Frauen, Kinder, Flüchtlingslager - © Foto: picturedesk.com / Reporters / Teun Voeten

Frauen und Kinder im Krieg: „Jeder leidet für sich im Stillen“

1945 1960 1980 2000 2020

Die Geschichten aus Mariupol in der Ukraine und Aleppo in Syrien ähneln einander. Die Autorin Shahla Ujayli beschreibt Vertreibung, Recht und Heimatlosigkeit. Ein Interview.

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Die Geschichten aus Mariupol in der Ukraine und Aleppo in Syrien ähneln einander. Die Autorin Shahla Ujayli beschreibt Vertreibung, Recht und Heimatlosigkeit. Ein Interview.

DIE FURCHE: Sie haben lange Zeit in Aleppo gelebt. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie jetzt hören und sehen, wie die russische Artillerie und Luftwaff e Mariupol oder Sjewjerodonezk in Schutt und Asche legen?

Shahla Ujayli: Ich denke an die Zivilbevölkerung, all die unschuldigen Menschen, die da runter leiden und ihr Zuhause verlieren. Es ist sehr schwer, wenn man von zu Hause wegmuss. Das gilt auch für jene, die zunächst in ein nahegelegenes Gebiet ziehen, weil sie hoff en, bald wieder zurückzukönnen. Das dauert in der Ukraine jetzt schon drei Monate. In Syrien sind es mehr als elf Jahre. Meine Heimatstadt Aleppo hat mit der Stadt meiner Kindheit und Jugend nichts mehr zu tun.

DIE FURCHE: Ihre Familie stammt ja aus Raqqa, das einige Jahre die Hauptstadt des Islamischen Staates war. Sind Sie seither dort gewesen?

Ujayli: Nein. Aber meine Angehörigen, die dortgeblieben sind, sagen, alles ist anders. Die Videos und Fotos, die ich sehe, zeigen eine Stadt, die ich nicht kenne. So ähnlich sehen es wohl auch die Vertriebenen aus der Ukraine, dem Jemen oder Palästina. Was bedeutet Heimat, wenn man sein Zuhause, seine Erinnerungen, seine Wurzeln und seine Familie zurücklassen musste und es nicht möglich ist, in seine Heimatstadt zurückzukehren?

DIE FURCHE: Weil so viel zerstört ist?

Ujayli: Schauen Sie sich die Bilder von Mariupol an. Das ist Niemandsland, völlig zerstört: die Häuser, die Straßen. Und man weiß nicht, wer die Menschen kontrolliert. Es herrscht Gesetzlosigkeit.

DIE FURCHE: Sind Ihre Angehörigen noch in Raqqa?

Ujayli: Ja, mein Vater und eine Schwester. Sie wollen dort leben, obwohl die Stadt kaputt ist, sie wollen in ihrem Haus bleiben. Sie haben überlebt, obwohl die alliierten Kräfte die Stadt bombardiert haben. Drei Nachbarn und mehrere Cousins wurden getötet. Aber mein Vater hat überlebt. Wir hatten Glück. Das Haus wurde von einer Bombe getroff en, die nicht detonierte. Aber die Gegend wurde von den Islamisten vermint, als sie abzogen. Selbst in Häusern haben sie Minen hinterlassen. Immerhin können wir jetzt wieder telefonieren. Das Schwierigste ist jetzt, die sozialen Beziehungen zwischen den Menschen wieder aufzubauen, von denen einige den Islamischen Staat unterstützt haben.

DIE FURCHE: Wird die Stadt jetzt wieder vom Assad-Regime kontrolliert?

Ujayli: Nein, von kurdischen Milizen. Das ist kein repressives Regime. Man sieht keine bewaff neten Uniformierten auf der Straße. Sie haben die Verwaltung übernommen und die Gerichte. Aber das Leben ist noch alles andere als normal. Die Kinder sind jetzt zehn Jahre nicht regelmäßig in richtige Schulen gegangen. Der Unterricht ist verheerend. Es ist eine individuelle und eine kollektive Tragödie, was da passiert ist. Jeder leidet für sich im Stillen.

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