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Friede für Europa

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Mit Diplomatie statt Krieg wollten die Großmächte Europa nach Napoleon neu gestalten. Eine historische Nachlese zur Zuerkennung des Friedensnobelpreises an die EU.

Angesichts der aktuellen Finanzkrise wird die Zukunft Europas zur Diskussion gestellt. Die Szenarien bewegen sich zwischen den Polen Föderation der Nationalstaaten, wie sie Kommissionspräsident José Manuel Barroso anstrebt, der das vereinte Europa auch als Gegengewicht zu den USA oder China sieht, und der Rückkehr zu einem System der Einzelstaaten. Mitten in die Debatte platzt der Friedensnobelpreis für die EU. Ein schlechter Scherz? Oder eine Mahnung zur rechten Zeit, dass das vereinte Europa sehr viel mehr ist als eine Wirtschaftsunion? Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich. Denn die Frage des Mit-, Neben- oder Gegeneinanders der europäischen Staaten zieht sich durch die Geschichte.

In den auf die Französische Revolution 1789 folgenden Koalitionskriegen eroberte Frankreich die Hegemonie in Europa. Das Grand Empire Napoleons, seit 1804 "Kaiser der Franzosen“, erreichte vor 200 Jahren seine größte territoriale Ausdehnung. Ein Großteil Europas war seiner direkten oder indirekten Herrschaft unterworfen, alle Fäden liefen in Paris zusammen. Nach dem Motto "Frankreich zuerst“ funktionierte das Empire ähnlich einem Kolonialreich; eroberte und verbündete Reiche wurden Frankreich untergeordnet und mussten wirtschaftliche Nachteile, beispielsweise durch die Kontinentalsperre gegen England, in Kauf nehmen. Auf Krieg folgte Krieg. In den Weiten Russlands wollte Napoleon 1812 seine Universalmonarchie behaupten - und scheiterte.

Mächtekonzert als "Sicherheitsrat“

Vereint gelang es den Großmächten Russland, Preußen, Österreich und England die französische Hegemonie zu brechen. Napoleon dankte ab. Wie sollte es mit Europa weiter gehen? Das deklarierte Ziel der Verbündeten war, wieder ein Gleichgewicht der Kräfte zu erreichen und auf dieser Basis den Frieden zu sichern. Damit lassen sich auch die sehr gemäßigten Bedingungen des 1. Pariser Friedens und des Wiener Kongresses 1814/15 erklären: Frankreich sollte unter den wieder eingesetzten Bourbonen weder innen- noch außenpolitisch allzu sehr geschwächt, sondern mittelfristig wieder in den Kreis der fünf Großmächte eingeordnet werden. Diese sollten sich im multipolaren Ordnungssystem der Pentarchie gegenseitig im Gleichgewicht halten und so den Status quo garantieren. Der österreichische Staatskanzler Clemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich und der britische Außenminister Robert Stewart Castlereagh setzten sich besonders dafür ein, dass Frankreich ein Gegengewicht zu Russland bilden konnte. In der Mitte Europas sollte in Nachfolge des alten Reiches der Deutsche Bund als Defensivkraft einen Puffer bilden.

Angesichts der jahrzehntelangen Kriege suchte man in Wien 1814/15 Mittel und Wege zur kommunikativen, friedlichen Lösung zwischenstaatlicher Probleme: Kongresse der Außenminister, Botschafterkonferenzen und Sonderkommissionen. Beratungen und gemeinsame Entschlussbildung durch die Großmächte sollten einen erneuten (Welt-)Krieg verhindern. In dieser Funktion kann das europäische Mächtekonzert durchaus als Vorläufer des Sicherheitsrates betrachtet werden. Anlässlich des Kongresses von Aachen 1818, bei dem Frankreich wieder offiziell in das Mächtekonzert aufgenommen wurde, sprach Castlereagh gegenüber dem britischen Premierminister Liverpool von einem "European Government […] giving to the great Powers the efficiency and almost the simplicity of a single state“.

Ganz so einfach war es allerdings nicht. Misstrauen und Interessenskonflikte belasteten das neue System; jahrhundertealte Gegensätze waren schwer zu überbrücken, zumal noch in den napoleonischen Kriegen jede Großmacht außer England zeitweise mit Frankreich verbündet gewesen war. Die Mitglieder der Pentarchie mussten die Europapolitik mit ihrer jeweiligen Großmachtpolitik vereinen. Zur Erhaltung des Friedens war es erforderlich, außenpolitische Ambitionen zurückzustecken und die in den diplomatischen Verhandlungen gemeinsam gefällte Entscheidung zu akzeptieren. Ein schwieriger Balanceakt. Bereits am Wiener Kongress drohte bei der Neugestaltung der europäischen Landkarte ein Krieg zwischen den Alliierten: Preußen wollte sich ganz Sachsen, Russland das Großherzogtum Warschau einverleiben. Österreich, England und Frankreich stellten sich dagegen. Durch einen Kompromiss konnte der Konflikt beigelegt werden.

Gegen liberale und nationale Strömungen

Auf den Kongressen von Aachen, Troppau, Laibach und Verona in den Jahren 1818 bis 1822 ging es hauptsächlich darum, wie die Großmächte auf die Revolutionen in Spanien, Portugal und Italien reagieren sollten. Metternich, der "Kutscher Europas“, wollte die Großmächte darauf verpflichten, jeder revolutionären Bewegung, die auf eine Änderung der bestehenden Verfassung eines Staates abzielte, entschieden entgegenzutreten. Denn politische Umstürze schwächten das betroffene Land und destabilisierten in weiterer Folge das empfindliche System des europäischen Gleichgewichts. In Wien wie in Sankt Petersburg setzte man Revolution mit Krieg gleich und bemühte sich darum, liberale und nationale Strömungen zu unterdrücken. Allerdings unterzeichneten nur die Monarchen Russlands, Preußens und Österreichs Metternichs Vorschlag. Sie sahen das Mächtekonzert als Vorsorgeinstrument, um jede Revolution im Keim zu ersticken, wobei sie das Recht zur (militärischen) Intervention beanspruchten. Hingegen wollte England nur dann einem Eingriff in die innenpolitischen Verhältnisse eines Staates zustimmen, wenn die europäische Ordnung als solche tatsächlich gefährdet würde.

Kampf um "Platz an der Sonne“

Die Ära der Kongresse und das relative Einverständnis der Großmächte gingen bereits 1822 zu Ende; die großen Revolutionen von 1830 und 1848/49 stellten das System Europa auf eine harte Probe. Dennoch versuchten die Staatsmänner noch mit anlassbezogenen Botschafterkonferenzen auftretende Krisen zu bewältigen, Konflikte möglichst zu begrenzen und eine Ausweitung in gesamteuropäische Dimensionen zu verhindern. Nach dem Ausbruch des griechischen Unabhängigkeitskrieges 1821 konnte die orientalische Frage Anfang 1830 auf der Londoner Konferenz vorerst noch friedlich gelöst werden, indem die Unabhängigkeit Griechenlands vom Osmanischen Reich durch das Mächtekonzert - unter Einbeziehung der Hohen Pforte selbst - anerkannt wurde. Noch 1878 beschäftigte sich der Berliner Kongress mit der Balkankrise.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts gewannen jedoch die nationalstaatlichen Interessen die Oberhand. Ein plakatives Beispiel dafür stellt die Forderung des deutschen Reichskanzlers Bernhard Heinrich Graf von Bülow nach einem "Platz an der Sonne“ dar. Das Konzert der Großmächte wurde aufgegeben. Erst unter dem Eindruck der Weltkriege des 20. Jahrhunderts suchten die Politiker mit Völkerbund und Vereinten Nationen wieder die Verständigung und Wege friedlicher Konfliktlösung. Ebenso lassen sich die Anfänge der Europäischen Gemeinschaft auf das Bestreben zurückführen, die "Erbfeindschaft“ zwischen Frankreich und Deutschland durch wirtschaftliche Bande abzubauen.

Die EU ist nicht perfekt; mögliche Alternativen wie ein (partieller) Ausstieg führen aber auch nicht ins Schlaraffenland. Was die Wähler von ihren politischen Vertretern einfordern dürfen, ist eine verantwortungsvolle Vorgehensweise. Sowohl im Diskurs wie im Handeln ist ein Blick über den nächsten Wahltermin hinaus notwendig. Die in Oslo gefällte Entscheidung erinnert daran, dass Friede nicht selbstverständlich ist.

Mit Diplomatie statt Krieg wollten die Großmächte Europa nach Napoleon neu gestalten. Eine historische Nachlese zur Zuerkennung des Friedensnobelpreises an die EU.

Angesichts der aktuellen Finanzkrise wird die Zukunft Europas zur Diskussion gestellt. Die Szenarien bewegen sich zwischen den Polen Föderation der Nationalstaaten, wie sie Kommissionspräsident José Manuel Barroso anstrebt, der das vereinte Europa auch als Gegengewicht zu den USA oder China sieht, und der Rückkehr zu einem System der Einzelstaaten. Mitten in die Debatte platzt der Friedensnobelpreis für die EU. Ein schlechter Scherz? Oder eine Mahnung zur rechten Zeit, dass das vereinte Europa sehr viel mehr ist als eine Wirtschaftsunion? Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich. Denn die Frage des Mit-, Neben- oder Gegeneinanders der europäischen Staaten zieht sich durch die Geschichte.

In den auf die Französische Revolution 1789 folgenden Koalitionskriegen eroberte Frankreich die Hegemonie in Europa. Das Grand Empire Napoleons, seit 1804 "Kaiser der Franzosen“, erreichte vor 200 Jahren seine größte territoriale Ausdehnung. Ein Großteil Europas war seiner direkten oder indirekten Herrschaft unterworfen, alle Fäden liefen in Paris zusammen. Nach dem Motto "Frankreich zuerst“ funktionierte das Empire ähnlich einem Kolonialreich; eroberte und verbündete Reiche wurden Frankreich untergeordnet und mussten wirtschaftliche Nachteile, beispielsweise durch die Kontinentalsperre gegen England, in Kauf nehmen. Auf Krieg folgte Krieg. In den Weiten Russlands wollte Napoleon 1812 seine Universalmonarchie behaupten - und scheiterte.

Mächtekonzert als "Sicherheitsrat“

Vereint gelang es den Großmächten Russland, Preußen, Österreich und England die französische Hegemonie zu brechen. Napoleon dankte ab. Wie sollte es mit Europa weiter gehen? Das deklarierte Ziel der Verbündeten war, wieder ein Gleichgewicht der Kräfte zu erreichen und auf dieser Basis den Frieden zu sichern. Damit lassen sich auch die sehr gemäßigten Bedingungen des 1. Pariser Friedens und des Wiener Kongresses 1814/15 erklären: Frankreich sollte unter den wieder eingesetzten Bourbonen weder innen- noch außenpolitisch allzu sehr geschwächt, sondern mittelfristig wieder in den Kreis der fünf Großmächte eingeordnet werden. Diese sollten sich im multipolaren Ordnungssystem der Pentarchie gegenseitig im Gleichgewicht halten und so den Status quo garantieren. Der österreichische Staatskanzler Clemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich und der britische Außenminister Robert Stewart Castlereagh setzten sich besonders dafür ein, dass Frankreich ein Gegengewicht zu Russland bilden konnte. In der Mitte Europas sollte in Nachfolge des alten Reiches der Deutsche Bund als Defensivkraft einen Puffer bilden.

Angesichts der jahrzehntelangen Kriege suchte man in Wien 1814/15 Mittel und Wege zur kommunikativen, friedlichen Lösung zwischenstaatlicher Probleme: Kongresse der Außenminister, Botschafterkonferenzen und Sonderkommissionen. Beratungen und gemeinsame Entschlussbildung durch die Großmächte sollten einen erneuten (Welt-)Krieg verhindern. In dieser Funktion kann das europäische Mächtekonzert durchaus als Vorläufer des Sicherheitsrates betrachtet werden. Anlässlich des Kongresses von Aachen 1818, bei dem Frankreich wieder offiziell in das Mächtekonzert aufgenommen wurde, sprach Castlereagh gegenüber dem britischen Premierminister Liverpool von einem "European Government […] giving to the great Powers the efficiency and almost the simplicity of a single state“.

Ganz so einfach war es allerdings nicht. Misstrauen und Interessenskonflikte belasteten das neue System; jahrhundertealte Gegensätze waren schwer zu überbrücken, zumal noch in den napoleonischen Kriegen jede Großmacht außer England zeitweise mit Frankreich verbündet gewesen war. Die Mitglieder der Pentarchie mussten die Europapolitik mit ihrer jeweiligen Großmachtpolitik vereinen. Zur Erhaltung des Friedens war es erforderlich, außenpolitische Ambitionen zurückzustecken und die in den diplomatischen Verhandlungen gemeinsam gefällte Entscheidung zu akzeptieren. Ein schwieriger Balanceakt. Bereits am Wiener Kongress drohte bei der Neugestaltung der europäischen Landkarte ein Krieg zwischen den Alliierten: Preußen wollte sich ganz Sachsen, Russland das Großherzogtum Warschau einverleiben. Österreich, England und Frankreich stellten sich dagegen. Durch einen Kompromiss konnte der Konflikt beigelegt werden.

Gegen liberale und nationale Strömungen

Auf den Kongressen von Aachen, Troppau, Laibach und Verona in den Jahren 1818 bis 1822 ging es hauptsächlich darum, wie die Großmächte auf die Revolutionen in Spanien, Portugal und Italien reagieren sollten. Metternich, der "Kutscher Europas“, wollte die Großmächte darauf verpflichten, jeder revolutionären Bewegung, die auf eine Änderung der bestehenden Verfassung eines Staates abzielte, entschieden entgegenzutreten. Denn politische Umstürze schwächten das betroffene Land und destabilisierten in weiterer Folge das empfindliche System des europäischen Gleichgewichts. In Wien wie in Sankt Petersburg setzte man Revolution mit Krieg gleich und bemühte sich darum, liberale und nationale Strömungen zu unterdrücken. Allerdings unterzeichneten nur die Monarchen Russlands, Preußens und Österreichs Metternichs Vorschlag. Sie sahen das Mächtekonzert als Vorsorgeinstrument, um jede Revolution im Keim zu ersticken, wobei sie das Recht zur (militärischen) Intervention beanspruchten. Hingegen wollte England nur dann einem Eingriff in die innenpolitischen Verhältnisse eines Staates zustimmen, wenn die europäische Ordnung als solche tatsächlich gefährdet würde.

Kampf um "Platz an der Sonne“

Die Ära der Kongresse und das relative Einverständnis der Großmächte gingen bereits 1822 zu Ende; die großen Revolutionen von 1830 und 1848/49 stellten das System Europa auf eine harte Probe. Dennoch versuchten die Staatsmänner noch mit anlassbezogenen Botschafterkonferenzen auftretende Krisen zu bewältigen, Konflikte möglichst zu begrenzen und eine Ausweitung in gesamteuropäische Dimensionen zu verhindern. Nach dem Ausbruch des griechischen Unabhängigkeitskrieges 1821 konnte die orientalische Frage Anfang 1830 auf der Londoner Konferenz vorerst noch friedlich gelöst werden, indem die Unabhängigkeit Griechenlands vom Osmanischen Reich durch das Mächtekonzert - unter Einbeziehung der Hohen Pforte selbst - anerkannt wurde. Noch 1878 beschäftigte sich der Berliner Kongress mit der Balkankrise.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts gewannen jedoch die nationalstaatlichen Interessen die Oberhand. Ein plakatives Beispiel dafür stellt die Forderung des deutschen Reichskanzlers Bernhard Heinrich Graf von Bülow nach einem "Platz an der Sonne“ dar. Das Konzert der Großmächte wurde aufgegeben. Erst unter dem Eindruck der Weltkriege des 20. Jahrhunderts suchten die Politiker mit Völkerbund und Vereinten Nationen wieder die Verständigung und Wege friedlicher Konfliktlösung. Ebenso lassen sich die Anfänge der Europäischen Gemeinschaft auf das Bestreben zurückführen, die "Erbfeindschaft“ zwischen Frankreich und Deutschland durch wirtschaftliche Bande abzubauen.

Die EU ist nicht perfekt; mögliche Alternativen wie ein (partieller) Ausstieg führen aber auch nicht ins Schlaraffenland. Was die Wähler von ihren politischen Vertretern einfordern dürfen, ist eine verantwortungsvolle Vorgehensweise. Sowohl im Diskurs wie im Handeln ist ein Blick über den nächsten Wahltermin hinaus notwendig. Die in Oslo gefällte Entscheidung erinnert daran, dass Friede nicht selbstverständlich ist.