Gaza - © Foto: APA / AFP / Mahmud Hams

Frieden zwischen Israel und Palästina: Warum es schwierig ist.

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Warum ist es um die einst lautstarke Friedensbewegung in Israel so still geworden? Und was haben ihre Aktivisten zum Krieg in Gaza zu sagen? Ein Gespräch mit Eliaz Cohen.

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Warum ist es um die einst lautstarke Friedensbewegung in Israel so still geworden? Und was haben ihre Aktivisten zum Krieg in Gaza zu sagen? Ein Gespräch mit Eliaz Cohen.

Eliaz Cohen ist überzeugter Siedler, tief gläubiger Jude, Poet und Aktivist. Die von ihm mitbegründete Organisation „Ein Land für alle – zwei Staaten, ein Heimatland“ hat soeben den Luxemburger Friedenspreis zugesprochen bekommen. Der Organisation geht es vor allem um Kooperation, die Förderung von direktem Kontakt zwischen Juden und Palästinensern und die Schaffung eines echten Zusammenlebens. Was ihm vorschwebt sind zwei Staaten, die in einer engen Konföderation in einem gemeinsamen Heimatland koexistieren. Und das macht Eliaz Cohen gleicher Maßen zu einem scharfen Kritiker der israelischen Politik wie zu einem radikalen Vertreter des vereinenden Lagers. Ein Lager, um das es relativ still geworden ist in den vergangenen Jahren.

DIE FURCHE: Mit Blick auf das, was derzeit gerade in Israel und den palästinensischen Gebieten passiert und als jemand, der sich seit sehr langer Zeit für ein friedliches Zusammenleben engagiert: Wie empfinden Sie die aktuelle Situation?
Eliaz Cohen:
Ich bin kein Mann der Verzweiflung. Ich bin ein Mann der Hoffnung. Viele in Israel sprechen über die Bewältigung dieses Konflikts. Aber die Realität beweist: Nicht wir managen den Konflikt; der Konflikt managt uns. Es fängt mit kleinen Dingen an, und die Frustration setzt sich fort. Wir aber sollten die Verantwortung für diesen Konflikt übernehmen und ihn lösen. Wir sind so kreativ – Israelis und Palästinenser. Nur Frieden schaffen, das schaffen wir nicht. Das sage ich sehr bewusst als religiöser Jude. Der Wert des Friedens aber ist im Judentum wie im Islam hoch. Diese jetzige Eskalation wird irgendwann aufhören. Und am Tag danach wird es hier immer noch Israelis und Palästinenser geben. Wir sollten beginnen, diese Tatsache zu respektieren.

Eliaz Cohen ist überzeugter Siedler, tief gläubiger Jude, Poet und Aktivist. Die von ihm mitbegründete Organisation „Ein Land für alle – zwei Staaten, ein Heimatland“ hat soeben den Luxemburger Friedenspreis zugesprochen bekommen. Der Organisation geht es vor allem um Kooperation, die Förderung von direktem Kontakt zwischen Juden und Palästinensern und die Schaffung eines echten Zusammenlebens. Was ihm vorschwebt sind zwei Staaten, die in einer engen Konföderation in einem gemeinsamen Heimatland koexistieren. Und das macht Eliaz Cohen gleicher Maßen zu einem scharfen Kritiker der israelischen Politik wie zu einem radikalen Vertreter des vereinenden Lagers. Ein Lager, um das es relativ still geworden ist in den vergangenen Jahren.

DIE FURCHE: Mit Blick auf das, was derzeit gerade in Israel und den palästinensischen Gebieten passiert und als jemand, der sich seit sehr langer Zeit für ein friedliches Zusammenleben engagiert: Wie empfinden Sie die aktuelle Situation?
Eliaz Cohen:
Ich bin kein Mann der Verzweiflung. Ich bin ein Mann der Hoffnung. Viele in Israel sprechen über die Bewältigung dieses Konflikts. Aber die Realität beweist: Nicht wir managen den Konflikt; der Konflikt managt uns. Es fängt mit kleinen Dingen an, und die Frustration setzt sich fort. Wir aber sollten die Verantwortung für diesen Konflikt übernehmen und ihn lösen. Wir sind so kreativ – Israelis und Palästinenser. Nur Frieden schaffen, das schaffen wir nicht. Das sage ich sehr bewusst als religiöser Jude. Der Wert des Friedens aber ist im Judentum wie im Islam hoch. Diese jetzige Eskalation wird irgendwann aufhören. Und am Tag danach wird es hier immer noch Israelis und Palästinenser geben. Wir sollten beginnen, diese Tatsache zu respektieren.

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DIE FURCHE: Ist das, was derzeit geschieht, nur eine weitere Eskalation oder ist das ein Wendepunkt?
Cohen:
Solche Unruhen wie derzeit haben wir sehr lange nicht gesehen. Vielleicht sogar zuletzt vor der Gründung des Staates Israel. Selbst die Unruhen im ersten Monat der zweiten Intifada waren nicht einmal annähernd mit denen derzeit zu vergleichen. Aber in diesen Tagen der schweren Unruhen habe ich auch gesehen, wie Menschen – Israelis und Palästinenser – zusammenstehen, einander beschützen und einander helfen. Zur alten Struktur der Koexistenz zurückzukehren, wird aber nicht ausreichen. Die bietet keine Gleichheit – auch nicht innerhalb Israels. Ich hoffe, dass viele jüdische Israelis zu der Einsicht kommen, dass das, was vielleicht wie Koexistenz aussieht, so in Zukunft nicht mehr existieren kann. Wir reden über den jüdischen demokratischen Staat – aber wir haben ein Militärregime in den palästinensischen Städten und Dörfern errichtet, wir haben das Westjordanland besetzt. Ja, Ich lebe jenseits der grünen Linie, ich bin ein Zionist, ich bin Siedler. Aber ich erkenne zugleich auch aus tiefstem Herzen alles Palästinensische hier an - historisch, moralisch und religiös. Es ist ein Land. Durch Abtrennung vergrößert sich nur die Kluft. Das verstärkt die Entmenschlichung des Anderen. Wenn wir uns verstehen wollen, müssen wir uns die Geschichten der anderen anhören, das ist der einzige Weg.

Wir reden über die Demokratie Israel, aber wir haben ein Militärregime in Palästina errichtet.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielen die jeweiligen Opferrollen?
Cohen:
Oh. Wir, Israelis und Palästinenser, wir versuchen, die olympischen Spiele des Leidens und des Opferseins zu gewinnen wie kaum jemand anderer. Wir sollten damit aufhören. Wir Juden, wir können es mit dem Holocaust und hunderten Jahren der Diaspora und ethnischer Säuberungen rechtfertigen. Und ich kann das auch sehr gut nachvollziehen. Aber wir haben seit 73 Jahren einen unabhängigen Staat. Ein Staat mit enormer Macht. Wir sind ein Atomimperium. Und trotzdem sehen sich die Menschen hier als Verfolgte und Opfer. Viele Israelis verhalten sich wie im Schtetl. Israel ist ein Schtetl mit Luftwaffe. Und die andere Seite: Da ist die lange Geschichte, wie die Palästinenser von den Israelis schikaniert wurden. Sehr viele Israelis und Palästinenser – und das zeigen Umfragen – phantasieren immer noch darüber, eines Tages aufzuwachen, das Fenster zu öffnen und die andere Seite ist verschwunden. Das ist eine sehr gefährliche Phantasie.

DIE FURCHE: Zugleich aber ist es still geworden um jene in Israel, die den Frieden wollen. Warum?
Cohen:
Die Linke in Israel ist sehr schwach. Die großen Mehrheiten sind im rechten Lager und in der Mitte – aber nicht links der Mitte. Ich glaube auch, dass das ein Problem einer stillen Mehrheit ist. Man hört es nicht, wenn sich diese stille Mehrheit wehrt oder etwas fordert. Aber wir wissen, dass sie prinzipiell für die Lösung des Konflikts steht.

Cohen - © Foto: Privat

Eliaz Cohen

Eliaz Cohen wirbt unbeirrt für seine Vision eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Israelis und Palästinensern.

Eliaz Cohen wirbt unbeirrt für seine Vision eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Israelis und Palästinensern.

DIE FURCHE: Wie wirkt sich eine solche stille Mehrheit auf den Konflikt aus?
Cohen:
Wir können es in der israelischen Politik sehen. Aber auch in der palästinensischen Politik. Unser System ist sehr instabil. Auf der anderen Seite gab es seit 16 Jahren keine Wahlen. Wir haben keine wirkliche Führung. Nicht in Israel und nicht in Palästina. Da sind nicht Personen in Position, die den Boden für die nächste Generation bereiten. Zugleich sind alle Raketen der Hamas nichts anderes als Wahlkampf. Und auch wir machen Wahlkampf mit Raketen, Gewalt und Blutvergießen. Das führt uns in eine tödliche Sackgasse.

DIE FURCHE: Sie haben die Ausschreitungen in Israel erwähnt. Wie kann ein Zusammenleben aussehen – angesichts der Wunden, die jetzt aufgerissen werden?
Cohen:
Ich bin sicher, dass sie geheilt werden können. Aber es wird ein sehr langer Prozess werden. Die Trennung hat uns gegeneinander aufgehetzt. Sie hat uns entmenschlicht. Ich bin überzeugt: Israelis sollten die arabische Sprache, Kultur und die Bräuche lernen – und die andere Seite die hebräischen Bräuche. Ich habe immer darauf bestanden, mit der Hamas zu verhandeln – von dem Moment an, als sie gewählt war. Denn wenn sie die Meinung in Gaza repräsentiert, dann müssen wir uns dem stellen. Ich fürchte, dass die Hamas auch im Westjordanland gewinnen wird. Wir müssen mit ihr reden. Wir dürfen nicht alte Fehler wiederholen. Stärke – und wir sind stark – geht mit Verantwortung einher.

Der Artikel erschien in der FURCHE 20/2021 unter dem Titel "Israel ist ein Schtetl mit Luftwaffe".

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