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Flaute, Putsch - und noch mehr Flaute

1945 1960 1980 2000 2020

Wie sich vor dem Putsch in der türkei die Wirtschaftsentwicklung gegen den Präsidenten Erdogan und seine Pläne wendete - und wie der Umsturzversuch Erdogan Zeit verschaffte, sich durchzusetzen.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie sich vor dem Putsch in der türkei die Wirtschaftsentwicklung gegen den Präsidenten Erdogan und seine Pläne wendete - und wie der Umsturzversuch Erdogan Zeit verschaffte, sich durchzusetzen.

Geht es nach der Darstellung der türkischen Regierung und der Tourismusbranche, dann hat man es östlich des Bosporus mit einem Land zu tun, in dem die Geschäfte blühen und das Geld wie Honig fließt. Fünf Prozent Wirtschaftswachstum im ersten und 3,5 Prozent im Gesamtjahr 2017. Dazu nicht die Spur einer Tourismusflaute. Der deutsche Scout von tourismusnet berichtet beglückt aus Antalya: "Alle Plätze in den Flugzeugen waren ausgebucht, die Hotels gut gebucht, auf den Straßen von Antalya munteres Treiben." So muss man erst einmal einen Putsch, einen Krieg in Kurdistan und die Säuberung eines Staatsapparats überstehen, könnte man bewundernd zugestehen. Ein Jahr der Tumulte und alles läuft, als wäre nichts geschehen. Das ist auch die Version, die Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident, so gerne hört und berichten lässt.

Doch der Schein könnte trügen. Denn hinter der schönen Außenwand scheint sich in der Türkei eine manifeste Wirtschaftskrise auszutoben, wenn man den Zahlen trauen darf, die die Wirtschaftsforscher erhoben haben. Diese Daten lassen auch eine neue Perspektive auf den Putsch von vor einem Jahr entstehen.

Jahre der Schwäche

Das Bemerkenswerte an den Daten ist, dass diese Entwicklung schon in der Zeit vor dem Putsch begonnen hat. Besonders seit 2013 wird die Türkei von einer eklatanten Exportschwäche geplagt.

Doch in den Monaten vor dem Putschversuch, von Ende 2015 bis Juni 2016, verschlimmerte sich die Entwicklung zusehends. Die Verlangsamung der Wirtschaft manifestierte sich in einem BIP-Wachstumsverlust von sechs auf vier Prozent. Diese Schwäche war begleitetet von einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und besonders der Jugendarbeitslosigkeit auf 20 Prozent.

In genau diesem Zeitraum schnellte auch die Inflation bei Lebensmitteln auf zweistellige Prozentwerte hoch, auch bei Strom und Grundnahrungsmitteln. Gemüse wurde plötzlich um 23 Prozent teurer, Trinkwasser um elf Prozent, Brot um sieben Prozent. Das ist bei einer Bevölkerung, die zu 30 Prozent aus armen oder armutsgefährdeten Menschen besteht (Quelle: Türkische Statistikbehörde TÜKIK), eine heftige Belastung. Vor allem dann, wenn die türkische Zentralbank eigentlich ein Inflationsziel von fünf Prozent angegeben hatte. Experten formulierten damals die Sorge, dass das Wirtschaftswunder vorbei sei, das die Türkei seit Antritt der konservativ-islamischen AKP-Regierung ausgezeichnet hatte.

Das hätte aber den Nimbus der Regierung zerstört, die 2002 angetreten war, den Menschen im ganzen Land Arbeit und Prosperität zu verschaffen - und das zumindest bis zur Krise 2008 auch einlöste und selbst danach mit Wachstumsraten zwischen sechs und neun Prozent glänzen konnte. 2013 war es damit vorbei. Die Auslandsinvestitionen gingen zurück, die Lira verlor an Wert, die Arbeitslosigkeit stieg.

Die negative Entwicklung färbte auf die Politik ab. Bei den Wahlen 2015 musste die AKP erstmals herbe Verluste hinnehmen. Vor allem aber drohte auch das große Projekt von Präsident Erdogan zu scheitern, der seit 2012 kontinutierlich für einen Präsidialstaat mit weitgehenden Rechten für das Staatsoberhaupt geworben hatte. Insofern war der Putsch im Juni tatsächlich, wie Erdogan es selbst ausdrückte, "ein Geschenk des Himmels".

Denn er verschaffte Erdogan vor allem eines: Ablenkung vom ökonomischen Sinkflug seines Landes. Mehr noch, er konnte nun auch Verständnis für den nach dem Putsch erst recht einsetzenden ökonomischen Absturz finden, den ja die "Feinde im Inneren" verursacht hatten.

Die ganze Zeit seither hat die Regierung der Türkei mit intensiven Übungen in keynesianischer Ankurbelung des Wirtschaftswachstums verbracht. Vor dem Präsidentenreferendum wurden Wirtschaftstreibende und der Arbeitmarkt mit Generosität überschwemmt. Für Unternehmer gab es Gratiskredite, die Zinsen zahlte die Regierung. Auch den Lohn für neue Angestellte übernahm zu 30 Prozent die Regierung. Sogar Großmütter wurden für die Kinderbetreuung entlohnt. Insgesamt erhöhte die Regierung die Ausgaben um mehr als sechs Prozent.

Letzte Hoffnung Russland

Zusätzlich musste die Regierung den Fall der Lira stoppen und die Inflation durch die Einwechselung von Devisen hemmen. Auch aus diesem Grund braucht Erdogan jene drei Milliarden Euro, die ihm die EU für den Flüchtlingsdeal bis Ende 2017 zahlt, dringender als ihm selbst lieb sein dürfte.

Denn die Inflationsrate stieg zuletzt erneut auf zwölf Prozent und der "Bloomberg Elends-Index", der Inflation und Arbeitslosigkeit kombiniert, weist das schlechteste Ergebnis für die Türkei seit 2002 aus.

Immerhin bleibt dem Machthaber von Ankara noch eine Hoffnung: Russlands Präsident Wladimir Putin. Beim jüngsten Gipfel in Sotchi entwarfen die beiden vage Pläne für eine Wirtschaftsmacht des Ostens, angeführt von Russland und der Türkei.

Inzwischen bittet die Türkei die Russen als Urlauber ins Land. Und während die Hälfte der Westeuropäer dieses Jahr ausbleiben, verzeichnen die Hotels um 150 Prozent mehr Russen. Doch auch diese Statistik ist nicht so golden, wie sie glänzt: Die türkischen Hoteliers müssen Preisabschläge um bis zu 70 Prozent anbieten, damit die Gäste kommen -um die schöne Fassade zu bevölkern, die der Präsident so gerne sieht.

Geht es nach der Darstellung der türkischen Regierung und der Tourismusbranche, dann hat man es östlich des Bosporus mit einem Land zu tun, in dem die Geschäfte blühen und das Geld wie Honig fließt. Fünf Prozent Wirtschaftswachstum im ersten und 3,5 Prozent im Gesamtjahr 2017. Dazu nicht die Spur einer Tourismusflaute. Der deutsche Scout von tourismusnet berichtet beglückt aus Antalya: "Alle Plätze in den Flugzeugen waren ausgebucht, die Hotels gut gebucht, auf den Straßen von Antalya munteres Treiben." So muss man erst einmal einen Putsch, einen Krieg in Kurdistan und die Säuberung eines Staatsapparats überstehen, könnte man bewundernd zugestehen. Ein Jahr der Tumulte und alles läuft, als wäre nichts geschehen. Das ist auch die Version, die Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident, so gerne hört und berichten lässt.

Doch der Schein könnte trügen. Denn hinter der schönen Außenwand scheint sich in der Türkei eine manifeste Wirtschaftskrise auszutoben, wenn man den Zahlen trauen darf, die die Wirtschaftsforscher erhoben haben. Diese Daten lassen auch eine neue Perspektive auf den Putsch von vor einem Jahr entstehen.

Jahre der Schwäche

Das Bemerkenswerte an den Daten ist, dass diese Entwicklung schon in der Zeit vor dem Putsch begonnen hat. Besonders seit 2013 wird die Türkei von einer eklatanten Exportschwäche geplagt.

Doch in den Monaten vor dem Putschversuch, von Ende 2015 bis Juni 2016, verschlimmerte sich die Entwicklung zusehends. Die Verlangsamung der Wirtschaft manifestierte sich in einem BIP-Wachstumsverlust von sechs auf vier Prozent. Diese Schwäche war begleitetet von einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und besonders der Jugendarbeitslosigkeit auf 20 Prozent.

In genau diesem Zeitraum schnellte auch die Inflation bei Lebensmitteln auf zweistellige Prozentwerte hoch, auch bei Strom und Grundnahrungsmitteln. Gemüse wurde plötzlich um 23 Prozent teurer, Trinkwasser um elf Prozent, Brot um sieben Prozent. Das ist bei einer Bevölkerung, die zu 30 Prozent aus armen oder armutsgefährdeten Menschen besteht (Quelle: Türkische Statistikbehörde TÜKIK), eine heftige Belastung. Vor allem dann, wenn die türkische Zentralbank eigentlich ein Inflationsziel von fünf Prozent angegeben hatte. Experten formulierten damals die Sorge, dass das Wirtschaftswunder vorbei sei, das die Türkei seit Antritt der konservativ-islamischen AKP-Regierung ausgezeichnet hatte.

Das hätte aber den Nimbus der Regierung zerstört, die 2002 angetreten war, den Menschen im ganzen Land Arbeit und Prosperität zu verschaffen - und das zumindest bis zur Krise 2008 auch einlöste und selbst danach mit Wachstumsraten zwischen sechs und neun Prozent glänzen konnte. 2013 war es damit vorbei. Die Auslandsinvestitionen gingen zurück, die Lira verlor an Wert, die Arbeitslosigkeit stieg.

Die negative Entwicklung färbte auf die Politik ab. Bei den Wahlen 2015 musste die AKP erstmals herbe Verluste hinnehmen. Vor allem aber drohte auch das große Projekt von Präsident Erdogan zu scheitern, der seit 2012 kontinutierlich für einen Präsidialstaat mit weitgehenden Rechten für das Staatsoberhaupt geworben hatte. Insofern war der Putsch im Juni tatsächlich, wie Erdogan es selbst ausdrückte, "ein Geschenk des Himmels".

Denn er verschaffte Erdogan vor allem eines: Ablenkung vom ökonomischen Sinkflug seines Landes. Mehr noch, er konnte nun auch Verständnis für den nach dem Putsch erst recht einsetzenden ökonomischen Absturz finden, den ja die "Feinde im Inneren" verursacht hatten.

Die ganze Zeit seither hat die Regierung der Türkei mit intensiven Übungen in keynesianischer Ankurbelung des Wirtschaftswachstums verbracht. Vor dem Präsidentenreferendum wurden Wirtschaftstreibende und der Arbeitmarkt mit Generosität überschwemmt. Für Unternehmer gab es Gratiskredite, die Zinsen zahlte die Regierung. Auch den Lohn für neue Angestellte übernahm zu 30 Prozent die Regierung. Sogar Großmütter wurden für die Kinderbetreuung entlohnt. Insgesamt erhöhte die Regierung die Ausgaben um mehr als sechs Prozent.

Letzte Hoffnung Russland

Zusätzlich musste die Regierung den Fall der Lira stoppen und die Inflation durch die Einwechselung von Devisen hemmen. Auch aus diesem Grund braucht Erdogan jene drei Milliarden Euro, die ihm die EU für den Flüchtlingsdeal bis Ende 2017 zahlt, dringender als ihm selbst lieb sein dürfte.

Denn die Inflationsrate stieg zuletzt erneut auf zwölf Prozent und der "Bloomberg Elends-Index", der Inflation und Arbeitslosigkeit kombiniert, weist das schlechteste Ergebnis für die Türkei seit 2002 aus.

Immerhin bleibt dem Machthaber von Ankara noch eine Hoffnung: Russlands Präsident Wladimir Putin. Beim jüngsten Gipfel in Sotchi entwarfen die beiden vage Pläne für eine Wirtschaftsmacht des Ostens, angeführt von Russland und der Türkei.

Inzwischen bittet die Türkei die Russen als Urlauber ins Land. Und während die Hälfte der Westeuropäer dieses Jahr ausbleiben, verzeichnen die Hotels um 150 Prozent mehr Russen. Doch auch diese Statistik ist nicht so golden, wie sie glänzt: Die türkischen Hoteliers müssen Preisabschläge um bis zu 70 Prozent anbieten, damit die Gäste kommen -um die schöne Fassade zu bevölkern, die der Präsident so gerne sieht.