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F. P. I antwortet...

gestimmt hatte. Natürlich geben sich Lecanuet und seine Freunde nicht der Illusion hin, daß die alte Partei Robert Schumans ihre frühere Ausstrahlungskraft wiedergewinnen könnte, im Alleingang erfolgreich zu sein. Deshalb wählte man den naheliegenden Weg eines Sammlungsversuches der Mitte. Zunächst ist, als erste Initiative, an eine Zusammenarbeit mit Maurice Faure (Präsident der Radikalsozialen und der Demokratischen Sammlung — Rassenemblemen de-mocratique) und Bertrand Motte, der im Vorsitz des Demokratischen Zentrums — Centre des democrates — sitzt, gedacht worden. Man hofft auf diese Weise eine breite Basis zu bekommen und neben den Radikalsozialen und Unabhängigen auch diejenigen Sozialisten oder ehemaligen Sozialisten, soweit sie nicht für die Kandidatur Gaston Def-ferres eintreten, zu gewinnen, um nach sorgfältiger Konsultation mit allen Gruppen aus diesem neuen Demokratischen Zentrum einen gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten quasi wie einen Phönix aus der Asche vorzeitig totgesagter demokratischer Institutionen emporsteigen zu lassen. Die einer christlichen Demokratie verpflichteten Volksrepublikaner sind weit davon entfernt, sich schon jetzt mit Vorschußlorbeeren zu bekränzen und den Sieg in der Tasche zu glauben. Sie wollen die Gemeindewahlen abwarten, die im kommenden Jahr stattfinden und ihnen als „Versuchsobjekt“ für die Durchschlagskraft der neuen Bewegung dienen sollen. Senator Jean Lecanuet

denkt nur dann an die Aufstellung eines eigenen Präsidentschaftskandidaten der Sammlungsbewegung der Mitte, wenn dieser Kandidat einige Erfolgschancen auf sich vereinigen würde. Konkret heißt dies: wenn sich General de Gaulle nicht selbst zur Wahl stellt.

Die Pyramide steht auf der Spitze

Die neue Aktion begründete MRP-Präsident Lecanuet in einer großangelegten Rede, deren charakteristische Teile wir hier zitieren möchten; seine Analyse ist auf dem Postulat aufgebaut, daß das gegen-wU^ge1 Regime auf'a^fers^cflwtt^ chen Füßen stehe, da djje.. Regierungsmehrheit „vom Volke nicht ihrer selbst wegen“ gewählt worden sei. Lecanuet sagte:

„Die Vierte Republik ist tot. 'Aber die Fünfte ist in ihrer gegenwärtigen Form ohne Zukunft. Ihre Lebensdauer wird von den Umständen abhängen. Ich weiß nicht, ob Herr Malraux mit seiner Behauptung ,Die Fünfte Republik ist nicht die Vierte plus General de Gaulle' recht hat, aber jedermann sieht, daß die Fünfte Republik minus General de Gaulle die gegenwärtige Regierungsmehrheit ist — und das ist sehr wenig. Deshalb muß man eine neue Demokratie aufbauen, die den modernen Erfordernissen entspricht. Die gegenwärtige Mehrheit ist keine wirkliche Mehrheit. Sie besteht nicht aus sich selbst heraus. Sie hat nicht die Grundlage einer institutionellen Pyramide, auf die sich ihr Führer stützen würde, um von ihr seine Kraft und seine Inspiration zu erhalten. Die Lage ist umgekehrt. Die Pyramide steht auf der Spitze. Die Parlamentsmehrheit ist nur ein auf die Wählerschaft projizierter Schatten einer Macht an der Spitze, die außerhalb von ihr lebt, ohne sie und für sich selbst...“

Und später heißt es in der Rede Lecanuets:

„Jeder Eintritt in diese sogenannte Mehrheit würde kein anderes Ergebnis haben, als den Zug der Mitläufer und die Liste der Epigonen zu verlängern. Der Gaullismus hätte die Pflicht gehabt, die Nachfolge dadurch zu sichern, indem er Frankreich aus dem aus den algerischen Verhältnissen erwachsenen Ausnahmezustand in eine dauerhafte demokratische Staatsform übergeführt hätte. Seine Mission wäre die Lammlung der Franzosen für Frankreich und nicht für einen Mann gewesen. Frankreichs Zukunft läßt sich nicht durch Begriffe der Inkarnation — oder der Re-Inkar-nation (ich sage dies für den Ministerpräsidenten) — definieren, sondern durch Begriffe der Demokratisierung.“

Diese Stellen der Rede fanden in Le Touquet einen sehr lebhaften Beifall bei den Delegierten und wurden von einem großen Teil der

nicht grundsätzlich das MRP bekämpfenden Presse stark herausgestellt.

Die wesentlichsten Anliegen der Volksrepublikaner im außenpolitischen Bereich seien stichwortartig zusammengefaßt:

• Beschleunigung der wirtschaftlichen Integrität durch Verwirklichung einer Planung auf europäischer Grundlage;

• Verstärkung der EWG-Institutionen durch eine Exekutive;

• Wahl eines europäischen Parlaments durch allgemeines Wahlrecht;

• Politische Vereinigung der Westmächte — nach dem militärischen Beispiel der NATO — zur Erfolgs-

sicherung aller Verhandlungen mit dem Osten;

• Bekenntnis zum Atlantikpakt, dessen Reformen nicht seiner Schwächung, sondern seiner Stärkung dienen sollen — durch eine Assoziierung Europas und der USA auf der Ebene der Gleichberechtigung;

• Ablehnung einer nationalen atomaren Abschreckungswaffe, da sie allein im europäischen Rahmen wirksam werden kann;

• Sicherung einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern— vor allem mit Afrika und Lateinamerika — durch ein vereinigtes, mächtiges und attraktives Europa...

Mut zum Wagnis

Es ist heute, unmittelbar nach dem Nationalkongreß der Volksrepublikaner, noch zu früh, Prognosen über die Aussichten der Partei und der

neuen Sammlungsbewegung der Mitte zu stellen. In unserer politisch so schnellebigen und steten Veränderungen unterworfenen Zeit

erscheint es nicht angezeigt, die Anstrengungen der MRP als hoffnungslos zu bezeichnen, da ihr im Augenblick noch die, für eine Durchschlagskraft unerläßlichen Wähler fehlen. Das politische Verdienst der alten christlichen Partei liegt jedenfalls darin, das Wagnis nicht zu scheuen und zu versuchen, in einer Periode der Lethargie das demokratische Bewußtsein der Massen neu zu wecken. Wie im Falle des Gaul-lismus werden auch hier die Zu-kunftsumstände, die sich auf lange Sicht nicht überschauen lassen, über das Schicksal der politischen Mitte entscheiden. Jedenfalls zeigen die Reaktionen auf dem Nationalkongreß in Le Touquet, daß das dort aufgestellte Prinzip, die Alternative laute für Frankreich nicht Gaullismus oder Kommunismus, sondern Kommunismus oder Demokratie, nicht ohne Echo im Lande verhallt. Allein dies ist schon recht bemerkenswert

Irgendwo auf der Nordsee, unweit der niederländischen Küste, treibt ein seltsames Schiff. Vorüberfahrende Dampfer sehen hinter Dunstschleiern meist nur die Silhouette des ungewöhnlich hohen Mastes. Und abends, wenn die Lampen aufflammen, könnte man das Ganze für eine Lichtboje oder gar einen Leuchtturm halten.

Einsam schaukelt das verwunschene Schiff auf den Meereswogen, in Sonne und Wind, ohne sich merklich von der Stelle zu rühren, ein gestrandeter fliegender Holländer, spähend und lauernd nach der vaterländischen Küste, wie einst die Fahrzeuge der Wassergeusen im Achtzigjährigen Kriege, die sich vor der Schreckensherrschaft Albas auf das Meer geflüchtet hatten, um bei Nacht und Nebel einen Angriff auf eine von den Spaniern besetzte Stadt zu wagen.

Auch die Männer unseres Schiffs sind in einen Freiheitskampf mit ^de#'^äC^ha_Derri,'des Landes' verwickelt und wurden daher aufs Meer verbannt. Was wollten'ste? Heitere Musik in Fülle wollen sie jedem unentgeltlich ins Haus schicken und noch dazu interessante Nachrichten übermitteln, die geplagte Mütter darüber belehren sollen, welche Butter, welches Seifenpulver und welche Zahnpasta zu wählen seien, damit das spärliche Haushaltsgeld

auch wirklich bis zum Wochenende reiche. Das aber gestattet das niederländische Gesetz den funkfreudigen Gesellen fürs erste noch nicht: Kommerzielle Absichten haben nach Ansicht der Behörde im reinen Äther nichts zu suchen, weil sie sich mit den hohen kulturellen Darbietungen nicht vertragen.

Zum Glück erinnerte man sich an das Verhalten der Wassergeusen. Wenn man seine Weltbeglückungspläne nicht aufgeben wollte, mußte man in die Verbannung ziehen. Da auf weiter vaterländischer Flur kein Fleckchen Erde für einen Funkturm freigegeben wurde, fuhr man kurzentschlossen hinaus aufs Meer. Radio Veronica wurde in Holland bald ein Begriff und ist heute nächst Luxemburg der populärste Rundfunksender der Niederländer, wenngleich sie ihre Rundfunkgebühren nach wie vor getreulich zugunsten Hilversums abtragen.

Und Radio Veronica hat inzwischen Schule gemacht in der Welt. Auf See waren die Holländer ja immer Pioniere. Vor der schwedischen Küste funkt seit einiger Zeit Radio Sud seine Wellen nach Skandinavien. In den englischen Gewässern werden sich demnächst gleich zwei Schiffe um die Gunst ihres Publikums bewerben, so daß schon ein regelrechter Piratenkrieg im Äther erwartet wird.

Eine Fernsehinsel entsteht

Dieser Erfolg läßt tüchtige Geschäftsleute nicht ruhen, bevor nicht das gleiche nunmehr auch im Fernsehen versucht wird. Diesem Medium wurden Reklamesendungen bisher gleichfalls untersagt. Ein Schiff kann zu diesen Zwecken allerdings nicht verwendet werden. Was in aller Welt aber könnte geborene Wasserbauer daran hindern, eine Insel im Meer zu errichten? Die Wagemutigen legten sich ener-

gisch ins Zeug, eine Reklame Exploi-tations Gesellschaft R. E. M. wurd< gegründet, im Nu lagen die erforderlichen Millionen auf dem Tisch Reklameagenturen und Großfirmer zeigten starkes Interesse, und ihn Aufträge flössen herein. Somit gewannen die Pläne bald feste Gestalt.

Inzwischen wurden allerdings warnende Stimmen laut, und zwar von offiziellen Regierungsstellen. Im Falle Veronica hatte man nach langwierigen Diskussionen, nach vielem Sträuben und Drohen zuletzt klein beigegeben. Im Wahlkampf machte sogar eine Partei der Koalition von den verpönten Ätherwellen Gebrauch, nicht ohne Erfolg. Diesmal aber wollte die Regierung fest bleiben und sich von keinen provozierenden Äußerungen oder vollendeten Tatsachen beirren lassen. Hier lag ein Präzedenzfall vor, der tolle Konsequenzen haben könnte. Das Gedränge im Meer könnte eines Tages unübersichtlich werden. Schwarzseher sahen bereits Scharen voa Insete und Waiden von Türmen und Masten.der Küste entjang. Ließe man heute einem Piratensender freies Spiel, könnten morgen von

fremder Hand auf hoher See Bohranlagen, Lust- und Spielinseln oder Schmugglernester errichtet werden, von ausländischen Raketenbasen ganz zu schweigen.

Zwei Blindgänger

Der Versuch, ein nagelneues, „wasserdichtes“ Gesetz auszuklügeln, das alle Ungerechtigkeiten auf diesem Gebiet ein für allemal zu unterbinden habe, scheiterte.

Der Entwurf fiel lautlos unter den Tisch. Man entschloß sich, andere Wege zu gehen. Auch ausgesprochene Gegner des kommerziellen Fernsehens wurden über Nacht zu seinen Förderern. Das längst ersehnte zweite Programm wird, hofft man, das vielumstrittene Problem zugunsten einer notwendigen Aufwertung der Darbietungen in legaler Weise lösen.

Doch auch vor dieser drohenden Konkurrenz will die E. R. M. nicht weichen. Durch unvorhergesehene widrige Umstände sei die Entwicklung, .^wßjj^ns Stocken geraten, die Vorbereitungen aber seien schon weit fortgeschritten, gibt man unverdrossen bekannt. Auf den iri-

schen Verolme Werften in Cork werden die einzelnen Teile der Insel bald fertiggestellt sein. Wenn die Sommermonate ein paar windstille Wochen bringen, will man die schwierigen Bodenarbeiten unter Betreuung der „Global Offshore Structures“ aus Den Haag beginnen.

Ein Wunderwerk modernster Technik aus Beton und Stahl stellt man uns in Aussicht, dem die wildeste Springflut nichts anhaben könne. Auf sechs Riesensäulen wird sich die Insel — drei Meilen von der Küstenstadt Noordwijk entfernt, hart also an der Exterritorialgrenze — in einer Größe von nahezu 400 Quadratmeter und 15 Meter über dem Wasserspiegel erheben. In zwei Stockwerken bieten sich, Arbeits- und Wohnräume für zwölf Angestellte, Räume für die Maschinen und die elektrische Apparatur, ein Landungsdeck für Hubschrauber und vieles mehr. Der 80 Meter hohe Funkturm wird bei einer maximalen Kapazität über einen optischen Aktionsradius von 70 Kilometer verfügen, was besagt, daß seine Ausstrahlungen die gesamte Randstadt Holland, den Städtekomplex zwischen Amsterdam, Utrecht, Rotterdam und Haag berühren. Spätestens im Oktober werden die Sendungen starten.

Teuer, teuer!

Sachverständige verhehlen sich inzwischen keineswegs, daß es technische Schwierigkeiten und noch ungelöste Fragen, vor allem radiooptischer und klimatologischer Art gibt. Mehr als die Hälfte der Strahlungsenergie geht offensichtlich verloren, weil sie in falscher Richtung, meerwärts ausgestrahlt wird. Vielleicht findet die allmächtige Technik auch für solche Probleme noch eine Lösung. Ökonomen aber fragen sich, ob ein so kostspieliges Experiment, das nach Ansicht der Zweifler von vornherein zum Scheitern verurteilt sei, finanziell überhaupt verantwortet werden kann. Astronomische Zahlen bis zur Höhe von vierzig Millionen Dollar werden in diesem Zusammenhang erwähnt. Vor allem möchte man wissen, welche Kapitalisten hinter dem Projekt stehen. Nur flüsternd und ehr-furc&tewUmeiKicht lsMs.J,ein**hdSftrJ men aus: den der „Radio Corporation of America“. Jav was wäre dann schon unmöglich?

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