. Als die FURCHE im Frühjahr vor Ort war, erzählten die weitaus meisten Migranten in Velika Kladuša von Schlägen, Tritten und systematischer Zerstörung ihrer Mobiltelefone (siehe FURCHE vom 7. Juni 2018).

The Guardian berichtete im August von Dutzenden Opfern, die man nahe der Grenze gesprochen habe. Die Zeitung zitierte auch einen Mitarbeiter von "Ärzte Ohne Grenzen" in Bosnien, der regelmäßig Patienten behandele, die ihre Verletzungen auf gewaltsame Push-Backs zurückführen -darunter auch Frauen und Kinder. Laut den Monats-Berichten der NGO wurden 59 Minderjährige und 13 Frauen entweder direkt angegriffen oder bei einer gewaltsamen Abschiebung verletzt.

Mitte November tauchte erstmals Videomaterial auf, das von einem Syrer nachts in einem kroatischen Grenzwald aufgenommen wurde. Er selbst versteckte sich mit seiner Gruppe, als er Zeuge von Misshandlungen wurde. In dem Video hört man zunächst Schreie, die der Filmer leise kommentiert: "Die kroatische Polizei foltert sie. Sie brechen ihre Knochen." Danach treffen sich die beiden Gruppen. Ein Mann mit blutverschmierten Mund und Nase taucht auf, jemand wäscht ihm mit Wasser die Wunden aus.

Wahre Prügelorgien

Die schwerwiegenden Anschuldigungen decken sich mit den Schilderungen in den monatlichen Reporten der drei Hilfsorganisationen. In diesem Herbst etwa findet sich der Bericht einer wahren Prügelorgie, bei der drei Männer von zehn kroatischen Polizisten mit Stöcken zusammengeschlagen wurden. Ein Palästinenser, der, zurück in Bosnien, Blut erbricht und medizinische Hilfe sucht, vermutet "innere Blutungen durch zuviele Tritte in meinen Körper" als Ursache. Selbst ein 64-jähriger Mann wurde mit Schlägen aus Kroatien zurückgeschoben. Es gibt Zeugnisse von sexueller Belästigung von Frauen und Mädchen und von Gewehren, die zur Einschüchterung auf Migranten gerichtet wurden.

Gewehr an den Kopf gesetzt

Der gerade erst publizierte November-Bericht enthält die Schilderung eines jungen Pakistaners, dessen Bruder die Polizisten bat, ihm sein Mobiltelefon zurückzugeben. Als Antwort setzte man ihm ein Gewehr an den Kopf und trieb ihn nach Bosnien zurück. Ein iranischer Christ berichtet von seiner Konversation mit einem Grenzbeamten: "Ich werde im Iran wegen meines Glaubens verfolgt. Sind sie nicht auch ein Christ?" Worauf der Polizist antwortet: "Wir hassen Euch alle, egal ob ihr Christen seid. Weil ihr aus dem Nahen Osten kommt!"

Ein Element, das in zahlreichen Schilderungen auftaucht, sind die schwarzen Uniformen und Masken der Grenzpolizisten, bei denen es sich offenbar um eine Sondereinheit handelt. Mehrere Gewaltopfer berichten auch von extra platzierten Hindernissen, über die sie auf dem Weg zurück nach Bosnien springen mussten. Wer dabei hinfiel, wurde verprügelt. "Im letzten Monat beobachten wir die Zunahme eines beunruhigenden Trends der kroatischen Polizei, bei den Push-Backs 'Fallen' oder 'Hindernisse' zu benutzen", kommentiert Karolina Augustová, aktiv bei "No Name Kitchen".

Mobiltelefone werden offenbar systematisch abgenommen oder zerstört. Ein Mann gibt an, die Grenzbeamten hätten ihm 1300 Euro gestohlen. Ein Element, das in vielen Zeugnissen auftaucht, ist ein Bus, in dem aufgegriffene Migranten zu entlegenen Orten kutschiert werden, wo man sie zurück nach Bosnien schiebt. Dies geschieht in halsbrecherischem Tempo, sodass die Insassen hin-und herfallen, sowie mit aufgedrehter Heizung und Klimaanlage, was zu Atemnot und Übelkeit führt.

Wie Jack Sapoch, ein US-amerikanischer Freiwilliger bei "No Name Kitchen" in Velika Kladuša, der FURCHE berichtet, hat die Zahl der Misshandlungen leicht abgenommen, seit The Guardian Mitte November das Video publizierte. "Bis vor kurzem wurden fast alle, mit denen wir sprachen, geschlagen. Jetzt sind es 20 oder 30 von 50, die von der Grenze zurückkehren." Unverändert ist sein Fazit: "Diese Gewaltanwendung geschieht systematisch. Es geht darum, die Migranten zu erschrecken und zu erniedrigen, damit sie nicht zurückkommen."

Zwischen 50 und 100 Personen, so Jack Sapoch Ende November, würden pro Woche zurückgeschoben. Zur gleichen Zeit -in Bosnien ist inzwischen der Winter eingezogen -vernahm er Berichte, wonach Betroffene einen Abhang hinunter und in einen Fluss oder Bach gedrängt wurden. Dessen eiskaltes Wasser reichte je nach Schilderung bis zum Oberschenkel oder zur Hüfte.

Die kroatische Regierung streitet alle Berichte über Misshandlungen und Gewaltanwendungen ab.

Die Grenzbeamten, hieß es, agierten in Übereinstimmung mit nationaler Gesetzgebung und internationalen Standards. Migranten verletzten einander gegenseitig, als auch die Polizisten. Im September wies Premierminister Andrej Plenković Kritik des UNHCR an den Push-Backs zurück. Kroatien verteidige die EU-Grenzen, um eine Migrationskrise wie 2015 zu verhindern.

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