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Friede, Freiheit, Wohlstand

1945 1960 1980 2000 2020

Friedenssicherung, wirtschaftliche und ökologische Argumente stehen bei den EU-Befüwortern * im Vordergrund.

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Friedenssicherung, wirtschaftliche und ökologische Argumente stehen bei den EU-Befüwortern * im Vordergrund.

Was bewegt die Wählerinnen und Wähler, die am 12. Juni über den EU-Beitritt abstimmen werden? - Eine Momentaufnahme von Stefan Kronthaler

Susanne Henning, Sekretärin: Anfangs betrachtete ich die Europäische Union vom persönlichen Standpunkt: Was würde mir ein Beitritt bringen, was nicht? Im Laufe der Zeit versuchte ich jedoch, zu einer umfassenderen Sicht zu kommen. Die Argumente der Gegner konnten mich letztlich nicht überzeugen. Hingegen sehe ich eher die Vorteile, zum Beispiel für die Arbeitnehmer im verbesserten Gesundheitsschutz, für den Konsumenten durch die Qualitätskonkurrenz. Der Aspekt der Friedensicherung wurde mir in der Werbung für einen EU-Beitritt viel zu wenig betont, hat aber meine Befürwortung besonders beeinflußt. Schlußendlich bedeutet Europa für mich Offenheit, Freiheit aber auch die Verpflichtung zur Solidarität mit den ärmeren Mitgliedstaaten.

Gertrud Piesch, Pensionistin: Wir leben in einer Demokratie und es ist jedermanns gutes Becht, seine Meinung laut und öffentlich darzulegen. Gerade das scheint mir aber ein triftiger Grund, für die Europäische Union zu sein. Ich. erinnere mich noch sehr gut an den letzten Krieg, in dem es lebensgefährlich war, eine eigene Meinung zu haben. Nicht einmal in der eigenen Familie war man sicher, ob nicht einer dabei war, der zur Gestapo ging. In einem solchen Käfig zu sitzen und einem Terror-Regime ausgeliefert zu sein, dem man über keine der waffenstrotzenden Grenzen entfliehen kann, das möchte ich nie mehr erleben und sehe wun-es auch meinen Kindern und Enkelkindern nicht. So habe ich schon damals gehofft, Europa könnte einmal etwas sein, wie zum Beispiel die USA, in denen es trotz aller Völkervielfalt seit 1865 keinen Krieg mehr gab. Sicher steht bei einem Zusammenschluß der europäischen Länder derzeit das wirtschaftliche Interesse im Vordergrund. Wobei immerhin das Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd und später vielleicht auch zwischen Ost und West gemildert werden könnte, was uns nicht gleichgültig sein darf. Und nicht nur „die anderen”, sondern auch wir selbst könnten unseren Arbeitsplatz quer durch Europa frei wählen. Wofür wir freilich in Zukunft eintreten müssen ist, daß die EU eben nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein menschlich lebenswertes Gebilde wird. Und wer könnte das besser garantieren als Familien, in denen Solidarität, Hilfsbereitschaft, Krisenfestigkeit und Stehvermögen gelebt wird?

Anneite Höfferl, BHS-Professor1n:

Wenn die Idee eines geeinten Europas schon über Jahrhunderte immer wieder ideell gefordert wurde, so hat es erst der schrecklichen Erfahrungen zweier Weltkriege bedurft, um eine Umsetzung dieser Idee in Angriff zu nehmen. Über die Vorteile eines großen Wirtschaftsraumes hinaus, hatte man damals vor allem die Vision, einen Staatenbund oder Bundesstaat zu schaffen, in dem Konflikte auf friecTli-che Weise ausgetragen werden.

Wer hätte sich zum Beispiel damals vorstellen können, daß sich die jahrhundertealte Feindschaft der Deutschen und der Franzosen in so kurzer Zeit zu einem freundschaftlichen Miteinander umwandelt? Warum soll ein erweitertes, vereintes Europa nicht auch die Erweiterung der Friedenszonen mit sich bringen, auch dort, wo das heute noch unvorstellbar ist?

Diesen Wert eines vereinten Europas sollten wir über kleinkrämeri-schen Überlegungen „wieviel Prozent wird dies steigen oder jenes fallen” hinaus nicht vergessen.

Cacilia Lipp, Wirtschafts wissen-sciiafierin:

Ich bin für einen Beitritt zur Europäischen Union, weil ich mir insgesamt wirtschaftliche Vorteile durch den Binnenmarkt erhoffe. Mein Hauptargument für den Bei-' tritt ist aber, daß durch diese supranationale Einrichtung eine europäische Friedenssicherung gewährleistet werden kann. Österreich als Mitglied der Europäischen Union kann hiebei aktiv gestaltend an einem europäischen Sicherheitssystem mitwirken. Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Umweltpolitik, die auf Europa-Ebene effizienter vorangetrieben werden kann, denn Abgase, Ozon oder

Kohlendioxid machen vor keiner Grenze halt. Umweltprobleme können nur grenzüberschreitend gelöst werden. Von manchen Personen und Parteivertretern wird die Handlungsweise der Bundesregierung als Torschlußpanik bezeichnet. Ich hingegen finde, daß die Aufklärungsarbeit der Bundesregierung durchaus ausreichend war und ist, um die Volksabstimmung für den 12. Juni gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Denn Voraussetzung für den Erfolg von Informationsarbeit ist auch ein entsprechender Informationswille der Bevölkerung. Dieser war bei einem großen Teil der Gegner nur sehr unzureichend gegeben, beziehungsweise wurde ersucht, nur von den Negativa der EU Kenntnis zu erlangen.

Mein Wunsch an die künftigen Vertreter Österreichs: In der EU ähnlich initiativ und aktiv gestaltend zu sein, um für Österreich und Europa mit bestem Wissen und Gewissen das Vorteilhafteste zu erreichen. Denn nicht ein Abgehen von Verantwortung, sondern verantwortungsbewußte Europapolitik betreiben, ist gefragt.

Für diese Aufgabe wünsche ich mir verantwortungsbewußte Österreicherinnen und Österreicher, die aktiv am Gestaltungsprozeß mitwirken.”

Michael schützeneder, Student: Der Hauptgrund, warum ich für einen EU-Beitritt bin, ist, daß in Zeiten der ständigen Internationalisie-rung Österreich nicht abseits stehen kann. Die großen Fragen und Sorgen wie Arbeitslosigkeit, Umweltschutz, die soziale Frage und auch die Sicherung des Friedens kann ein so kleines Land wie Österreich nicht allein lösen.

Mir gefällt auch, daß in der Europäischen Union die freie Wahl des Arbeitsplatzes möglich ist. Der Beitritt Österreichs zur EU ist auch insofern eine wirtschaftspolitische Notwendigkeit, da wir jetzt schon bis zu 80 Prozent des täglichen Bedarfs importieren.

Nicht übersehen werden darf auch, daß sich gerade in unserer Zeit auch der asiatische Raum zu einem größeren Ganzen zusammenfügt. Europa ist daher gut beraten, ebenfalls die größere Gesamtheit anzustreben, da man nur in dieser wirtschaftlichen Kompaktheit und Zusammengehörigkeit in Hinkunft wird überleben können.

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