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Gegen den Kleingeist

1945 1960 1980 2000 2020

Im europäischen Einigungsprozeß dürfen die Christen nicht abseits stehen. Dazu ist aber auch eine Änderung der Verhaltensweise der Kirche erforderlich.

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Im europäischen Einigungsprozeß dürfen die Christen nicht abseits stehen. Dazu ist aber auch eine Änderung der Verhaltensweise der Kirche erforderlich.

Europapolitik folgt, noch nicht immer wohl gelungen, aber deutlich angestrebt und effizient, einer geistigen Bewegung. So kann die Europäische Union keineswegs ein Kürzel für bloß kommerzielles Denken sein. Robert Schuman, ein Pionier eines geeinten Europas, sagte 1951 zur Gründung der Montanunion, der Vorläuferin der EU: „Dieser Weg wird eine Revolution des Friedens bringen.” Europa folgt also einer geistig politischen Bewegung und kann nicht auf bloß utilitaristische, merkantile Ziele verengt werden. Natürlich ist die EU zu hinterfragen, ob sie heute solches bewirken kann.

Aber bereits die Wirtschaftsfreiheiten der Menschen in der EU sind Menschenfreiheiten: die Freiheit des Personenverkehrs, also die Bewegungsfreiheit des einzelnen im gesamten europäischen Baum, die Niederlassungsfreiheit, die Freiheit des Kapitalverkehrs.

Europa wird ein Europa der Sicherheit sein müssen. Eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik ist zu schaffen und bedingt erst die verläßliche Friedensordnung. So sehr uns im Südosten des Kontinentes neue kriegerische Auseinandersetzungen bedrücken, so sehr sind auch die neuen Ansätze zu einer Friedensordnung zu sehen - etwa am Beispiel, daß die Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich aufgehoben ist.

Umso deutlicher wird man in diesem geschichtlichen Augenblick die höchst aktuellen Gefahren neuer Extremismen, die Tendenzen zu Benationali-sierung, erkennen müssen und ihnen entgegenzuwirken haben. Der gegenwärtige Papst hat darauf hingewiesen, daß die Gefahr akut sei, daß neue Mauern die Nationen wieder trennen. So stehen wir vor der Entscheidung, die nur europäisch zu bewältigen ist: Be-nationalisierung oder Integration.

Alles dies geht nur in Gemeinsamkeit. Nicht, wenn man draußen bleibt, kleingläubig, kleinzügig und kleinkariert ist. Mitwirkung ist die beste Vorkehrung, daß das neue Europa kein Euro-Zentralstaat wird, gesteuert von einem bürokratischen Monster in Brüssel. An Jean Monnet sei erinnert, der gesagt hat: „Wir führen nicht einfach nur Staaten zu einer Addition zusammen, sondern wir führen in Europa Menschen zusammen.” Solches ist auch ureigenste Aufgabe der Christen. Es geht in Europa um den einzelnen, also den Menschen. Und es geht in Europa um die einzelnen, also die Völker. Eine besondere Aufgabe wartet hier auf die Christen. Skepsis und Klage wären kontraproduktiv. Über die Nationen hinweg brauchen wir in Europa die versöhnten Verschiedenheiten statt alter Feindbilder. Es bleibt eine Zukunftsvorstellung, den Kontinent des Friedens mit 42 Staaten zu schaffen, Mitverantwortung zu erkennen für die Menschen und Völker des ehemals getrennten Ostens. Es ist eine zentrale, allgemeine, christlich europäische Aufgabe, den Menschen in diesen Ländern das Gefühl zu geben: ihr seid Europäer!

Die Grundlage jeder gesunden menschlichen Gesellschaft ist die Humanität. Wie ist dies mit dem Christlichen zu verbinden? Der Theologe Eugen Biser sagte jüngst bei der Pastoraltagung in Wien: „Der Sturm des Säkularismus habe sich aller großen Ideen der christlichen Tradition bemächtigt ... Glaube wurde zur Weltanschauung, Freiheit zur Liberalität, Liebe zur Solidarität, Barmherzigkeit zur Toleranz”. Diese humanistischen Zielvorstellungen sollen nicht bloß „konfessionell eingebunden” bleiben, sondern die Humanitas in ihrer Gesamtheit fördern. Der Christ hat damit neben der Verantwortung auch Chancen; er erkennt sie nur allzu oft nicht

In diesem Zusammenhang wäre auch eine neue Verhaltensweise der Kirche anzusprechen. Nötig ist eine neue Identität des Christentums in Europa. Wiederzufinden ist der Mut zu einer neuen Selbstdarstellung. Der Christ kann nicht nur Zuseher sein, er muß diesen Integrationsprozessen gegenüber aktiv und zukunftsfreudig sein. Der Europabeauftragte St. Pöltens, Dozent Friedrich Romig, meinte, die EU-Vertreter würden den Kirchen nicht mehr zugestehen als eine Art „Wärmespeicher” für die kalte kapitalistische Gesellschaft von morgen zu sein. Ein solcher Gedankenzug faßt zu kurz und ich widerspreche ihm radikal. Es geht um die bereits erwähnten vorhandenen Wertvorstellungen; vom Christen wird demnach verlangt, diesen Augenblick der europäischen Entwicklung als homo religio-sus zu begreifen. Das ist ein un-delegierbarer Anteil im Einigungsgeschehen. Der Dienst des Christen Europa gegenüber ist eine Bringschuld für das Werden der neuen Völkergemeinschaft, im Sinne eines Handlungsbedarfes gegenüber der Ratlosigkeit, der inneren Heimatlosigkeit und der See-lenlosigkeit des modernen Menschen.

Eine Frage muß noch angeschnitten sein: welches Bild bieten die Christen mit ihren Kirchen? Bewegen sie sich, offensichtlich von der Gesellschaft an den Rand gedrängt, nur auf den Rückzugslinien einer Minderheitenkirche? Verhalten sie sich, die das Salz der Erde sein sollten, etwa ähnlich wie die Schiffbrüchigen des realen Sozialismus? Zuversicht in das Eigentliche, das Wesenhafte der christlichen Botschaft ist aufzubringen. Als Christen werden wir sicherlich nicht stärker, nicht effektiver, nicht zeitgemäßer oder zukunftsorientierter, wenn wir in exhibitionistischer Weise kurzatmige Adaptionen - als Konservative nach rückwärts, als Progressive nach vorne - als sehr vorübergehende Moden am Haus der Kirche anbringen wollen. Wenn wir Auseinandersetzungen so führen, daß wir zum Gespött der Nichtgläubigen werden. Die Frage sollte uns bedrängen, ob ein solch trauriges Schauspiel, auch hier in Österreich, nicht fragwürdig auf die Christen des ehemaligen Ostblocks wirkt, die doch nun das Leben in Demokratie und Freiheit, auch und gerade in der Freiheit der Beligionsaus-übung, wiedergewinnen wollen.

Europäische Eintracht setzt auch den Geist der Eintracht in den Kirchen voraus. Auf den europäischen Einigungsprozeß kirchlicherseits Einfluß zu nehmen heißt nicht Abbruch, sondern das positive Suchen und Bingen um das Christliche unter den aktuellen Gegebenheiten.

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