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Liberalismus: Eine ideologische Spurensuche

Interview Gerhart Baum - © llustration: Rainer Messerklinger
International

Gerhart Baum: "FDP hat gestörtes Verhältnis zum Staat"

1945 1960 1980 2000 2020

Der frühere deutsche FDP-Innenminister Gerhart Baum über Gefährdung der Freiheit durch den Markt, das Attentat von Hanau und Verharmlosung von Rechtsextremismus in der „bürgerlichen Mitte“.

1945 1960 1980 2000 2020

Der frühere deutsche FDP-Innenminister Gerhart Baum über Gefährdung der Freiheit durch den Markt, das Attentat von Hanau und Verharmlosung von Rechtsextremismus in der „bürgerlichen Mitte“.

Gerhart Baum ist 87 – und argumentiert so wortgewaltig wie eh und je. Zuletzt kritisierte er seine eigene Partei scharf für mangelnde Abgrenzung nach rechts. Baum war von 1978 bis 1982 deutscher Innenminister und engagierte sich als Rechtsanwalt und Bundestagsabgeordneter für den Schutz von Grund- und Bürgerrechten. In Deutschland wird er gerne als Vertreter des „linksliberalen Flügels der FDP“ tituliert – er selbst sieht sich als „sozialliberal“.

DIE FURCHE: Herr Baum, Sie sind ein Liberaler. Aber was ist das eigentlich?
Gerhart Baum: Das muss in Beziehung zu den Zeitläuften gesetzt werden. Daraus kann man definieren, wozu Liberale heute gefordert sind. In welcher Situation befinden wir uns also aktuell? Wir leben in einer Zeitenwende, einer Zeit des Umbruchs, bestimmt durch Globalisierung und Digitalisierung. Der Soziologe Ralf Dahrendorf bezeichnete sie schon Ende des vergangenen Jahrhunderts als Informationsrevolution, die alle Bereiche der Gesellschaft und des menschlichen Verhaltens erreicht – bis hin zur politischen Willensbildung. Sie ist auch aus meiner Sicht deutlich tiefgreifender als alle bisher bekannten Zäsuren.

DIE FURCHE: Warum?
Baum: Das Datenkapital wurde zum bestimmenden Faktor. Dahrendorf sagte auch: Wir gehen auf ein Jahrhundert zu, in dem autoritäre Strukturen zunehmen werden. Das hat sich leider bewahrheitet. Vernunft, Liberalität, die Gedanken der Aufklärung sind in die Defensive geraten. Dazu kommt: Die Menschen spüren keine Zukunftssicherheit mehr. Sie fürchten sich vor den gigantischen globalen Veränderungen, die sich völlig verselbstständigt haben: Die Flüchtlingsbewegungen. Die Finanzmärkte. Der Terrorismus. Der Klimawandel. Sie haben sowohl Abstiegs- als auch Aufstiegsängste. Gerade in der Mittelschicht fürchten sich viele, nicht mehr aufsteigen zu können. All das ist ein Nährboden für die Verführer, die Menschen mit einfachen Antworten auf komplizierte Probleme abspeisen – und dabei die globalen Zusammenhänge negieren.

DIE FURCHE: Wo sehen Sie in dieser Gemengelage den Platz des Liberalen?
Baum: Der Liberale muss in diesen veränderten Lebensrealitäten die Gefährdungen der Freiheit aufspüren und verteidigen. Aber nicht im Sinne der totalen Ökonomisierung, der wir ausgesetzt sind, sondern mit einem geschärften ethischen Bewusstsein. Markt und Ethik gehören zusammen. Auch an die Wirtschaftspolitik müssen kritische Fragen gestellt werden: Was bewirkt eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche? Und wo wird der Markt zu einer Gefährdung gesellschaftlicher Freiheit?